Trotz Gesetzen und Schicksalsgeschichten Warum sind Models eigentlich immer noch so dünn?

Magerwahn unter Topmodels wird gerne und laut beklagt. Viel geändert hat sich bis jetzt noch nicht. Warum eigentlich?
Model Backstage
© Getty Images

Ein Model zieht sich backstage um. 

Gerade hat die Frankfurter Allgemeine den Erfahrungsbericht einer modelnden Autorin veröffentlicht. Anne-Sophie Morand verdingt sich seit zehn Jahren als Model. Und irgendwann hatte die heute 27-Jährige die Schnauze voll. Auch sie fühlt sich gefangen in einer Abnehmspirale, die ihr zwar Model-Jobs sichert, aber so langsam ihre Gesundheit ruiniert. Sie berichtet vom ersten Booker, der ihr sagte: «Du hast Potential! Komm mit deiner Hüfte in den Neunziger-Bereich, dann melde dich bei mir.» Ihr Hüftumfang sei damals bei rund 100 Zentimetern bei einer Körpergrösse von 1.81 Metern gewesen. Durchaus schmal bereits. Und Anne-Sophie nahm ab.

Doch nicht einmal im 90er-Bereich sei sie dünn genug gewesen. Das Nachmessen in ihrer Agentur beschreibt sie als «Horror». Am Abend vorher gabs nichts mehr zu essen und am Morgen habe sie nichts mehr getrunken. Immer noch war sie nicht «in shape», mit 93 Zentimetern noch immer gut vier Zentimeter vom Idealmass entfernt.

Castings können «sadistisch und grausam» sein

Casting-Director James Scully ging anlässlich des Fashion-Forums «Voices» 2016 sogar noch einen Schritt weiter. Er bezeichnete die Zustände bei manchen Castings in einem Instagram-Post gar als «sadistisch und grausam». Die jungen Frauen würden bei gewissen Casting-Agents auch gerne mal für mehrere Stunden in einem dunklen Treppenhaus eingesperrt. Das ist sicher die Spitze des Eisbergs. Zeigt aber, dass viele Damen für ihren Traumjob tatsächlich fast tun. Eben auch Hungern.

Für die FAZplus-Autorin hiess dies: Maximal 700 Kalorien am Tag. Endlich «In shape» sei sie dann gewesen, als ihre Periode ausblieb. Diät-Geheimnisse würden unter Models ausgetauscht wie heisse Hehlerware. Als sie dann eine Agentur mit den Worten «Hi Fatty!» begrüsste und ihr eine Hüftspeck-Absaugung in Brasilien empfohlen wurde, wachte Morand offenbar auf. Die «Blase aus Träumen und Erwartungen» platzte.

Agentur-Inhaber Yannis Nikolaou äussert sich stellvertretend für seinen Berufszweig zum Erfahrungsbericht. Ein 1.76 Meter grosses Mädchen dürfe einen maximalen Brust- und Bauchumfang von 89 Zentimetern haben. Das seien die Vorgaben der Designer. «Wir sind als Agenturen zu 50 Prozent mitschuldig, weil wir den Kunden solche Mädchen liefern.» Frankreich hat 2015 sogar Gesetze gegen zu schmächtige Models erlassen. Und auch die Fashion-Grosskonzerne Kehring und LVMH formulierten 2017 eine Charta zur Unterstützung der «Arbeitsbeziehung mit Fashion-Models und deren Wohlbefinden». Marken wie Gucci, Balenciaga oder Sain Laurent gehören zu Kehring, während LVMH etwa für Celine, Givenchy oder Fendi verantwortlich ist. Doch wie aktuelle Berichte zeigen, gibt es bis heute genug Möglichkeiten zum Tricksen. Da wird vor dem Wiegen beim Arzt einfach noch mit Wasser Gewicht getankt. Auch gut versteckte Mini-Gewichte oder ein bisschen Sand im BH sorgen für die fürs Attest relevanten Zusatzgramme. 

Was ist eigentlich so verkehrt an «dicken Muttis»?

So proaktiv wie alle diese Bemühungen auch wirken – in Spanien und Israel sind solche Regelungen bereits weitaus länger in Kraft. Und trotzdem wird fleissig weiter für Sample-Sizes in Mini-Grössen argumentiert. Die Kleidung sehe dann einfach besser aus und liesse sich in der Model-Grösse (ohne individuelle Körperkurven) einfach leichter herstellen. Oder wie der «Focus» Karl Lagerfeld 2009 zitierte: «Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich.»

Ob hässlich oder nicht ist hier ja sowieso nicht die Frage. Es geht um Mechanismen, die junge Frauen im Teenager-Alter in eine Abnehm-Spirale zwingt. Thin-Shaming ist grundsätzlich ja genauso doof wie Fat-Shaming. Und hier liegt doch der Hund begraben: Mit dem nachweisbaren Erfolg von Body Positivity-Labels und gut gebuchten Plus-Size-Models wie Ashley Graham zeigt sich: «Dicke Muttis» (die stellvertretend für alle Frauen, die eben nicht Model-Masse haben, stehen) sind auch ein Markt. Der grösste vermutlich.

 
Auch interessant