«Mein Stil» mit Katja Wünsche Erste Solistin

Mit Darstellungskunst und Grazie berührt die Ballerina das Publikum am Opernhaus in Zürich.
Porträt Katja Wünsche im Übungssaal Opernhaus Zürich
© Zoe Tempest

Im Ballettsaal. Senfgelbes Trikot aus Ungarn, der kurze Jupe ist selbst genäht, die Beinwärmer sind selbst gestrickt.

Ihre Körperhaltung entlarvt sie sofort: Der Rücken ist kerzengerade, die Füsse sind beim Gehen nach aussen gedreht – das ist eine Tänzerin! Schon im zarten Kindesalter schaffte Katja Wünsche die Aufnahmeprüfung an die Staatliche Ballettschule Berlin. Dreizehn Jahre lang war sie am Stuttgarter Ballett ­engagiert, bald als erste Solistin. Ballettdirektor Christian Spuck, Nachfolger von Heinz Spoerli, nahm die gebürtige Dresdnerin mit nach Zürich, wo sie seit 2012 lebt und mit ­Leidenschaft auf der Bühne steht. Die attraktive 32-Jährige ist trotz zahlreichen Auszeichnungen und Jubelstimmen ob ihrer Kunst äusserst bodenständig. Zum Zmittag isst sie ein ganzes Wiener Schnitzel mit Pommes.

Ein Haufen vertanzter Spitzenschuhe
© Zoe Tempest

Spitzenschuhe, von Hand gefertigt. Je nach Rolle werden zwei Paar pro Tag durchgetanzt. Mit dem Hammer werden sie weicher geklopft.

SI Style: Wir treffen uns in Ihrer Mittagspause. Was steht heute auf Ihrem Tagesprogramm?
Katja Wünsche: Wir haben jeden Tag Training von zehn bis elf Uhr fünfzehn, danach Proben bis dreizehn Uhr dreissig. Nach einer Stunde Mittagspause proben wir weiter bis achtzehn Uhr. Habe ich abends eine Vorstellung, ist der Nachmittag meist frei.

Auf der Bühne sieht es federleicht aus, aber in Wirklichkeit ist Tanzen knallhart.
Jeden Tag mit der gleichen Intensität zu trainieren, fällt nicht immer leicht. Kleine Wehwehchen gehören dazu. Wichtig ist zu erkennen, ob es etwas Ernstes ist. Man muss sehr gut auf seinen Körper hören und gleichzeitig stets streng sein mit ihm.

Überträgt sich diese Disziplin auf Ihr Leben? Ist Ihre Wohnung zum Beispiel immer blitzblank?
Das hätte ich gern, aber fürs Putzen fehlt oft die Zeit. Ich glaube schon, dass diese Disziplin, die man von klein auf lernt, eine ­Eigenschaft des Charakters wird. In manchen Bereichen kommt sie mir zugute, in anderen nervt sie einfach nur, etwa wenn ich dauernd angespannt bin und nicht locker werden kann.

Wann lassen Sie sich gehen?
Sehr selten, nach einem besonders anstrengenden Tag. Dann bleibe ich zu Hause und lese, oder ich trinke irgendwo im Freien einen Kaffee – Hauptsache, gemütlich.

Auf dem Sofa lümmeln mit einer Packung Chips kommt aber eher nicht vor, oder? 
Doch, durchaus. Wobei Chips nicht unbedingt dabei sind. Nicht weil ich sie mir verbieten würde, sondern weil ich Schokolade vorziehe.

Schokolade, Wiener Schnitzel … Klar, Sie brauchen in ­Ihrem Beruf viel Energie, müssen aber gleichzeitig auch leicht und dünn sein.
Diese Balance zu finden, ist für viele eine Herausforderung. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns bewegen. Ich hatte eine Zeitlang Probleme mit meinem Gewicht und musste abnehmen. Mittlerweile hat es sich gut eingependelt. 

Im Film «Black Swan» mit Natalie Portman sieht man eine ehrgeizige Mutter, die die Karriere ihrer Tochter ­forciert. Wie war das bei Ihnen?
Ganz anders. Meine Mutter steckte mich ins Ballett, damit ich meine überschüssige Energie loswerden konnte. Die Haupt­sache war, dass ich Spass hatte dabei. 

Sie sind die Beste, tanzen schon seit zehn Jahren als ­Solistin. Spüren Sie Neid von den Kolleginnen?
Weniger. Man darf natürlich nicht so tun, als würde es das gar nicht geben. Es ist eine normale menschliche Regung, die ich auch kenne. Aber ich habe das nie so schlimm erfahren, wie beispielsweise im Film «Black Swan» dargestellt. 

2008 mussten Sie acht Monate lang aussetzen und machten diverse Praktika am Theater. Wie gingen Sie mit der Vorstellung um, dass Sie Ihren Beruf vielleicht aufgeben müssen?
Ich hatte schon Sorgen, dass dies das Ende ist. Daher habe ich mich auch darum gekümmert, was ich sonst machen könnte. Ich denke, man sollte Probleme immer aktiv angehen. Mittlerweile bin ich etwas gelassener geworden: Es hat alles seine Zeit, und es wird schon kommen, was kommen muss. 

Man sagt, eine Tänzerkarriere dauert so bis Mitte dreissig. Sie sind jetzt 32. Was kommt danach? 
Im Moment fühle ich mich gut und geniesse es, solange es geht. Bis vor Kurzem sagte ich allen, dass ich später etwas ganz anderes machen werde. Als ich verletzt war, liebäugelte ich mit Medizin. Aber würde ich jetzt noch ein Studium anfangen, könnte ich erst mit etwa fünfzig meine zweite Karriere starten. Das bleibt also wohl ein schöner Traum. Ich finde je länger, ­desto mehr Gefallen am Gedanken, meine Erfahrungen und mein Wissen weitergeben zu können, etwa als Lehrerin.

Sie leben seit knapp einem Jahr in Zürich. Was mögen Sie hier? 
Den See und die nahen Berge. Leider hatte ich bislang kaum Zeit, davon zu profitieren. Bis Anfang April wohnte mein Freund noch in Stuttgart. Am Wochenende kam er häufig hierher, weil er es sich besser einrichten konnte, und dann wollten wir uns voll auf uns konzentrieren, ohne gross was zu unternehmen. Jetzt hat er zum Glück eine Stelle als Bühnenmaler am Zürcher Schiffbau gefunden.

 
Porträt Katja Wünsche im Foyer des Opernhaus Zürich
© Zoe Tempest

Wenn die Zeit reicht, durchstöbert Katja Wünsche auf Reisen gern Märkte und Secondhand-Shops. Tupfenkleid aus Los Angeles.

 

Wer so viel Erfolg hat wie Sie, stellt seine Karriere über ­alles. Wie geht Ihr Partner damit um, dass er erst an zweiter Stelle kommt?
Es ist manchmal schon schwierig, weil ich oft an Feiertagen ­Aufführungen habe und wir in der Regel die traditionellen ­Familientage nicht gemeinsam verbringen können. Das braucht grosses Verständnis und Geduld von seiner Seite. Das heisst aber noch lange nicht, dass er an zweiter Stelle steht.

Ist Ihr Freund nicht eifersüchtig auf Ihre Tanzpartner, die Ihnen berufsbedingt körperlich sehr nahe kommen? 
Nein, nein, das ist er nicht, weil er weiss, dass das zum Job ­gehört. Ausserdem rede ich mit ihm vor einer Premiere über einzelne Szenen, er sitzt also nicht im Publikum und ist völlig schockiert über das, was er sieht.

Wenn man intensiv miteinander trainiert und auf der ­Bühne derart starke Gefühle ausdrückt wie etwa bei «Romeo und Julia», muss die Chemie schon stimmen, oder?
Das ist natürlich wichtig. Aber das eine ist privat, das andere ist Beruf. Ich kann das sehr gut trennen. Tänzer haben eh eine lockerere Beziehung zum Körper der Kollegen, weil sie täglich einen engen physischen Umgang haben.

Als Ballerina ertragen Sie Schmerzen. Sie kennen Verzicht, manchmal Einsamkeit – warum lohnt es sich dennoch?
Weil ich den Beruf von ganzem Herzen liebe. Das ist ein ­Riesenprivileg. Ich sehe das alles nicht als Opfergabe, sondern es gehört einfach dazu und ich nehme es in Kauf.

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