Nadine Strittmatter «Ich fand mich selbst immer schön»

In Paris bringt Nadine Strittmatter Karriere und Herzensdinge unter einen Hut. Das Model führt uns in ihr Lieblingsquartier und erzählt vom zweiten Frühling.
Nadine Strittmatter
© Spela Kasal

Nadine Strittmatter im Bett mit einem Cappuccino und einer Bluse Class Roberto Cavalli.

In Paris gilt es als unchic, sich zu sehr für etwas zu begeistern – das schliesst sogar die Mode mit ein. Man betrachtet alles ein wenig gelangweilt, als hätte man es schon gesehen. Diese Attitüde ist wichtig, sonst wird man sofort als Nicht-Parise­rin ent­tarnt. Nadine Strittmatter stammt bekanntlich aus Baden. Dennoch hat sie die Haltung der fran­zö­si­schen Hauptstadt perfekt drauf. So von oben herab taxiert das 1,83 Meter grosse Model die Szenies im Hotel Amour, die in reichlicher Zahl im Res­taurant lunchen. Es ist Haute-Couture-­Woche, und selbstverständlich wird unsere schöne Wahlpariserin erkannt – was sich jedoch niemand anmer­ken lassen würde. Wir freuen uns über das Wiedersehen mit Nadine in ihrem Lieblingsquartier, dem 9. Arrondissement, kurz vor ihrem 30. Geburtstag.

SI Style: Sie sind multiaktiv – als Model, Schauspielerin, Regisseurin, Sie schreiben für Magazine, geben Modetipps, designen Sonnenbrillen … Sind Sie ein unsteter Geist?
Nadine Strittmatter: Ich versuche, mich nicht durch Kategorisierungen einzuschränken.

Als Model erleben Sie gerade einen zweiten Frühling. Woher kommt der Aufschwung?
Ich hatte schon immer Charakter, das ist im Moment wieder gefragt. Ausserdem werde ich häufiger als Persön­lichkeit gebucht. Vielleicht habe ich das Glück erzwungen. Ich wusste bereits am Anfang, dass es wahrscheinlich länger dauern wird, bis ich Erfolg habe, dass ich mich dann aber halten würde. Mich kann man halt nicht so rasch ersetzen. Ich habe ein spezielles Gesicht, die Leute behalten mich im ­Gedächtnis.

Wie hat sich das Business verändert, seit Sie vor dreizehn Jahren angefangen haben?
Man fotografiert digital. Alles geht schneller. Es gibt von allem mehr: Fotografen, Fotos, Magazine, Kunden, Models. Früher kannte man die Models. Jetzt sind die Jungen nur ein paar Saisons gefragt.

Wie haben Sie sich verändert?
Damals fand ich alles aufregend und spannend. Heute ist es für mich einfach ein Job. Und ich habe weniger Geduld.

Was war Ihr aufregendster Auftrag?
Jeder mit einem Top-Fotografen wie Peter Lindbergh oder Steven Meisel oder jene für die «Vogue». Das ist immer ein Stück Kulturgeschichte.

Schmuck und Lippenstift Chanel
© Spela Kasal

So gut wie überall mit dabei: Chanel-Lippenstift, Ebel-Uhr, ein schmaler Goldring von Yael Lilienfeld und ein dicker Goldring von ihrem Freund Alberto Sciagata.

Am 4. September werden Sie dreissig, Zeit für eine Zäsur?
Ich denke eigentlich nicht daran, aber wenn Sie die Zahl aussprechen – dreissig –, dann schockt sie mich schon (lacht). Ich selektiere bewusst, habe nur noch Menschen um mich, denen ich vertrauen kann. Ich verschwende weniger Zeit.

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?
Ich habe noch nichts geplant. Irgendwie negiere ich den Tag wohl doch (lacht).

Älterwerden ist in Ihrem Beruf doppelt schwer, nicht?
Mit zweiundzwanzig, da habe ich mich alt gefühlt! Man sagte mir, ich solle abnehmen, tu dies, tu das … Ich habe all jene Leute verlassen, die mir ein schlechtes Gefühl gegeben haben.

Verwenden Sie Anti-Aging-­Produkte? Haben Sie schon mal Botox gespritzt?
Botox noch nie. Ich mag Menschen, die natürlich altern mit Falten im ­Gesicht, Charakterköpfe. Ich benutze eine Creme von Dr. Hauschka und die Rosa Arctica Lightweight Cream von Kiehl’s.

Einst sagten Sie, Sie können essen, was Sie wollen, Ihr Körper verbrenne das einfach. Wie halten Sie Ihre Traummasse 86–58–88?
Ich ernähre mich wenn möglich ­glu­ten­frei, verzichte auf Fleisch. ­Zudem mache ich vier- bis fünfmal die Woche Yoga, manchmal boxe ich. Ich lebe gern gesund. Ich gehe ab und zu aus, trinke wenig Alkohol und nehme keine Drogen. Ich bin Puristin und will mit meinem Körper im Reinen sein.

Sind Drogen in Ihrem Business wirklich omnipräsent?
Nicht mehr als unter Bankern. Ich sehe die Präsenz erst jetzt, nahm sie früher gar nicht wahr.

Sie pendeln zwischen Paris und Zürich, haben ein Haus in der Schweiz, ­lebten in New York und Los Angeles. Wollen Sie nicht bald sesshaft werden, heiraten, Kinder kriegen?
Ich bin in Paris sesshaft, habe meinen Part­ner und viele Freunde hier. Ich wusste schon früh, dass ich Kinder will. Aber ich bin eine Spätzünderin.

Sie sagten, Sie wollen mit Mitte dreissig zwei Töchter.
Vielleicht wird es Ende dreissig. Mittlerweile ists mir egal, ob Mädchen oder Bub.

Millionen Mädchen träumen davon, Model zu werden. Was ist das Schönste am Job?
Das Unbeständige; an einem Tag sieht dich einer an einer Fashionshow und bucht dich. Aber vielleicht passiert das auch nie. Man kann wenig kontrollieren, nichts planen, es gibt keine Garantie, dass man es schafft. Für 2014 lautet mein Ziel: mehr im Ausland arbeiten. Ich muss mir langsam wieder etwas aufbauen, ­mache darum Editorials, stehe schon mal bei Regen im Schlamm auf High Heels.

Und Ihre privaten Ziele sind?
Einen Film zu machen. Für das Drehbuch schreibe ich schon Ideen nieder.

Seit letztem Jahr sind Sie mit dem Italiener Alberto Sciagata liiert. Ein Mann für das Projekt Kinder?
Ich hoffe, dass er der richtige ist.

Er ist Assistent des Kreativdirektors bei einem angesagten Prêt-à-porter-Label. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Part­ner aus der Modebranche kommt?
Er sollte meinen Lifestyle verstehen.

Was muss ein Mann haben, um Sie zu halten?
Humor. Er muss sein eigenes Ding durch­ziehen, sich aber trotzdem für mich interessieren und sich Zeit für mich nehmen. Mein Freund hat ein grosses Wissen, er bildet sich ständig.

Wie romantisch sind Sie?
Nicht sehr. Aber ich hinterlasse für ­meine Lieben Zettelchen mit Botschaften, sogar auf Medikamentenschachteln: «I love you, get well!»

In den Best-dressed-Listen belegen Sie regelmässig einen Spitzenplatz. Wie beschreiben Sie Ihren Stil?
Basic. Ich trage Jeans, Sneakers, bin kein grosser Fan von High Heels, weil ich schon 1,83 Meter gross bin. Ich mag edle Handtaschen und gute Qualität. Schlechter Stil ist alles, was zu kurz oder zu eng ist. Ist es extrem schlecht, trashig, ist es aber irgendwie schon wieder gut. 

Schaut Ihr Freund zu Ihnen auf  ?
Ja (schmunzelt), ich bin fünf Zentimeter grösser als er. Aber er hat kein Problem damit, im Gegenteil, er liebt es. 

Wie und wo shoppen Sie?
Ich gehe selten shoppen. Ich habe keine Lust, etwas anzuprobieren, darum kaufe ich Sachen von Shootings. Manchmal bestelle ich online, auch Vintage.

Zwei Ihrer besten Freundinnen, Melanie Winiger und María Dolores Diéguez, sind ebenfalls bekannte ­Persönlichkeiten. Wie schwierig ist es für eine Freundschaft, wenn sich die Konkurrenz so nahesteht?
Überhaupt nicht. Melanie und María Dolores sind die Einzigen in der Schweiz, mit denen ich locker einen Red-Carpet-Auftritt absolvieren kann. Und keine ist eifersüchtig, weil eine schöner oder toller gestylt ist. Jede hat ihre eigene Karriere. Und jede ist zufrieden mit sich selbst! Wir unterstützen und stärken uns. Vergleichsdenken liegt mir fern.

Sie sind mit Regisseur Marc Forster befreundet. Unterstützt er Sie bei Ihren Filmambitionen?
Ich liebe Marc. Ich habe ihn schon angerufen und gefragt, ob ich die eine oder andere Rolle annehmen soll. Er gibt immer einen guten Ratschlag – nicht nur beruflich, auch persönlich. Er fragt mich manchmal um Rat, aber nicht wenns ums Business geht. Mehr um Frauen …

Was ist das Wichtigste für Sie in einer Freundschaft?
Dass ich der Person alles sagen kann. Dass ich ihr vertrauen kann. Dass sie mich nicht hintergeht. Dass sie mich für nichts verurteilt. Loyalität.

Gibt es Aufträge, die Sie früher angenommen haben, heute aber ablehnen?
Ganz nackt habe ich nie posiert. Wenn ich mich wohlfühle, ist ausziehen okay. Ich würde nicht für Zigaretten werben.

Sie zählen auch zu den Sexiest Women. Wann fühlen Sie sich sexy?
Mit meinem Lover im Bett.

Nadine Strittmatter
© Spela Kasal

Nadine Strittmatter gönnt sich im einem Pariser Bistrot Chèvre Chaud. Der Ledermantel ist von Saint Laurent, das T-Shirt von Fruit of the Loom.

Werden Sie oft angesprochen?
Ja; mir ist das peinlich, wenn mich jemand um ein Autogramm bittet. Die Schweizer Männer trauen sich nicht, mich anzuspre­chen. Ihre Masche: Sie rempeln mich an.

Als Mädchen galten Sie nicht gerade als schön, Ihre Kollegen nannten Sie Alien. In welchem Moment wurde Ihnen bewusst, wie hübsch Sie sind?
Ich fand mich selbst immer schön. Ich wusste, dass ich anders bin.

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