A Personal Note From Anna Känzig «Nachts führt man viel direktere Gespräche»

Carpe noctem: Die Zürcher Sängerin Anna Känzig hat für ihr neues Album den Zustand zwischen wach sein und träumen vertont. Dazu hat die 31-Jährige die Synthies ausgepackt und ihre Stimme neu entdeckt – und eine unerfreuliche Begegnung mit Salvador Dalí gehabt. 
A Personal Note From Anna Känzig
© Lukas Maeder

Anna Känzig, aufgenommen von Lukas Maeder

Anna, deine neue Single «Drive All Night» ist eben erschienen, das Album folgt bald. Hat sich dein Verhältnis zu deiner Stimme in den letzten Monaten verändert?
Anna Känzig: Ja, das ist tatsächlich so. Im Zuge der Albumproduktion habe ich meine Stimme wieder neu kennengelernt. Bei den letzten beiden Alben hatte ich im Nachhinein das Gefühl, man hätte mehr aus der Stimme rausholen können. Ich dachte immer: «Wieso klingen die nicht so, wie ich mich auf der Bühne höre?» Diesmal decken sich meine Vorstellung und die finale Umsetzung endlich.

Wie erreicht man das?
Mit einem guten Produzenten und Tontechniker, der die genau gleiche Vorstellung davon hat, wie die Stimme zu klingen hat. Ich habe mit Georg Schlunegger von Hitmill jemanden kennengelernt, dessen Soundverständnis sich mit meinem komplett deckt. Wir waren über den Zeitraum von einem Jahr immer wieder zusammen im Studio. Da ist eine enge Verbindung entstanden.

Was stand am Anfang dieses Jahres? Hattest du schon etwas in der Hand?
Ich hatte selber einige Demos gemacht. Die gingen schon ein bisschen in die Richtung, die wir jetzt musikalisch eingeschlagen haben. Aber wirklich nur im Ansatz. Ich habe gewusst, dass ich anders arbeiten will, dass ich etwas Neues ausprobieren will, dass ich mit elektronischen Einflüssen experimentieren will.

A Personal Note From Anna Känzig
© Lukas Maeder

«Ich habe gewusst, dass ich anders arbeiten will, dass ich etwas Neues ausprobieren will…»

Was mir beim Hören spontan in den Sinn kam, war: ein Roadmovie.
Das passt. Sehr viele der Songs spielen in der Nacht. Sie handeln vom Autofahren in der Nacht, vom nach Hause kommen nach dem Ausgang. Das Ganze erinnert von der Stimmung her vielleicht ein bisschen an den Film «Drive». Aber geplant war das nicht.

Trotzdem: Was meinst Du, woher kommt das?
Ich bin ein Nachtmensch. Ich habe schon immer besser nachts funktioniert als tagsüber. Ab acht Uhr abends laufe ich zur Hochform auf. Dann kann ich gut bis vier Uhr morgens durchhalten. Und ich bin gerne nachts unterwegs. Gerade diese Stimmung, wenn man von einem Konzert nach Hause fährt, gefällt mir sehr. Man führt Gespräche, die man sonst nie führen würde.

In welcher Beziehung?
Man kommt einfach schneller auf den Punkt irgendwie. Man kommuniziert direkter, persönlicher, geht schneller aufeinander zu. Fast als würde man in einer schummrigen Bar stehen.

Ist das Album auch nachts entstanden?
Nur zum Teil. Wir haben auch immer wieder versucht, den Tag zu nutzen und Musik zu Bürozeiten zu machen. Wenn man das richtig angeht, funktioniert das durchaus. Trotzdem würde ich nie morgens Gesang aufnehmen.

Hat Dich dieses Album auch in den Träumen verfolgt?
Erst seit Kurzem. Vor unserem ersten Konzert in der neuen Besetzung habe ich geträumt, dass unserem Elektroniker der Laptop auf der Bühne zerschmilzt. So wie die Uhren auf den Bildern von Salvador Dalí.

Ein Super-GAU. Hast Du in Verbindung mit der Musik immer nur Albträume?
(lacht) Nein, nein. Aber im Zusammenhang mit der Veröffentlichung war ich doch etwas nervös. Ich verbinde sonst eigentlich nur extrem positive Gefühle mit der Musik. Manchmal wache ich auch mit einer Songidee auf. So ist zum Beispiel der Song «We Might As Well Be Dreaming» entstanden, der jetzt quasi den Leitfaden durchs Album bildet.

Welche Träume hast Du in Bezug auf die Musik?
Ich fände es natürlich schon cool, wenn ich mit diesem Album den Sprung über die Grenzen oder zumindest über den Röstigraben schaffen könnte. Einen meiner besten Auftritte hatte ich in Genf. Leider war es bis jetzt der Einzige in der Welschschweiz.

Welches ist der wichtigste Ratschlag, den dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben haben?
Bleib dir selber treu.

Haben sie dich machen lassen?
Ja, immer. Sie haben nie Druck ausgeübt. Das Musikmachen war eine intrinsische Motivation von mir. Und dass ich zwischendurch noch kurz an die Uni bin, war meine Idee.

Deine erste Erinnerung ans Singen?
Gesang war nicht meine erste Liebe. Ich wollte Gitarristin werden. Irgendwann wurde ich dann in die Schülerband eingeladen. Ich dachte: «Super, jetzt geht’s los!», und sah mich schon Solis vor riesigen Verstärkertürmen spielen. Aber sie wollten, dass ich singe.

A Personal Note From Anna Känzig
© Lukas Maeder

«Gesang war nicht meine erste Liebe. Ich wollte Gitarristin werden.»

Dein Schlüsselmoment in Sachen Musik?
Als ich in jungen Jahren ein Album von Bonnie Raitt bei uns zu Hause entdeckt habe.

Was war auf dem Cover zu sehen?
Viele rote Haare.

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Mein Leben und meine Karriere waren bis jetzt nicht sehr glamourös. Für mich ist es schon glamourös, dass ich jetzt von Promotermin zu Promotermin gefahren werde.

Der unglamouröseste Moment?
Als ich beim Blue Balls Festival meine Gitarre hinter der Bühne vergessen habe. Ich stand mit leeren Händen da, winkte ins Publikum und drehte wieder um.

Das modische Highlight?
Ich habe während meiner Jazzschul-Zeit einen Gig für eine Bank gespielt. Irgendein Cüpli Anlass. Verlangt war, dass man sich in Schale wirft. Ich musste im Abendkleid und High Heels erscheinen. Man wird mich nie mehr so sehen.

Deine letzte musikalische Entdeckung?
London Grammar. Das Album habe ich schon eine ganze Weile. Zwei Songs haben mir gleich gefallen, den Rest fand ich mittelmässig. Ich hab mich dann schleichend in sie verliebt.

A Personal Note From Anna Känzig

Anna Känzigs Personal Note für uns

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Maeder. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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