A Personal Note From Stanislas Wawrinka «Verliert man, tut sich eine neue Chance auf»

Keiner kämpft wie er: Der Schweizer Stanislas Wawrinka hat sich mit unglaublicher Beharrlichkeit und einer traumhaften Rückhand in der Weltelite des Tennis festgesetzt. Am Sonntag feierte er in Rotterdam seinen neunten Turniersieg.  
A Personal Note From Stan Wawrinka
© Lukas Maeder

Stanislas Wawrinka aufgenommen von Lukas Maeder in Genf.

 

Im Interview kurz nach seiner Rückkehr vom Australian Open verriet uns der 29-jährige Romand, welchen seiner vielen Übernamen er mag, was sich während eines Matches in ihm abspielt und wann er zum Partytiger wird.

SI Style: Stan, Du hast unzählige Übernamen wie «Stanimal», «Stan the Man», «Stanpion» oder «Wowrinka». Welcher ist dir am liebsten?
Stanislas Wawrinka: «Stan the Man» wird von den Fans am häufigsten verwendet. Und es war auch einer der ersten Übernamen, den sie mir gegeben haben. «Stanimal» mag ich persönlich sehr gern, weil er für meinen Kämpfergeist steht und ausdrückt, welche Kraft ich während meines Spiels freilege.

 

Deine Kämpfernatur zeichnet dich aus. Wie wird man zum Kämpfer?
Das ist einfach meine Mentalität. Solange das Spiel nicht fertig ist, muss man kämpfen und alles geben. Man darf nie aufgeben, auch wenn man hinten liegt. Im Tennis kann sich das Spiel blitzschnell wenden.

Wie hoch war der Druck in Melbourne, als Du zum ersten Mal als Titelverteidiger bei einem Grand Slam angetreten bist?
Nicht grösser oder anders als sonst. Die ersten Tage in Australien waren sehr speziell. Da kamen bei mir die schönen Erinnerungen an meinen Sieg und all die Bilder der Zeremonie wieder hoch. Aber jetzt ist ein neues Jahr, ein neues Turnier, alle starten wieder bei null.

Deine Spiele dauern oft über fünf Sätze und beinhalten für die Zuschauer ähnlich viel Spannung wie ein Krimi. Wie erlebst Du diese emotionale Berg- und Talfahrt?
Tatsächlich genau so: Es gibt wirklich extreme Höhen und Tiefen. Auf diesem Niveau darf man nie einbrechen, sonst kann das Spiel ganz schnell in die falsche Richtung kippen.

Es kommt vor, dass ein Zuschauer seiner Freundin in der Pause zwischen den Games einen Heiratsantrag macht. Bekommst Du mit, was im Stadion rund um dich herum passiert?
Ja, ich nehme eigentlich fast alles wahr. Mich stört es auch gar nicht, wenn es im Publikum lärmig zugeht. Es hilft mir sogar eher, mich zwischen den Punkten zu entspannen, um mich danach wieder voll konzentrieren zu können.

Wer ist der sympathischste Spieler auf der Tour?
Ich verstehe mich mit vielen gut. Aber mit Roger Federer ist es speziell. Er ist über die Jahre ein guter Freund geworden, wir haben so viel zusammen erlebt. Zu ihm habe ich eine komplett andere Beziehung als zu allen anderen.

Im letzten Jahr sah man bei dir immer wieder die gleiche Geste: den an die Schläfe gehaltenen Zeigefinger. Was soll sie bedeuten?
Dass sich vieles im Kopf abspielt. Letztes Jahr machte ich die Geste etwas öfter, weil ich wusste, dass mir meine erstarkte mentale Kraft erlaubte, grosse Siege einzufahren und die Nummer drei der Welt zu werden. Ich kann meine Emotionen mittlerweile besser kontrollieren als früher.

A Personal Note From Stan Wawrinka
© Lukas Maeder

«Ich kann meine Emotionen mittlerweile besser kontrollieren als früher.»

Wie gewinnt man an mentaler Stärke?
Das hat viel mit Training zu tun. Man muss sich in Konzentration üben. Und es geht darum, immer wieder Lust darauf zu haben, die Perfektion zu suchen. 

Welche Rolle spielt dabei dein Trainer Magnus Normann?
Wir arbeiten seit bald drei Jahren zusammen. Seit er dabei ist, bin ich wirklich ein paar Schritte weitergekommen. Er hat mich dazu gebracht, an den kleinen Details zu feilen, um auf ein höheres Niveau zu kommen. Ausserdem ist er eine sehr feine Person.

Ein Freund?
Ja. Da wir sehr viel Zeit miteinander verbringen, wäre alles Andere auch seltsam. Wir haben viel Spass zusammen. Aber er bleibt mein Coach. Dafür habe ich ihn engagiert. Auf dem Platz sind die Verhältnisse klar.

Was bedeutet dir der Titel im Davis Cup?
Der Gewinn des Davis Cup, der Weltmeisterschaft im Tennis, war stets eine meiner Prioritäten und mein ganz grosser Traum. Es war und ist mir immer eine Ehre, mein Land zu repräsentieren. Ich spiele ja mittlerweile schon elf Jahren im Schweizer Davis Cup Team. Der Titel bedeutet mir unglaublich viel.

Und jetzt, da sich der Traum erfüllt hat, ist der Titel nicht mehr erstrebenswert?
(Lacht). Nein, ganz im Gegenteil. Das Schöne am Tennis: Wenn man verliert, tut sich irgendwann eine neue Chance auf. Und wenn man gewinnt, wächst die Lust, mehr davon zu haben. Der Davis Cup wird immer wichtig bleiben für mich.

Welcher war dein schönster Sieg?
Das ist schwierig zu sagen. Klar, die beiden Titel beim Grand Slam in Australien und beim Davis Cup waren etwas vom Schönsten. 

Das schlimmste Match?
Oh, einige (lacht)! Was mir sehr weh getan hat, war die Niederlage 2007 gegen die Tschechen Radek Stepanek und Tomas Berdych im Davis Cup (die Schweizer galten als Favoriten, Roger Federer holte im Einzel zwei Punkte, aber die Schweizer Team verlor das Doppel und Wawrinka auch seine beiden Einzel, Anm. d. Red.).

Was macht dir Angst?
Nicht viel.

Wirklich? Bist du ein Optimist?
Ja, ich denke positiv.

A Personal Note From Stan Wawrinka
© Lukas Maeder

Stanislas Wawrinka mit SI-Style-Redaktorin Nina Huber vor seiner Pressekonferenz am 5. Februar in Genf.

Deine Frau Ilham sieht man nicht so häufig an deinen Matches. Warum?
Das hat für uns immer gut funktioniert so. Unsere Tochter Alexia geht jetzt zur Schule und es wäre noch komplizierter, alles zu organisieren, damit sie beide dabei sein könnten.

Worauf freust Du dich in diesem Jahr am meisten?
Ich bin schon sehr zufrieden damit, wie die Saison begonnen hat: Erst der Titel in Chennai, dann das Halbfinale in Melbourne. Ich hoffe, dass dieses Jahr noch mehr Titel dazukommen.

Kannst Du eigentlich schmerzfrei trainieren?
Nein, das ist nicht möglich. Ich glaube, auf diesem Niveau schafft das kein Spieler. Und mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger.

Du wirkst sehr fokussiert, scheinst nicht gerade der Typ Partytiger zu sein. Kannst Du auch mal richtig auf den Putz hauen?
Aber ja, natürlich! Man muss nur wissen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Wann kam der Tiger das letzte Mal zum Vorschein?
Nach dem Davis Cup. Der Moment in der Garderobe direkt nach dem Spiel ist unvergesslich.

Welches ist deine letzte Entdeckung in Sachen Musik?
Ich höre sehr viel Musik wenn ich reise, allein im Hotel und auch direkt vor dem Match. Aber ich weiss nicht mal, wie die Songs alle heissen. Ich finde sie über Shazam und lade sie dann auf iTunes herunter.

Was wäre aus Dir geworden, wenn Du nicht Tennisspieler geworden wärst?
Ich habe schon so früh mit Tennis angefangen, dass sich die Frage irgendwie nie gestellt hat. Immerhin kann ich schon ein paar Jahre von meiner Leidenschaft leben. Was ich nach dem Karriereende mache, weiss ich noch nicht. Ich habe ja dann noch genug Zeit, etwas anderes zu machen. Ideen sind zwar vorhanden, aber sie sind noch nicht spruchreif.

Wie sieht ein sorgenfreier Moment im Leben von Stan Wawrinka aus?
Den gibt es nicht. Ich bin jemand, der immer tausend Gedanken im Kopf hat. Natürlich liebe ich es, ein paar ruhige Momente mit meiner Tochter zu verbringen. Während der Saison ist das leider nicht oft möglich, das Tennisjahr dauert lange. Wir haben auch jede Menge Verpflichtungen neben dem Platz.

Welches ist die wichtigste Lektion, die Du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?
Ich durfte eine sehr glückliche Kindheit erleben. Ich bin auf einem Bauernhof grossgeworden, war ständig draussen an der frischen Luft und half meinem Vater bei der Arbeit. Das war die bestmögliche Erziehung, die ich bekommen konnte.

Und was möchtest Du deiner Tochter mit auf den Weg geben?
Das Wichtigste für mich ist Respekt. Respekt gegenüber anderen Menschen. Immer nett «Guten Tag» und «Danke» sagen – einfache Dinge, die aber schnell vergessen werden können. 

A Personal Note From Stan Wawrinka
© Lukas Maeder

Die Personal Note From Stanislas Wawrinka ist der Spruch, welchen er sich auf seinen linken Unterarm tätowiert hat: «Ever Tried Ever Failed no Matter Try Again Fail Better.»

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest. 

Für dieses Interview, das am 5. Februar in Genf stattfand, sprang Nina Huber von der «SI Style»-Redaktion verdankenswerterweise als Interviewerin ein.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

 
Auch interessant