Zeitgeist Gülsha Adilji

Die Fernseh-Moderatorin über ihre Eltern, die ihre Jugendsendung auf Joiz gucken, über fluchen und die selbstironie ihrer generation.
Illustration von Gülsha Adilji
© Elisabeth Moch

Gülsha Adilji

SI Style: Ihre E-Mail, in der Sie unseren Gesprächs­termin bestätigen, schliessen Sie mit der Grussformel «Küss die Hand». Fehlt unserer Zeit Galanterie?
Gülsha Adilji: Nein, aber es gibt noch Luft nach oben. So wie man fluchen und die Sprache in diese Richtung ausdehnen kann, darf man auch mal in die andere Richtung gehen und mit Höflichkeit übertreiben.

Sie sind jetzt 27. Wie lange kann man für einen Jugendsender moderieren?
Lange! Auch ein Jugendsender braucht ­ältere, sagen wir 40-jährige Junggebliebene. Wichtig ist, dass sie wissen, was abgeht. 

Sie wurden Anfang Jahr vom Fachblatt «Schweizer Journalist» als Newcomerin 2012 ausgezeichnet. Wie war das für Sie?
Ich konnte das nicht recht ernst nehmen und fragte mich, wie ich in diese Liste ­gerutscht bin. Für mich ist der Preis nicht so wichtig, ich schämte mich sogar eher und hatte das Gefühl, ich müsste mich recht­fertigen. Ich hätte mich nicht nominiert.

In einem Radiointerview erklärten Sie Ihren Erfolg damit, dass Sie den Nerv der Zeit treffen würden. Was ist das für Sie? 
Meine Generation nimmt alles nicht so ernst, ist ironisch, sarkastisch, weltoffen, kann voll flexibel reagieren. Man kann sofort etwas zusagen, aber auch problemlos wieder absagen, ergibt sich Neues. 

Sind Sie pünktlich?
Nein.

Auf welches Gadget verzichten Sie momentan nie?
Meinen Lippenstift. 

Braucht es Kraftausdrücke, um unsere heutige Jugend anzusprechen? 
Nein, das ist eigentlich gar nicht nötig. Ich verwende sie oft vor der Kamera, weil sie tatsächlich Teil meines Wort­gebrauchs sind.

Woran krankt unsere Zeit? 
Wir müssen immer auf Abruf bereit und up to date sein: was man anzieht, wie man die Wohnung einrichtet, welches Getränk in ist, welche Musik man gerade hört … Das braucht enorm viel Energie. 

Was schätzen Sie an unserer Zeit? 
Dass wir so viele Möglichkeiten haben und fast gratis an alle Informationen kommen. Meinungsfreiheit. Pressefreiheit.

Wie viele Stunden sind Sie täglich online?
An die zwölf Stunden.

Sie haben türkisch-albanische Wurzeln, sind aber hier geboren. Seit wann fühlen Sie sich in der Schweiz integriert?
Seit der ersten Stunde.

Wie oft schauen Ihre Eltern Ihre Sendung?
Sie gucken jeden einzelnen Beitrag und wissen alles. Das muss ich während des Moderierens ausblenden. Schelte gibt es keine, aber wenn ich sie besuche,sagt mir meine Mutter schon: «Meitli, ­fluche doch nicht immer.» Sie selbst habe ich nicht ein einziges Mal fluchen gehört.

Sie lachen oft und laut vor der Kamera. Wann ist Ihnen zum Weinen zumute?
Wenn ich wütend bin. Und bei Filmen. Rotz und Wasser heulte ich beispielsweise beim Film «Almanya», in dem es um eine türkische Familie in Deutschland geht.

Bleibt neben dem Job noch Zeit für eine Liebesbeziehung?
Die Zeit bleibt immer, egal, was man macht. Auch wenn man Oberärztin ist. Da nimmt man einfach am besten den Krankenpfleger als Liebhaber. 

Die Moderatorin des Jugendsenders Joiz, GÜLSHA ADILJI, 27, präsentiert von Montag bis Freitag täglich die Sendung «Noiz». Sie wurde vom Fachblatt «Schweizer Journalist» als New­comerin 2012 ausgezeichnet. joiz.ch

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