«Privé» mit Lina Button Wir treffen die Sängerin in ihrer Wohnung

Sie lebt ihren Traum und träumt auch schon mal ein neues Lied. Dabei bleibt die Sängerin auf dem Boden.
Lina Button Porträt
© Flurina Rothenberger

Die Sängerin Lina Button.

Zu Hause hatten sie keinen Fernseher, dafür sang der Vater oft gemeinsam mit ihr und der Schwester. Was die kleine Brigitt Zuberbühler sonst von ihren Eltern ­hörte, Beatles oder Blues, sog sie auf wie ein Schwamm. Gesangsstunden nahm sie, als sie dreizehn war, und sie wurde die Frontfrau so einiger Schülerbands. Mittlerweile ist die bodenständige Dreissigjährige bekannter unter ihrem Künstlernamen Lina Button. Wir trafen die gebürtige Thurgauerin in ihrer Wohnung in Zürich, wo sie seit über zehn Jahren lebt.

SI Style: In Ihrem Hit «Copy & Paste» singen Sie von der Schwierigkeit, seinen Stil zu finden und den Ansprüchen des Umfelds zu genügen. Haben Sie sich gefunden? 
Lina Button: Ich glaube, der eigene Stil verändert sich immer wieder. Grundsätzlich weiss ich schon, was mir entspricht, aber genauso wichtig ist es mir, offen zu sein für neue Inputs und mich weiterzuentwickeln.

Wie schwierig ist es, eigene Songs zu schreiben, ohne zu kopieren?
Darüber mache ich mir natürlich immer wieder Gedanken. Dass ich die Popmusik nicht neu erfinde, liegt auf der Hand. Letztlich muss ich darauf vertrauen, dass das, was ich in mir spüre und hervorbringe, eigen genug ist. 

Den Song «Lilly» hörten Sie in einem Traum, in dem auch Lenny Kravitz vorkam. Was hat er Ihnen zugeflüstert?
Es war kein erotischer Traum, sondern Lenny kam einfach zu Besuch und hatte dieses kleine Mädchen an der Hand, das ich Lilly nannte, und ich sah, wie sich die Klaviertasten bewegten. Am nächsten Morgen konnte ich den Song niederschreiben und musste nur noch wenig daran feilen. Lenny Kravitz ist mein musikalisches Vorbild. Er purzelte in mein Leben, als ich etwa sechzehn war, und ich begann, ihn häufig zu hören. Seine Dringlichkeit, etwas herüberzubringen, beeindruckte mich schwer. Er ist natürlich auch ein sehr schöner Mann.

Wenn Ihnen Lieder nicht im Traum zufliegen, wie finden Sie sie dann?
Grundsätzlich durch das Leben. Emotionale Extremlagen helfen dabei, und wichtig ist auch die Kombination mit einem Text, der zum Gefühl passt. Oder ein Film inspiriert mich, ein Wort, das darin vorkommt, das ich irgendwo einbauen möchte … Es gibt zum Glück nicht nur einen Weg.

Sie sind Singer-Songwriterin. Was kommt zuerst, die Melodie oder der Text?
Musik zu schreiben, finde ich meistens schöner und leichter, deshalb ist es mir am liebsten, wenn der Text zuerst steht. Manchmal ist es aber schwierig, den Rhythmus einem kompletten Text anzupassen. Eigentlich gibt es eine Wechselwirkung, ein Stück entsteht gleichzeitig auf mehreren Ebenen.

Notizbuch auf Klavier
© Flurina Rothenberger

Kommen Lina Buton unterwegs Einfälle, werden sie im schwarzen Büchlein notiert.

Bevor Sie ganz auf die Musik setzten, unterrichteten Sie eine Primarklasse im Fach Rhythmik. Was ist nun Ihr Traumberuf?
Sängerin. Vor allem auch, weil ich selber komponiere.

Was haben Sie sich von der ersten Gage geleistet?
Das weiss ich nicht mehr. Es kommt immer wieder mal vor, dass ich mir von einer Gage bewusst etwas kaufe. Meistens investiere ich dann wieder in die Musik. Beim ersten Mal hätte das aber nicht für mehr als eine Block­flöte gereicht. 

Was tragen Sie auf der Bühne?
Das wähle ich nach Lust und Laune aus. Die Kleider sollen sich von dem abheben, was ich im Alltag trage. Ich brauche diesen Moment des Umziehens, in dem ich mich vorbereite und bewusst für den Auftritt ankleide. Dazu gehört auch das Frisieren und Schminken; beides mache ich ohne Stylist. Zwar nicht so gern, aber es gehört einfach dazu.

Pflegen Sie noch andere Rituale vor dem Auftritt? 
Es ist jedes Mal der gleiche Ablauf: Einsingen mit meinem Bassisten und  dem Gitarristen, die beide sehr gute Sänger sind – das macht stets Spass. Danach umziehen und schminken. Davor sowie in der Pause trinke ich ein Glas fruchtigen Weisswein.

Haben Sie einen Glücksbringer?
Meine Glückswildsau. Ich trage den Anhänger an einer Halskette. Eine Freundin von mir ist Goldschmiedin, sie ­entwarf das Motiv eigentlich für einen ­Jäger, schenkte mir dann aber den ersten Prototyp.

Leiden Sie an Lampenfieber?
Ja! Und leider überkommt es mich sehr unberechenbar. Manchmal bin ich vor dem Auftritt ganz ruhig, und wenn ich auf der Bühne stehe, ist es plötzlich da. Oder aber ich bin vorher wahnsinnig nervös, und auf der Bühne verfliegt das Lampenfieber. Diese Variante ist mir lieber. Die Nervosität hat aber auch ihre Vorteile, denn sie puscht mich, ich werde wach und voll präsent. 

Ihr peinlichstes Erlebnis vor Publikum?
Es war nicht direkt auf der Bühne. Wir spielten in einem Hotel an einer Gala, es herrschte ein sehr strikter Zeitplan. Ich dachte, ich hätte noch eine Viertelstunde bis zu meinem Auftritt, Zeit genug, noch kurz auf die Toilette zu gehen. Nur, das Hotel war so weitläufig, dass ich etwa sieben Minuten brauchte, bis ich eines fand. Als ich dann gerade auf dem WC sass, hörte ich, wie meine Band die ersten Akkorde unseres Auftaktsongs spielte. Ich flitzte in Windeseile durchs Hotel, wo meine Band wartete wie bestellt und nicht abgeholt.

Ihr schärfster Kritiker?
Es reden einige mit, mein ganzes Team, meine Managerin Benita Andres und meine Produzenten. Aber auch meine Familie. Meiner Schwester, mit der ich lange in einer WG wohnte, präsentierte ich meine Neuheiten oft als Erste, und sie reagierte immer sehr ehrlich. Sie macht zwar keine Musik, hat aber ein gutes Gespür dafür. Auf ihr Feedback gebe ich viel.

Sie wurden letztes Jahr dreissig. Grund für eine Standortbestimmung?
Nein, mir fiel nur auf, dass andere in diesem Alter ganz andere Sachen machen als ich, zum Beispiel Kinder planen oder sogar schon zwei, drei aufziehen. Ich fühle mich eigentlich noch gar nicht so alt. Das mit der grossen Sinnkrise wird wohl später noch auf mich zukommen (lacht).

«Do You Still Care» entstand nach der Trennung von Ihrem Ex-Freund. Half Ihnen der Song bei der Verarbeitung?
Ja, das war damals sicher ein Ventil. Wir trennten uns auf eine gute Art. Ich spielte ihm «Do You Still Care» vor, und wir konnten nochmals gemeinsam traurig sein.

Sind Sie frisch verliebt?
Nein, ich bin Single. Ich bin in die Musik verliebt, sie wohnt mit mir (lacht). 

Sie haben sich ein Anker-Tattoo am Oberarm zuerst nur als Body-Painting aufgetragen, um zu sehen, ob es Ihnen wirklich gefällt.
Es gefiel mir nicht! Ich mag die Form und die Symbolik des Ankers, aber ich bin nicht der Tattoo-Typ. Es fühlte sich an wie ein Ungleichgewicht, so einseitig.

Worauf ich eigentlich hinauswollte: Zaudern Sie im Leben?
In der Regel bin ich gewissenhaft, treffe nicht leichtsinnig wichtige Entscheidungen. Das schliesst aber nicht aus, dass ich auch spontan und kopflos sein kann.

Was ist das Verrückteste oder Unvernünftigste, was Sie je getan haben?
Als ich aufhörte, zu unterrichten, und ganz auf die Musik setzte. Mein Umfeld reagierte nicht gerade begeistert, denn auf eine Musikerin wartet hierzulande niemand. Am Anfang kämpfte ich auch mit Existenzängsten.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Dort, wo meine nächsten Menschen sind. Im Thurgau, wo ich herkomme. Seit mehr als zehn Jahren wohne ich in Zürich, es ist auch meine Heimat geworden.

Könnten Sie sich vorstellen, im Ausland zu leben?
Im Moment nicht. Das würde beruflich keinen Sinn ergeben, weil ich mich auf die Schweiz konzentrieren möchte.

Was ist typisch schweizerisch an Ihnen?
Ich bin gewissenhaft und zuverlässig.

Wann hört man von Ihnen keinen Ton?
Am Morgen gleich nach dem Aufwachen. Ich bin nicht unbedingt schlecht gelaunt, mag mich aber nicht mitteilen und singen schon gar nicht. Das würde ziemlich lustig tönen.

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