Interview mit HAIM «Jeder Tag ist wie eine Überraschungsparty»

Unser Musikexperte Adrian Schräder telefonierte mit Danielle Haim, 24, einem Drittel der US-amerikanischen Schwesternband HAIM, derzeit in aller Munde, und lernte eine entwaffnend nette, junge Dame mit besonderen Vorlieben kennen.
haim band
© Tom Beard

Unser Musikexperte Adrian Schräder sprach mit Danielle Haim (ganz links im Bild).

Hallo Danielle, wie geht’s Dir?
Danielle Haim: Ausgezeichnet! Und Dir?

Ausgesprochen gut! Es ist nicht gerade einfach Dich oder eine Deiner Schwestern ans Telefon zu kriegen. Wo bist Du gerade?
Wir sind in Lawrence, Kansas. Mitten in den USA. 

Was macht Ihr dort?
Ehrlich gesagt: Wir gehen shoppen. Der Ort ist voller toller Vintage-Läden. 

Also habt Ihr eigentlich frei heute?
Ja, Du bist die grosse Ausnahme (lacht). 

Wahnsinn! Aber wir haben ja auch was gemeinsam: Wir sind beide grosse Fans des kanadischen Interviewers Nardwuar.
Ah! Nardwuar ist wirklich grossartig. Wir schauen seine Interviews so oft an, er könnte unser Guru sein. Es macht mir fast schon Angst, wenn ich daran denke (lacht)! Wir haben nur darauf gewartet, dass er uns um ein Interview bittet. Das heisst für eine Band immer auch immer: Es geht in die richtige Richtung. Er holt alle angesagten Bands vors Mikrofon. Als er uns dann Anfang Jahr auf Twitter gefolgt ist, stieg die Spannung. 

Beim South by Southwest (SXSW) Festival diesen Sommer in Austin hat es dann geklappt.
Ja, und dafür haben wir uns extra verkleidet. Er trägt ja immer diese seltsame Mütze mit Bommel dran und diese übergrosse Brille. Leider haben wir nicht genau das gleiche Modellgefunden.

Was ist sein Geheimnis? Woher weiss er all das Zeug über seine Interviewpartner?
Ich glaube, er macht das alles alleine. Er informiert sich online. In unserem Fall hat er jedenfalls niemanden aus unserem Umfeld befragt.

Was ist Dein Lieblingsinterview von Nardwuar?
Das mit A$AP Rocky ist schon sehr weit vorne. Und natürlich die Begegnungen mit Snoop Dogg. Kürzlich hab ich mir mal wieder das erste Interview mit The Strokes angeschaut. Das wurde noch vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums gedreht. Lustig den jungen Julian Casablancas zu sehen!

Du hast ihn auf seiner Solotour begleitet, stimmt’s?
Ja, ich habe Gitarre und Perkussion in seiner Band gespielt. 

Auch bei dem Konzert am Montreux Jazz Festival 2010?
Ja! Ich war das schräge Mädchen im Hintergrund. Hast Du mich nicht erkannt? Das war ein richtig toller Abend. Dort hab ich auch die Jungs von Vampire Weekend kennengelernt. 

Jetzt seid Ihr selber Promis. Die Dame von der Plattenfirma in Deutschland hat mir vor dem Durchstellen gesagt, sie habe noch nie so einen vollen Terminkalender gesehen wie den Euren.
Es fühlt sich trotz allem gut an, muss ich sagen! Das Interesse an uns ist gross – und dafür muss man dankbar sein.

Vielen geht es dabei um das Schwestern-Phänomen.
Ja, mag schon sein. Die meisten Fragen, die das betreffen, gehen uns auch ziemlich auf den Wecker. Uns geht es schliesslich um die Musik. Aber ganz ehrlich: Dieses neue Leben macht eine Menge Spass. Es ist wie jeden Tag an einer Überraschungsparty aufzuwachen. 

Was war denn die Überraschung des gestrigen Tages?
Gestern haben wir erfahren, dass wir auf Platz 6 in die Billboard Charts eingestiegen sind.

Und heute?
Dass wir auf Nummer 1 in Grossbritannien landen! Ist das nicht Wahnsinn?

Auf jeden Fall! Welche Journalistenfrage nervt Euch am meisten?
«Wie ist es mit deinen Schwestern in einer Band zu sein?» - Ich hoffe, die hast Du nicht auf dem Zettel!

Nein, aber mich würde interessieren, bei welchem Thema Ihr Drei die grössten Differenzen habt!
Shit, gute Frage! Lass mich überlegen. Ich glaube, das ist die Feinabstimmung des Klangs auf der Platte. Da hat jeder seine ganz eigene Vorstellung. Das muss man sich dann mit der Zeit finden. Aber weil das nicht so einfach ist, haben wir auch meistens einen externen Produzenten mit Fachwissen und Geschmack dabei. 

Wer war da Eure grösste Hilfe?
Der Schwede Ludwig Göransson. Wir sind zwar noch jung, aber wir haben schon seit fünf Jahren versucht eine akzeptable Aufnahme zu machen. Erst mit ihm hat’s geklappt. Die ganze «Forever»-EP ist in seinem Studio entstanden.

Das scheint auch sehr entscheidend bei Euch: Der Einsatz der Stimmen ist besonders ausgeklügelt. Mir gefällt der Chor in «Send Me Down»!
Mir auch! Und der Rhythmus. Ich finde, er hat etwas von einem Galopp. Wir haben uns dabei vorgestellt, wir würden wir auf grossen Pferden heranreiten. Ausserdem suchten wir nach einem offenen, umarmenden Refrain. Viele unserer Melodien und Strophen sind relativ kompliziert, deshalb wollten wir einen Kontrast setzen.

«Days Are Gone», das Titelstück, ist auch speziell. Da wird geflüstert, wie man es von gewissen R&B-Stücken kennt.
Das Stück haben wir gemeinsam mit Jessie Ware geschrieben. Die Idee mit dem Flüsternentstand irgendwie zwischen Jessie und mir. Wir wollten eine Art Konversation erzeugen.

Danielle, bevor uns jetzt die nette Dame von der Plattenfirma die Verbindung kappt noch zwei Fragen: Was war der glamouröseste Moment Deines Lebens?
Der Surrealste war an der Fashion Week in Paris. An der Acne Show. Ich liebe Acne. Das fühlte sich einfach stark an: Du bist in Paris an deiner ersten Fashion Show, umgeben von superstylishen Leuten.

Das heisst also, Du bist ein grosser Modefan?
Ja, schon! Ich glaube, ich bin schon relativ gut auf dem Laufenden. Ich kauf mir alle möglichen Zeitschriften. Vor allem die französische «Vogue». Das ist meine Sucht. Und ich glaube, wir drei wissen, was uns in Sachen Mode gefällt und wie wir als Gruppe aussehen wollen. 

Was war der unglamouröseste Moment Deines Lebens?
Auch eine Fashion Show! Wir waren zu einer Topshop Show in London eingeladen. Wir waren spät dran. Aber dummerweise war gerade der Marathonlauf. Ein Taxi war also nicht zu kriegen. Deshalb mussten wir uns in unseren Topshop-Outfits und mit vollem Makeup in die U-Bahn gequetscht. Den Rest des Weges rannten wir, durch den strömenden Regen. Schliesslich mussten wir Sonnenbrillen anziehen, weil sich unser Makeup verabschiedet hatte. Niemand redete mit uns. Es war schrecklich, aber trotzdem irgendwie lustig.

Seid Ihr bei Topshop unter Vertrag?
Nein, nicht direkt. Aber sie sind sehr grosszügig zu uns und schicken uns immer wieder Sachen. Als ich vor vier Jahren das erste Mal in London war, bin ich fast ohnmächtig geworden in dem Laden! Sowas gibt’s in den USA nicht. 

Time’s up! Dank Dir für das Gespräch.
Gern geschehen! Ich hoffe, wir werden nächstes Jahr nach Montreux gebucht. Dann sehen wir uns. Take care!

Das Album «Days Are Gone» (Polydor/Universal) ist bereits erschienen.

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