A Personal Note From Little Dragon «P. Diddy schrie unseren Namen»

Feuer, Beats und bunten Rauch speit der kleine, vierköpfige Drache: Die schwedische Band Little Dragon mag nicht so recht in ein Schema passen. In ihrer Musik stecken verträumter Pop, tragische Geschichten, Hip-Hop- und Elektronik-Einflüsse, irritierende Sounds und verspielte Melodien. Ein Gespräch mit Schlagzeuger Erik Bodin und Bassist Fredrik Källgren Wallin über mysteriöse Bilder und semiglamouröse Begegnungen. 
Little Dragen
© Lukas Maeder

Eine Hälfte von Little Dragon, aufgenommen von Lukas Maeder.

Ich habe eure Band vor sechs Jahren über das Cover des Albums «Machine Dreams» kennengelernt. Was ist die Geschichte dieses Gemäldes?
Fredrik Källgren Wallin: Das Bild hat ein japanischer Künstler namens Hidejuki Katsumata gemalt. Unsere Sängerin Yukimi hatte damals irgendwo im Internet seine Bilder entdeckt und mit ihm Kontakt aufgenommen. So entstand ein reger Austausch. Als wir ihn fragten, ob er unser Albumcover malen wolle, sagte er sofort zu.
Erik Bodin: Ein interessanter Mensch. Er schwebt irgendwo in anderen Sphären. Kann man sich ja auch vorstellen, wenn man das Bild betrachtet. Keine Ahnung, was in seinem Kopf vorgeht.

Gut, das frage ich mich manchmal auch bei euch!
(beide lachen)
Fred: So geht es uns auch!

Was seht Ihr, wenn Ihr Euch das Bild anschaut?
Erik: Da passiert so viel auf dem Bild. Hände, Augen, Babies, seltsame Kreaturen, Farben, Monster.
Fred: Ich glaube, er hat zum Teil irgendwie versucht, die einzelnen Songs festzuhalten. Als Teile eines grösseren Bildes.
Erik: Ich finde, es passt gut zu uns, weil wir auch nicht klar einzuordnen sind. Und es ist nicht traurig und schwer, sondern wie eine Farbexplosion mit einer mysteriösen Kraft.

Wie fangt Ihr diese mysteriöse Kraft musikalisch ein?
Fred: Es fängt immer mit der Musik an. Mit einem Groove, mit einem Sound, einem Beat. Wenn unsere Erzeugnisse bei Yukimi irgendetwas auslösen, dann macht sie sich an die Arbeit. Oder sucht in ihrem Textbuch irgendetwas, das passt und baut das dann weiter aus.

Wird darüber diskutiert?
Fred: Nein.
Erik: Doch! Immer mehr in letzter Zeit. Sie scheint langsam der Meinung zu sein, dass wir ihr intellektuell zumindest annähernd das Wasser reichen können! Nein, im Ernst: Fred hat sich da mehr bemüht als ich.
Fredrik: Ja, wir unterhalten uns öfter mal über die Texte oder über mögliche Themen. Aber Erik und ich sind halt Musiker. Wir drücken uns über Musik aus – und achten dann eher darauf, wie sich der Gesang darin einfügt. Die Aussagen der Texte bilden da eine andere Ebene, auf die wir eher selten Einfluss nehmen.
Erik: Das ist nicht unser Metier. Yukimi kennt sich mit Wörtern aus, wir mit Beats. Das sind zwei verschiedene Welten.

A Personal Note From Little Dragon
© Lukas Maeder

Erik (Schlagzeug) und Fredrik (Bass) von Little Dragon.

Versucht Ihr denn herauszufinden, worum es geht?
Erik: Ja!
Fred: Ja, schon. Aber sie hilft uns nicht gross dabei. Sie ist da sehr zurückhaltend. Vielleicht geht es ja um etwas sehr Persönliches, von dem sie nicht will, dass wir es wissen sollen...

Sie erklärt nicht gerne.
Erik: Ist auch verständlich. Wir sagen den Leuten ja auch nicht, wie sie sich zu unseren Beats zu verhalten haben. Aber wenn du ein bisschen Hilfe brauchst: Wenn du tanzt, liegst du sicher nicht falsch. Tanzen ist immer gut. (lacht)

Eure Musik landet immer im Dazwischen: Zwischen Hip-Hop und elektronischer Musik, zwischen R&B und Pop, zwischen Balladen und tanzbaren Stücken. Nehmt Ihr Euch manchmal vor, einen astreinen Song zu machen?
Fredrik: Nun ja, am Anfang war das sicher so. Da wollten wir R&B machen. Aber wir wussten nicht genau wie ...
Erik: ... und als wir den Dreh dann raushatten, fanden wir’s langweilig.
Fredrik: Deshalb mögen wir Musik, die nicht so offensichtlich ist. Das Dazwischen ist irgendwie interessanter.
Erik: Prince ist das beste Beispiel dafür. Irgendwie assoziiert man ihn ja immer mit dem Genre Funk. Aber in seinem Repertoire hat er die schrägsten Pop- und Rocksongs. Songs, die sich fremder Elemente bedienen. Sei es der Groove, sei es die Melodie, sei es der Drumcomputer. Ich glaube, wir wären ziemlich traurig, wenn wir plötzlich merken würden, dass wir etwas ganz Spezifisches gemacht haben. Wenn wir jetzt ein Trap Album gemacht hätten, dann wäre die Falle zugeschnappt.

Trotzdem klingt Eure Musik ja immer frisch und zeitgenössisch. Ihr scheint ja schon auf der Höhe der Zeit zu sein.
Erik: Wir verschliessen uns sicher nicht vor neuer Musik. Und natürlich nehmen wir uns immer wieder etwas vor: Wir wollen sehr direkte Musik machen. Sehr präsente Musik. Keinen Soundteppich und auch nichts, was über die Köpfe der Leute hinwegschwebt.

Und Ihr führt die Zuhörer gerne in die Irre. Auf eurem aktuellen Album sind ein paar Stücke, die erst eine komplett andere Fährte legen.
Fred: Ja, wir mögen die Überraschung. Bei den meisten Popsongs weiss man schon nach drei Sekunden, wie sie enden werden. Wir ziehen gerne mal noch ein Ass aus dem Ärmel.
Erik: Oder ein Kaninchen! Es gibt jedenfalls immer etwas zu entdecken, dafür sorgen wir.

A Personal Note From Little Dragon
© Lukas Maeder

«Bei den meisten Popsongs weiss man schon nach drei Sekunden, wie sie enden werden. Wir ziehen gerne mal noch ein Ass aus dem Ärmel.»

Dazu kommt mir dieses Geräusch im Stück «Ritual Union» in den Sinn. Es klingt wie eine kurze Stromschwäche, eine kurze Irritation. Wie kommt das da hin?
Erik: Schwer zu sagen. Wir haben mit der Zeit wohl einfach genug Selbstvertrauen entwickelt, um dieses Geräusch dort hinzusetzen. Gerade bei dem Album kamen immer wieder Leute mit guten Ratschlägen an: «Hey, vielleicht solltet ihr da die Bassspur verdoppeln oder diesen oder jenen Sound weglassen», blablabla. Wir waren lange zu empfänglich für solche komischen Ratschläge. Keine Ahnung, was dieser Sound bedeutet. Aber wir wollen ihn genau dort haben.

Was war der glamouröseste Moment in der Karriere von Little Dragon?
Erik: (lacht laut) Gab es jemals einen glamourösen Moment? Ach ja, den gab es: Wir haben vor ein paar Jahren mal im Central Park in New York gespielt. Wir sassen zu viert im Backstage rum, als plötzlich Unruhe entstand. Jemand näherte sich mit riesigem Getöse unserer Garderobe. Es war P. Diddy. Als er die Aufschrift an unserer Tür sah, schrie er: «LITTLE DRAGON!». Dann machte er ein paar Schritte auf uns zu und sagte: «Heute wird euer Traum wahr: P. Diddy ist hier!»

Und dann?
Erik: Wir waren logischerweise erstmal peinlich berührt.
Fred: Aber dann stellte sich heraus, dass er ein grosser Fan ist.
Erik: Ja, und kurz nachdem er dann wieder abgerauscht war, bekam Yukimi eine SMS. Er schrieb: «Kommt zu mir ins Studio.»

Seid Ihr hin?
Erik: Logisch. Aber er war nicht da.
Fred: Stimmt, erst war nur der Hausmeister da und führte uns herum. Eine Stunde später kam er dann und spielte uns sein neues Album vor. In absolut kranker Lautstärke. Dann sagte er plötzlich: «Oh, ich muss meine Kinder von der Schule abholen», und verschwand ohne jedes weitere Wort.

Der unglamouröseste Moment?
Erik: Fred, erzähl doch die gleiche Geschichte noch mal! Nein, im Ernst: Wahrscheinlich müsste man hier unseren letzten Festivalauftritt in Rumänien anführen. Rumänien ist fantastisch. Aber die Organisation der Reise war eine Katastrophe.  

Was war eure letzte musikalische Entdeckung?
Fred: Mir gefällt das Album von Jamie XX ganz gut.
Erik: Ich habe kürzlich via Social Media ein Stück namens «Bounce, Rock, Skate, Roll» entdeckt. Das war eine kleine Erleuchtung – so wie wenn man nach Jahren den Sample eines Hip-Hop-Stücks findet. Hör dir das unbedingt mal an!

A Personal Note From Little Dragon
© Little Dragon

Die Personal Note von Little Dragon: Eine freundlich gesinnte Kreatur von Bassist Fred.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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