Interview mit Angela Missoni «Missoni ist ein Lexikon, das ich stets mit neuen Worten ergänze»

Das Traditionshaus Missoni ist sechzig Jahren nach seiner Gründung noch immer ein heller Stern am italienischen Modehimmel. 
Missoni Jurgen Teller
© Juergen Teller

Angela Missoni (Mitte) in der Frühling/Sommer-Kampagne 2012, fotografiert von Juergen Teller.

Mit einer Home Collection, Accessoires, einer Kinderlinie und Düften ist die für das Zickzack-Muster bekannte Modemarke zum Lifestyle geworden. Beim Gespräch in London plaudert Angela Missoni, aktuelle Designerin der Hauptlinie, über ihre Kindheit, Karrierefrauen und verrät, weshalb sie sich nicht vorstellen kann, in einer Grossstadt zu leben.

SI Style: Lassen Sie uns über Ihre Kindheit sprechen. Wie dürfen wir uns das Aufwachsen in einer der bedeutendsten Modefamilien Italiens vorstellen?
Angela Missoni: Die Atmosphäre bei den Missonis war tatsächlich sehr familiär. Ich wuchs in einer kleinen Stadt ausserhalb von Mailand auf, umgeben von meiner ganzen Verwandtschaft. Eine richtige «Family Affair»! Obwohl ich irgendwann realisierte, dass meine Eltern einen etwas anderen Job als diejenigen meiner Schulkollegen hatten, kam mir das als Kind alles relativ normal vor. 

Bei Ihnen kam anstatt der Nachbarin eben die legendäre Modejournalistin Anna Piaggi zu Besuch…
Richtig. Meine Eltern waren unglaublich kreativ und hatten einen offenen Blick auf die Welt. Journalisten, Schauspieler und Künstler besuchten uns regelmässig. Wenn ich heute zurück schaue, ist es schon verrückt, wem ich als kleines Mädchen begegnet bin. Und ich wurde überall hin mitgenommen: In die erste Produktionsstätte, in der ursprünglich drei Leute arbeiteten, und später in die Ateliers und Fabriken. Da ich immer die «Kleine» war, nahm mich meine Mutter überall hin mit.

Was macht man als kleines Mädchen während einer Modenschau?
Ich hing meiner Mutter am Bein! (Lacht)

Hatten Sie auch mal eine rebellische Phase? Als Kind möchte man sich doch irgendwann von den Eltern und deren Beruf abkapseln. 
Ich fühlte mich immer fest in der Familie und unserer Arbeit verankert. Als ich mit Margherita schwanger wurde und kurz darauf ihre beiden Geschwister auf die Welt brachte, verschoben sich jedoch meine Prioritäten. Ich wollte eigene Projekte umsetzen, die zum Wohl meiner Kinder beitrugen. 

Sie beteiligten sich an einem Spielplatz und bauten eine Hühnerfarm. Wie kam das bei Ihren Eltern an?
Sie waren immer der Meinung, dass ihre Kinder das tun sollten, wofür sie eine Passion haben. Nach meinen eigenen Projekten zog es mich dennoch zurück in die kreative Welt. Aber ich wollte Schmuck designen, nicht Mode. Als ich das meinem Vater mitteilte, fragte dieser kurz: «Weshalb entwirfst du nicht unter unserem Namen?» 

Wie kam es dazu, dass sie wenige Jahre später doch damit begannen, die Hauptlinie von Missoni zu designen?
Nachdem ich einige Zeit mein eigenes Label führte sowie Kinderkollektionen, Parfüms und Accessoires kreierte, kam meine Mutter auf mich zu und fragte, ob ich nicht interessiert daran wäre, die Hauplinie zu übernehmen. Dass jemand den Design-Posten freiwillig abgeben möchte, das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen, oder?

Wie argumentierte Ihre Mutter damals?
Sie war fest der Meinung, dass Mode von jungen, kreativen Menschen designt werden müsse, die mutig sind und für ihre Ideen einstehen. Meine Eltern übergaben uns Kindern später die Firma. Ihre Leidenschaft für die Mode war zwar riesig, aber sie hatten auch ein Leben und Interessen nebenbei. 

Angela Missoni
© Imaxtree

Angela Missoni nach der Herbst/Winter 2014-Schau.

Wie reagieren Sie auf Kritiker, die behaupten, eine Kollektion sei «mehr Missoni» als andere?
Darüber kann ich nur lachen! Wenn jemand weiss, was Missoni ist, dann bin das ich! Ich kenne dieses Haus in- und auswendig, habe den Lifestyle verinnerlicht. Missoni ist wie eine Sprache, dessen Lexikon ich stets mit neuen Worten ergänze. 

Sie designen seit 1997 für die Hauptlinie. Was hat sich über die Generationen verändert, was ist gleich geblieben?
Es gab eine regelrechte Moderevolution! Die Werkzeuge und Möglichkeiten, mit denen wir heute arbeiten, sind komplett neu. Die Dimensionen der Kommunikation und Werbung sind explodiert. Aber die Art, wie du ein Kleid machst, ist gleich geblieben.

Missoni ist verglichen mit anderen Modehäusern weniger bekannt für riesige, globale Werbekampagnen. Hatten Sie nie Angst, in der Masse unterzugehen?
Im Gegenteil. Unsere Anzeigen, die wir mit Jürgen Teller realisiert haben, sind das beste Beispiel dafür, dass ein gutes Projekt grossen Einfluss haben kann, auch wenn es im kleinen Rahmen produziert wurde. Unsere Philosophie ist auch heute familiär und übersichtlich; wir wollen die Kontrolle über alles behalten.

Besitzt Ihre Mutter Rosita eigentlich ein Handy?
Ja, und nicht nur das! Sie besitzt sie ein iPhone und ein iPad, das sie mit Freude bedient. Sie ist unheimlich neugierig. Nur mit «WhatsApp» funktioniert es noch nicht richtig – ich musste es ihr schon zweimal erklären. Vor dem «Senden»-Knopf fürchtet sie sich immernoch ein wenig (lacht).

Frauen müssen sich heute oft zwischen Karriere und Familie entscheiden. Wie kombinieren Sie Ihre zwei Leben als Mutter und Modedesignerin?
Als arbeitende Frau war ich immer sehr glücklich, einen Job zu haben, den ich liebe und den ich so nahe bei meinem Haus und meiner Familie ausüben kann. Ich mag das Leben in der Stadt nicht. Meine Wurzeln auf dem Land gaben mir immer die Bodenhaftung, die ich brauchte. 

Auch Ihre Tochter Margherita ist nach Jahren im Ausland wieder nach Hause zurück gekehrt. Womit haben Sie sie gelockt?
(Lacht) Gar nicht! Das wahr ihre Entscheidung. Als kleines Mädchen war es ihr grösster Traum, wenigstens Weihnachten in einer Stadt zu verbringen. Sie fragte mich damals, ob wir nach New York fahren oder irgendwohin, wo man wenigstens Lichter sehen konnte! Vor ein paar Jahren kam sie aber auf mich zu und sagte: «Ich möchte, dass meine Kinder so aufwachsen, wie ich aufgewachsen bin.» Das war ein riesiges Kompliment für mich. Es ist wichtig, rauszugehen unddie Welt anzuschauen. Aber wir Missonis sind eine Familie und ein Nest, zu dem du jederzeit zurückkehren kannst.

Auch interessant