5 Minutes with ... Tamy Glauser, Model

Die Schweizerin Tamy Glauser, 28, ist ein gefragtes internationales Model – für Männer- wie für Frauenmode. Die Schöne lässt sich nicht gerne in eine Schublade stecken. Man kann mit ihr entspannt auf ein Bier gehen und über Prêt-à-Porter sprechen. Die ungeschminkte Wahrheit sagt sie im SI-Style-Interview. 
tamara glauser
© Luc Braquet

Gender-Bender-Model Tamy Glauser

SI Style: Bereiten Sie sich auf die Fashion Weeks speziell vor?
Tamy Glauser: Ja. Vor den Shows im September meide ich die Sonne. Die Designer sehen es nicht gerne, wenn wir Models zu braun sind. Ausserdem stören «Tanlines» bei bestimmten Schnitten. Für mich bedeutet das: Schutzfaktor 50, lange Ärmel und Hosen auch bei hohen Temperaturen und generell im Schatten bleiben. Mit Sport sollte ich vielleicht auch mal anfangen (lacht). 

Achten Sie auf Ihre Ernährung?
Ich ernähre mich grundsätzlich sehr gesund. Bin ich satt, esse ich nicht weiter und ich esse auch erst dann, wenn ich Hunger habe. Allerdings kenne ich auch 16-jährige Russinnen, die während den Shows am Morgen ein Joghurt und am Abend ein Ei essen - das ist leider auch Realität. Ich halte davon nichts. Wenn ich den ganzen Tag rumrenne, brauche ich Energie. 

Sind das Ausnahmen oder gibt es viele solcher Mädchen, die hungern? Haben diese Mädchen Druck von zu Hause oder machen sie das freiwillig?
Nein, ich glaube den Druck machen sie sich selber, oder eben die Industrie. Leider sind solche Mädchen keine Ausnahmen. Meine Ex-Mitbewohnerin ist sogar ausgerastet, weil ich ein Bier getrunken habe. Dasselbe gilt bei Castings. Selbst ich traue mich kaum, dort irgendwas zu essen, weil alle einander beobachten. Ein sehr unangenehmes Gefühl. 

Sie sind über 10 Jahre älter als viele Berufskolleginnen. Merken Sie diesen Altersunterschied?
Auf jeden Fall. Mit 28 Jahren hat sich der eigene Charakter viel weiter ausgebildet als mit 16. 

Sie sehen anders aus als die typischen Models. Spüren Sie den Konkurrenzkampf trotzdem?
Nicht wirklich, jedenfalls nicht so wie das die anderen tun. Ich habe keine langen Haare, was mich grundsätzlich von den meisten weiblichen Models unterscheidet. Und bei den Männern ist es auch wieder etwas völlig anderes. Ausser ein paar wenigen gibt es niemanden, mit dem ich in direktem Konkurrenzkampf stehe. 

Was machen Sie lieber: Fotoshooting oder Laufsteg?
Schwer zu sagen. An den Shows spüre ich diesen Kick. Kurz bevor ich raus gehe werde ich brutal nervös, das ist beim Shooting nicht so stark. Grundsätzlich mache ich beides gerne.

Ging während einer Show schon einmal etwas schief?
Ja, das war vor einem Jahr bei Jean Paul Gaultier. Nach der Vivienne Westwood Show hatte ich nur ganz knapp Zeit, um von A nach B zu kommen. Dadurch verpasste ich die Proben und wusste weder wie der Laufsteg aussieht noch wohin ich laufen sollte. Ich versuchte dann einfach, mich an den anderen zu orientieren und blieb zu lange auf der gleichen Stelle stehen. Aber das Publikum hat nichts gemerkt, hoffe ich jedenfalls (lacht).  

Nehmen Sie das Publikum wahr?
Grundsätzlich nicht. Bei Yohji Yamamoto sassen die Leute aber auf der gleichen Ebene, da merkte ich die Reaktionen stärker als sonst. Schlussendlich geht es um die Mode und nicht um mich. 

Mögen Sie Mode überhaupt?
Immer mehr. Anfänglich hatte ich ja echt keine Ahnung. Jetzt kann ich mitreden, sehe die Zusammenhänge und kenne die Leute aus der Branche. Das macht meinen Job spannender. 

Was ist Ihr Lieblingskleidungsstück?
Schwierig, wenn ich nur eins nennen darf.

Ok, dann die Top 3, ohne die sie das Haus nicht verlassen.
Meine Doc Martens, ein Beanie und der Converse Rucksack.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?
Solange es gut läuft - wunderbar! Irgendwie geht es stets weiter, da bin ich ziemlich pragmatisch. 

Können Sie sich vorstellen, an die Universität Luzern zurückzukehren, wo Sie vor dem Modeln Kommunikation studiert haben?
Auf keinen Fall (lacht)!

Wieso sind Sie nicht bei einer Schweizer Agentur unter Vertrag? Wollte man Sie hier nicht?
Das weiss ich nicht. Ein guter Freund von mir arbeitet bei Izaio in Berlin und so kam eins zum anderen. Izaio ist meine Mutteragentur. In Paris bin ich bei Ford, in London bei FM und in New York bei Marilyn

Sie werden oft als «Tomboy» bezeichnet. Was bedeutet diese Kategorisierung für Sie?
Tomboy ist das, womit mich die Leute in Verbindung bringen. Ich würde sagen: bubenhafte Frau. Kein Girlie, ohne Handtasche und hohe Schuhe. Ausserdem verzichte ich komplett auf Schminke. Das Abschminken wäre mir einfach zu anstrengend. 

Denken Sie anders, wenn Sie Männermode präsentieren als wenn sie für Frauen laufen?
Ja, das glaube ich schon. Bei den Männern ist es eher cool und bei den Frauen eher schick. Aber es kommt auch sehr auf die Kollektion an. 

Sie fühlen sich aber schon als Frau, oder?
Ich fühle mich sogar sehr als Frau. Ich bin vielleicht nur nicht so feminin. Die Fashionszene ist zum Glück sehr offen, was diese Gender-Thematik angeht. Es geht um dich als Mensch. Für mich ist das sehr befreiend, denn das war früher nicht so.

Ist es für Sie wichtig, an die Öffentlichkeit zu treten und dieses Thema zu diskutieren?
Auf jeden Fall. Ich wurde nicht akzeptiert und musste mich ständig rechtfertigen und verstellen. Hierzulande ist das Bild von lesbischen Frauen leider sehr unattraktiv. Als ich mit ungefähr 17 Jahren rausgefunden habe, dass ich auf Frauen stehe, hatte ich eine riesen Krise. Ich wollte nicht in diese Schublade gesteckt werden. 

Wann hat sich das geändert?
Mit 21 Jahren. Ich bin nach New York gezogen und dort mit einer völlig anderen Szene in Berührung gekommen. Diese Frauen waren cool und wunderschön. Plötzlich war es für mich nichts Schlimmes mehr. Deshalb rede ich heute auch offen darüber. Ich möchte anderen Mädchen, die in der gleichen Situation sind, Mut machen. 

Wie haben Ihre Eltern auf Ihr Outing reagiert?
Meine Mutter war ziemlich schockiert, und das nicht im positiven Sinne. Ich habe sogar wieder angefangen, Jungs zu daten, damit ich ihr davon erzählen konnte. Aber das ging nicht. Erst jetzt bin ich vollkommen entspannt und auch meine Mutter findet es O.K.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Gibt es den überhaupt?
Nein, nicht wirklich. Während den Fashion Weeks besteht mein Alltag aus Castings und Shows. Und sonst bin ich laufend an Foto-Shootings. 

Sie wissen nie, was morgen kommt?
Nein, mein Tagesplan gestaltet sich sehr kurzfristig. Normalerweise erhalte ich am Abend eine E-Mail in der steht wie der kommende Tag aussieht. Wenn ich nichts los habe, verbringe ich Zeit in der Agentur.

Wo ist Ihr Zuhause?
«Home is wherever the dart on my Google Maps App is».

Auch interessant