Der Schweizer Rapper im Interview Bligg über Style, Songs und seinen Sohn

Erst wurde er Vater, dann vierzig; Grund für eine Pause, fand Marco Bliggensdorfer. Doch er wäre kein Erfolgssänger, würden seine Erfahrungen nicht zu neuen Liedern führen. Also ist er zurück auf der Bühne der Öffentlichkeit.
Bligg Style Shoot
© Cyrill Matter

Ein Treffen mit Ihm ist jedes Mal eine Herausforderung. So ausführlich Bligg über seine Leidenschaft, die Musik, Auskunft gibt, so still und zurückhaltend wird der als Marco Bliggensdorfer gebo­rene Schwamendinger, wenn es um Pri­vates geht. «Es braucht Mut, öffentlich über sich zu sprechen», wird der Mund­artsänger und Produzent, der im Mai 2015 Vater geworden ist, später erläutern. Aber dass sein neues Album «KombiNation» (Universal) jetzt auf dem Markt ist, ist ein Grund, sich zu äussern. Es ist das vier­ zehnte Werk des 41-Jährigen und soll die Erfolgsspur – seit zehn Jahren gibts im Minimum die Auszeichnung Gold – wei­terziehen. Und doch sagt der Profin in der ihm eigenen Ernsthaftigkeit, dass er im­mer wieder an sich zweifle. Völlig unbe­rechtigt, wie wir – und seine Fans – finden. Wir haben dem Rapper zehn Fragen zu sich, seinem Sohn und seinen Songs gestellt. 

Style: Warum hast Du dich ein Jahr lang rargemacht?
Bligg: Eigentlich wollte ich mehr Zeit für meine Lieben haben, meinen Sohn, be­vor er in den Kindergarten kommt. Die habe ich mir genommen – und war dabei kreativ. Ich konnte erstmals mit Bedacht an einem neuen Album arbeiten. Alle davor waren mit enormem Stress ver­bunden; wir schlossen uns drei Monate im Studio ein, produzierten jeden Tag, schliefen nur ein paar Stunden. Diesmal zog sich die Produktion über das ganze Jahr. Mein vierzehnter Tonträger ent­stand also sehr gemütlich.

Welche Werte willst Du deinem Sohn mitgeben?
Ich wusste früh, dass ich Vater werden möchte, habe mir schon vorher Fragen gestellt. Aber man kann sich noch so viel vornehmen, in der Realität kommt es auf die Situation und die Charakterzüge des Kindes an. Es bringt nichts, ihm mein musikalisches Wissen mit auf den Weg zu geben, wenn er nicht interessiert ist. Also beobachte ich ihn, gehe auf seine Ent­wicklung ein. Grundsätzlich soll er viel lernen, ich lese mit ihm, mache Wort­spiele. Ein Kind kann sich pro Tag dreis­sig neue Wörter merken!

Gefällt ihm Deine Musik?
Ich denke schon. Er ist musikalisch sehr interessiert, singt gern und trifft die Töne! Aber er muss nicht in meine Fuss­stapfen treten.

Ich erkenne mich in meinem Sohn wieder. Er ist ein neugieriger Frechdachs.

Was leistest Du dir?
Mein Haus, in das ich so viel wie möglich reingesteckt habe. Es gab Zeiten in meinem Leben, da wusste ich nicht, was ich am nächsten Tag essen sollte. Die sind zum Glück vorbei. Ich überlege jedoch zweimal, ob ich etwas kaufe. Sogar mein Kleiner trägt viele Secondhandkleider.

Du hast gesagt: «Was von mir bleibt, ist mein Sohn ...» Was möchtest Du hinterlassen?
Ich hoffe, dass mein Portfolio bleibt. Mein gesamtes musikalisches Schaffen – 240 Songs – ist nun zum ersten Mal als Stream verfügbar. Ich kann dahinter auf meiner Bucket-List einen Haken machen.

Bligg Style Shoot
© Cyrill Matter

Du warst mal mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert – Du hättest Teile von Deinem Hit «Rosalie» geklaut. Treffen Dich solche Vorwürfe?
Ja! Gerade in der Musik kann man kaum neue Chords entwickeln oder neue Wör­ter generieren. Das ist gleich wie in der Mode: Man greift Altes auf und setzt es im Heute um. Drei oder vier meiner Songs sind an bestehende angelehnt. Das deklariere ich offen. Ich habe nie eine Wortfolge oder eine Melodie von einem Kollegen als die meine ausge­geben. In «Alles scho mal ghört» gibts die Zeile «Ich schänke dir mis Herz, meh han i nöd» von Züri West. Ich zitierte die Band, um ihrem Einfluss auf die jüngere Szene, zu der ich damals gehörte, Tribut zu zollen. Ich komme aus dem Hip­Hop, wo man häufig mit Samples arbeitet. Bei «Rosalie» habe ich eine Sequenz aus einem Lied genommen, wo­bei die Urheberrechte geklärt worden sind; wir trafen uns und machten al­les ab. Auf dem neuen Album macht Charlie Chaplin die Ansage im Song «Schnee». Wir traten mit seiner Familie in Kontakt, die mochte die Idee und gab ihr Okay.

Hier könnt ihr in Bliggs Songs reinhören!

Zu deinem Style-Markenzeichen: Bist Du der Schweizer Ur-Hipster, oder ist Dein Bart ein Männlichkeitssymbol?
Mir wurde oft unterstellt, ich hätte den Barttrend mit ausgelöst. Aber ich distanziere mich von Trends und Hipstertum! Früher, als ich jung war, trug ich einen Dreitagebart. Mit dem Album «Bart aber herzlich» wurde er zum Markenzeichen. Obwohl wir deswegen regelrechte Krisensitzungen hatten. Nach der Lancierung wurde Osama bin Laden erwischt und war weltweit das Thema, und dann komme ich mit diesem dunklen Bart auf dem Cover. Ich hatte Sorgen, dass man falsche Assoziationen hat. Der Vorteil ist: Sollte ich ihn je abrasieren, erkennt mich keiner mehr.

Du treibst täglich Sport. Um jugendlich frisch zu bleiben?
Ich stehe jeden Morgen um 5.30 Uhr auf und mache zwei Stunden Sport. Die Optik ist mir egal, es hilft mir dabei, Stress abzubauen. Ich wohne am Waldrand und gehe oft mit meinem Sohn spazieren, dann basteln wir mit Ästen, Steinen, Blättern. So komme ich total runter.

Der Song «Im freiä Fall» auf der neuen CD klingt autobiografisch. Öffnest Du dein Herz, ohne dich zu schützen?
Solche Leidenschaft kenne ich. «Im freiä Fall» entstand aber nicht aus Liebeskummer. Ich habe schon oft den Boden unter den Füssen verloren. Darum geht es.

Was passiert, wenn Du unten aufschlägst?
Irgendwann geht die Sonne wieder auf. Es besteht Hoffnung, und man wird die Kraft haben, zu überleben.

Ihr wollt mehr über Bligg erfahren? Das ganze Interview gibt es in der aktuellen Style zu lesen. Jetzt am Kiosk!

Auch interessant