Zeitgeist Oliver Fiechter

Der Wirtschaftsphilosoph darüber, wieso Frauen zu den Gewinnern gehören und was sich mehr lohnt, als uralt zu werden.
Skizze von Oliver Fiechter
© Elisabeth Moch

Oliver Fiechter

Schweizer Illustrierte Style: Wie lange sind Sie täglich online?
Oliver Fiechter: Mit meinem Smartphone bin ich immer online. Ich lese Zeitungen, höre Musik, kaufe ein, recherchiere, chatte und pflege meine Kontakte in diversen ­sozialen Netzwerken. Virtualität und ­Realität verschmelzen bei mir. Das Smartphone ist mein erweiterter Körper.

Würden Sie sagen, dass die digitale die letzte grosse Revolution war?
Nicht das Digitale an sich ist die Revolution. Die Konsequenzen, die sich aus den techno­logischen Möglichkeiten ergeben, können revolutionär ausfallen. Es braucht aber den Veränderungswillen der Menschen.

Woran krankt unsere Zeit?
Am Mangel an Skepsis.

Wann kam Ihnen die Idee, das Buch «Die Wirtschaft sind wir!» zu schreiben?
Beim Philosophieren. Ich dachte darüber nach, weshalb so eine grosse Kluft zwischen der Alltagsrealität der Menschen und der Kultur der Unternehmen existiert. 

Sie beschreiben darin die Entwicklungsstufen unseres Wirtschaftssystems. ­Können Sie diese kurz zusammenfassen? 
In der Ökonomie 1.0 geht es um die ­Befriedigung unserer Basisbedürfnisse, um unser Überleben. In der Ökonomie 2.0 um materiellen Wohlstand, wir wollen unseren Lebensstandard verbessern und konsumieren. In der Ökonomie 3.0 befriedigen wir verstärkt unsere emotionalen Bedürfnisse, die Lebensqualität wird wichtiger, Besitz empfinden wir zunehmend als lästig. Wir wollen frei und selbstbestimmt leben und tauschen lieber, statt zu besitzen.

Qualität statt Quantität bedeutet, mehr Geld für weniger auszugeben. Ist unsere heutige Gesellschaft bereit dafür? 
Ich hoffe es! Mit unserer Geiz-ist-geil-­Mentalität haben wir ökologisch und öko­nomisch immensen Schaden angerichtet.

Wann gaben Sie zum letzten Mal ohne schlechtes Gewissen zu viel Geld aus und wofür? 
Für Kunstankäufe – Werke von Alexandra Maurer und Roman Signer.

Was ist am längsten in Ihrem Besitz? 
Meine Plattensammlung von Bob Dylan.

Das letzte Kapitel Ihres Buchs widmen Sie der Zukunft. Wie wird sie aussehen?
Dunkelgrau. Wir haben viele Heraus­forderungen zu meistern, die sehr schmerz­haft sein werden.

Wie alt möchten Sie werden?
Viele Jahre anzuhäufen, ist nicht meine Prämisse. Ich finde es wertvoller, das Leben bewusst zu gestalten, auch wenn es nur von kurzer Dauer sein mag.

Wie viele Ferien gönnen Sie sich?
Leider nicht genug – aber es wird besser.

Wann ist die Zeit reif für eine Frauen­quote in Unternehmen?
Frauen sind empathischer als Männer: Sie werden in der Ökonomie 3.0 zu den Gewinnern gehören – mit oder ohne Quote. 

Wann ist Ihnen langweilig?
Auf dem Klo.

Woran arbeiten Sie gegenwärtig?
An der Demokratisierung von Banken und Unternehmen, an einem neuen ­sozialen Netzwerk und an meiner Geduld.

Was möchten Sie noch erreichen?
Ich stecke mir keine bewussten Ziele, es kommt sowieso anders, als man denkt.

Unternehmer OLIVER FIECHTER, 41, schrieb ein Buch mit dem Titel «Die Wirtschaft sind wir!». In der Ökonomie 3.0 geht es unter ­anderem um die Bewältigung des materiellen Überflusses. diewirtschaftsindwir.com

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