Privé Tamy Glauser: die Google-Prinzessin

Zu Ehren der meist gegoogelten Schweizer Persönlichkeit 2016: Wir hatten schon Anfang Herbst den richtigen Riecher und haben Tamy Glauser in ihrer Wahlheimat Paris getroffen. Wer's damals verpasst hat: (btw: shame on you!) Hier noch mal zum nachlesen.
tamy glauser
© Manuel Obadia-Wills

Tamy vor dem Club des legendären Les Bains in Paris.

Immer etwas anders fühlte sich das Berner Meitschi Tamy Glauser. Dunkler in der Hautfarbe als die Kollegen in der Schule und grösser in der Körperlänge. Nicht an Jungs interessiert war sie als junge Erwachsene. Mit rasiertem Kopf präsentiert sie Männermode auf dem Laufsteg. Irgendwann begreift sie ihr Anderssein als Chance und beginnt, mit diesem zu spielen. Glausers Karriere nimmt Fahrt auf, als sie Ende zwanzig ist. Sie wird von Labels wie Givenchy, Vivienne Westwood oder Jean Paul Gaultier gebucht. Ihr Look funktioniert für Frauen- wie Männerkollektionen. Er eint feminine und maskuline Attribute verwirrend anziehend. So wird sie zur Hauptfigur des Gender-Bending – des fluiden Umgangs mit Geschlechterrollen. Ihren Ritterschlag erhält sie, als sie 2015 von Louis Vuitton exklusiv gecastet wird. Für die Herbst/Winter-Kollektion von Vivienne Westwood ist sie nun erstmals auch Kampagnengesicht eines grossen Brands. Die 31-Jährige schreibt ihr eigenes Märchen, in dem sie zeitgleich Prinzessin und Prinz ist. Die Style hat Glauser am französischen Nationalfeiertag in ihrer Wahlheimat Paris besucht. Im legendären Hotel und Klub Les Bains, in dem ihre Mutter einst zwei Tage vor Tamys Geburt noch Silvester gefeiert hatte, gab sie uns Einblicke in ihr Leben.

Style: Durch Ihre Adern läuft royales Blut, Sie sind die Tochter einer nigerianischen Prinzessin und eines Schweizer Vaters. Fühlen Sie sich wie eine Prinzessin?
Tamy Glauser: Ich bin höflich, habe gute Umgangsformen. Als junge Frau half ich meiner Mutter, die Sachen für einen Umzug zu packen. Dabei fiel mir ein Zertifikat in die Hände, das ihre royale Herkunft bestätigt. Ich würde mich gern auf die Spur meiner Familiengeschichte machen, aber das ist für meine Mutter ein schwieriges Thema, sie hat keinen Kontakt zu ihrem Vater, einem Nigerianer.

Ihre Mutter war aus der Schweiz, die beiden lernten sich in Oxford kennen. Sie starb mit siebenundzwanzig, als meine Mutter erst sechs war. Wie sind Sie selber aufgewachsen?
Ich wuchs bei wunderbaren Pflegeeltern in einem winzigen Berner Kaff auf, hatte immer Kontakt mit meinem Mami, die im Ausland lebte. So wusste ich also über unsere Familienverhältnisse Bescheid. Als Kind war ich allerdings dunkler als jetzt; in der Region das einzige braune Kind. Bis zur vierten Klasse war ich Ziel vieler Attacken von älteren Kindern. In der fünften Klasse wuchs ich schnell, war grösser als manche Neuntklässler und wurde in Ruhe gelassen. Zeitgleich mit dem Schub in der Grösse liess ich die Haare wachsen, trug meine Brille nicht mehr und habe mich lange angepasst. Das hat mein Leben so viel einfacher gemacht, und irgendwann vergisst man, dass man sich dabei verbiegt. Mit einundzwanzig zog ich nach New York, wo ich mein wahres Ich entdeckte und merkte: Es ist völlig okay, so zu sein, wie ich bin, ich werde akzeptiert. Als ich nach vier Jahren in die Schweiz zurückkehrte, war es mir nicht mehr wichtig, irgendwo dazuzugehören. Seither funktioniert das Anderssein zu meinem Vorteil. Wäre ich nicht nach New York gegangen, würde ich heute vermutlich lange Haare tragen und Männer daten.

tamy glauser model
© manuel Obadia-Wills

Tamy als Vierjährige mit ihren Pflegeeltern, die mittlerweile verstorben sind.

Zum Glück kams anders. Ihren Durchbruch hatten Sie als Model für Männermode!
Ich habe meine Booker immer wieder darauf hingewiesen, wie ich mich anziehe und style. Dass ich für Männermode laufen könnte, war meine Idee. Zuerst hatte ich ein Shooting für «Numéro», danach den Laufstegjob für Givenchy.

Stört Sie das Wort androgyn?
Ach, es stört mich nicht so sehr. Es würde mir nur nie im Leben einfallen, wenn ich mich selber beschreiben müsste. Ständig damit bezeichnet zu werden, obwohl ich mich nicht so sehe, ist ein wenig lästig – es ist ein Etikett, das mir von aussen verliehen wird und nicht aus meinem Innern kommt.

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© manuel Obadia-Wills

Ein Palmenmotiv ziert ihre zierliche Schulter, eine Frauensilhouette ihr Bein.

Mit welchen Worten würden Sie sich denn beschreiben?
Ich bin so, wie ich bin. Ich ziehe an, was mir gefällt. Ich folge keinen Trends, ich bin mir selber treu.

Wie gehen Ihre männlichen Kollegen mit Ihnen als Konkurrenz um?
Die waren erst etwas verstört und zurückhaltend, aber das Eis war schnell gebrochen. Sie behandeln mich kumpelhaft.

Sind Sie in Ihrem Traumberuf tätig?
Ja! In dieser einschneidenden fünften Klasse mussten wir ein Bild zeichnen, das zeigt, wie wir uns mit dreissig sehen. Ich malte einen Laufsteg, in meiner Fantasie war Claudia Schiffer erkrankt, und ich musste für sie einspringen. Aber dieser Wunsch hatte wohl damit zu tun, dass ich nicht bei meiner Mutter aufgewachsen bin und sie früher Model war. Wahrscheinlich wollte ich so sein wie sie. Das legte sich aber wieder. Als ich wirklich anfing, kam das aus dem Nichts.

Welche Momente in Ihrer Karriere überragen in Ihrer Erinnerung?
Ganz klar: die Cruise-Show von Louis Vuitton vergangenen Mai in Rio. Sie fand beim von Oscar Niemeyer designten Niterói-Museum statt, es war unglaublich schön. Wir Models dürfen ja nicht den Blick schweifen lassen, das fiel mir nirgends schwerer als bei dieser unglaublichen Kulisse. Emotional berührt hat mich die letzte Vivienne-Westwood-Show, an der sie mich am Ende mit sich zurück auf den Laufsteg gezogen und umarmt hat.

 
tamy glauser
© Manuel Obadia-Wills

Nach jeder Vivienne-Westwood-Show erhalten die Models ein T-Shirt.

Sie inspirieren mittlerweile die Desi­gner. Wie ist es, eine Muse zu sein?
Letzten Herbst war ich für das Label Acne die Muse. Mitzuerleben, wie eine Kollektion entsteht, basierend auf meinem Stil und meiner Erfahrung, ist toll. Ich schätze es, um meine Meinung gebeten zu werden und mich kreativ einzu- bringen. Eine Inspiration zu sein, ist für mich das Grösste.

Was bedeutet es Ihnen, wenn Ihnen jemand sagt, Sie seien schön?
Das ist nett. Das grösste Kompliment ist, wenn ich jemandem ein Vorbild sein kann. Kürzlich bedankte sich eine etwa vierzigjährige Frau bei mir. Mein offenes Auftreten habe sie gestärkt, sie habe seit Kurzem eine Freundin und lebe zum ers- ten Mal offen ihre Sexualität. Ich konnte mich als Teenager nicht an anderen Frauen orientieren und war so geschockt und wütend, als ich gemerkt habe, dass ich lesbisch bin. Shit, das durfte einfach nicht wahr sein! Meine Sexualität habe ich lange bekämpft, mir eingeredet, dass ich auf Männer stehe. Wenn ich nun auf Social Media Kommentare erhalte, dass mein Lebensstil andere bestärkt, denke ich, dass ich was Schlaues mit meinem Leben anstelle.

“Aufgrund meiner dunkleren Hautfarbe wurde ich als Kind gehänselt und sogar in den Brunnen geworfen.”
 
 

Wie definieren Sie Schönheit?
Über ein gutes Herz. Gehässigkeit und Missgunst lassen die schönste Fassade bröckeln. In meinem beruflichen Umfeld gibt es das öfter, dass man sich abschätzig gegenüber dem Kellner oder dem Uber- Fahrer verhält. Das ist unmöglich.

Wie muss eine Freundschaft oder eine Beziehung sein, damit Sie darin glücklich sind?
Meine engsten Freunde waren für mich da, als ich keinen Erfolg und kein Geld hatte und mit mir gekämpft habe. Die haben mich nur um meiner selbst willen gern, halten mich geerdet. Die meisten leben in der Schweiz, es ist herrlich, wenn wir uns sehen: Man muss sich nicht erklären, man kennt sich einfach. Neue Freundschaften im Modebusiness entstehen halt viel langsamer, weil man immer nur kurz miteinander zu tun hat. Es ist sehr bereichernd, wenn diese Kontakte die Oberfläche verlassen.

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© manuel Obadia-Wills
Sie selbst sein: Das schätzt sie an Freundschaften wie der mit Türsteher Sigmund.

Was liegt Ihnen am Herzen?
Das Thema gleichgeschlechtliche Ehe und eingetragene Partnerschaft. Die rechtlichen Unterschiede etwa bei der Adoption. Ich recherchiere gerade, wie ich mich da einbringen kann.

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© Manuel Obadia-Wills

Der Fotograf und Journalist Olivier Zahm ist ein Freund. Den Bildband widmete er der «unwiderstehlichen Tamy».

Was ist das Beste daran, 2016 eine Frau zu sein?
Das Beste finde ich nach wie vor etwas sehr Elementares: dass unser Körper in der Lage ist, Leben zu gebären. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum das weibliche Geschlecht unterdrückt wird.

Gewagte Theorie. Wie meinen Sie das?
Weil Männer eifersüchtig sind auf diese Fähigkeit, halten sie uns klein.

Sie sind gern Frau: Was tragen Sie, um sich sexy zu fühlen?
Ein Kleid, das gut geschnitten und aus edlen Materialien ist. Teure Designerstücke oder wertvollen Schmuck würde ich privat nicht tragen, aber ich geniesse die Fashionmomente. Ich fülle die Kreationen mit meiner Persönlichkeit aus und fühle mich sinnlich dabei.

Welches ist das wertvollste Stück in Ihrem Schrank?
Die schwarze Acne-Lederjacke, die ich vom Label geschenkt erhielt. Sie kostet ein Vermögen, ich hätte mir die nie gekauft. Sie ist wie ein Zuhause für unterwegs. Im Winter friere ich ständig, aber letztes Jahr war ich dank der Jacke zum ersten Mal gegen die Kälte gerüstet.

Was lieben Sie an Paris?
Paris ist so chic! In der Metro sitzt einem eine perfekt zurechtgemachte alte Ma- dame gegenüber, die sich am Morgen unendlich Mühe gegeben hat. Mir gefällt zudem die leichte Unfreundlichkeit; man muss nur frech darauf reagieren – dann sind sie nett. Ich habe auch schlechte Tage, an denen ich mit niemandem reden mag. Hier ist das normal, niemand fragt, was los ist. Und die Grösse der Stadt ist ideal: Ich laufe überallhin.

 
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© Manuel Obadia-Wills

Tamy trägt die Badehose oft im Ausgang, was vielen eine Freude bereitet.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?
Das Wasser: dass man überall in einen See oder Fluss springen kann. Wenn ich Freunden in Paris davon erzähle, meinen sie, ich übertreibe. Ausserdem fehlt mir das gute Essen, wobei das langfristig ein Problem für meine Figur darstellen wür- de. Und zuletzt: das entspannte Berner Oberland mit seinen freundlichen Vibes und seinem Urvertrauen.

Wie vertrödeln Sie einen freien Tag in Paris?
Ich besuche eine Qigong-Klasse in meinem liebsten Park Buttes-Chaumont. Danach sitze ich stundenlang mit Freunden in Strassencafés, betreibe People- Watching und trinke Rosé. Und am Ende besuchen wir eine Vernissage. Très Paris!

Wo shoppen Sie?
Selten – wenn ich bei einem Auftrag Gutscheine erhalte. Meine Agentur kriegt viele Kleider für mich zugeschickt, und ansonsten trage ich Klamotten, die ich von Kollegen oder meiner Mutter bekomme. Ihre Geschenke waren leider lange sehr girliehaft. Mittlerweile hat sie meinen Stil akzeptiert und macht mir mit ihrem guten Geschmack oft Freude.

Das klingt, als hätte Ihre Mutter Probleme damit, dass Sie nicht das klassisch Weibliche verkörpern. 
Meine Mutter hatte anfangs Mühe mit meinem Coming-out. Mittlerweile respektiert sie mich vollumfänglich.

 
“Ich hatte ein Klischee von Lesben. Als ich nach New York kam, wurde das Bild komplett auf den Kopf gestellt.”
 

Nerven Sie Fragen nach Ihrer Zukunft? Sie sind ja nun mit 31 kein blutjunges Model mehr.
Ich lebe sehr gut und gern im Moment. Werde ich nach Plänen für die nächsten Jahre gefragt, lache ich nur. Ich weiss, dass sich aus meiner aktuellen Tätigkeit zahlreiche spannende Projekte ergeben werden. Vor Kurzem habe ich meine alte Passion, das Fotografieren, neu entdeckt. Ich habe schon Anfragen von Magazinen, selber Fashion-Shoots zu machen, aber dafür bin ich noch nicht bereit. Ich eigne mir langsam von Bekannten das nötige Wissen über Licht und Technik an. Gerade durfte ich einem befreundeten Fotografen bei einem Auftrag für die italienische «Vogue» ein wenig assistieren.

Gibt es auch Schritte in Richtung Schauspielerei wie bei vielen Models?
Das Schauspiel liegt nahe, weil wir beim Modeln häufig in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Gerade an diesem Aspekt habe ich viel Freude. Beim Modeln werden wir allerdings konditioniert, immer unsere beste Seite zu präsentieren ... Tatsächlich mache ich gerade erste kleine Erfahrungen im Bereich Drehbuch und Schauspiel.

Steht noch ein bestimmtes Label auf Ihrer beruflichen Wunschliste?
Durch die Zusammenarbeit mit Louis Vuitton ging schon ein grosser Traum in Erfüllung. Ich dachte keine Sekunde, dass sich ein solcher Brand für mich interessieren könnte. Auf diesem Level gibts nur noch Chanel, aber ehrlich gesagt gefallen mir diese Kleider weniger. Bei Marc Jacobs würd ich definitiv nicht Nein sagen.

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© manuel Obadia-Wills

Die Uhr ihrer Pflegemutter ist von Christian Dior und begleitet Tamy durch alle Zeitzonen.

In den letzten zwei Jahren hat sich Ihr Look etabliert. Haben Sie nun mehr Konkurrenz?
Einerseits wurde es normal, dass bei Männerschauen Mädchen mitlaufen. Mein Look ist angesagter als je zuvor. Als Louis Vuitton mich wählte, beeinflusste das die ganze Branche. Jedes andere Label wollte daraufhin ein Model mit rasiertem Kopf. Es gibt nun also mehr Jobs, jedoch auch mehr ähnliche Models. Jetzt findet man in jeder Agentur mindestens ein Mädchen mit Glatze. Der Look ist im Mainstream angekommen. Ich lasse jetzt meine Haare wieder wachsen – ich bin nicht gern trendy.

Wie hat der Beruf als Model Sie verändert?
Den Charakter nicht wesentlich, ich hatte lange schon ein gesundes Selbst- bewusstsein. Mein Leben wurde damit sicherer. Meine Pflegefamilie hat sich früher Sorgen um mich gemacht: «Was machen wir mit der Tamy, was wird aus ihr?» Ich habe mehrere Studien abgebro- chen, in Bars gejobbt. Es ist schön und stärkend, nun mein Geld mit etwas zu verdienen, das mich glücklich macht.

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© manuel Obadia-Wills

Das Model hat seine alte Passion wiederentdeckt und steht immer öfter hinter der Kamera, einer alten Konica.

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