A Personal Note From Boy «Je grösser alles wird, desto demütiger wird man»

Das Musikduo Boy ist wieder da: Vier Jahre nach dem riesigen Erfolg mit «Little Numbers» und ihrem Album «Mutual Friends» legen Sonja Glass aus Hamburg und Valeska Steiner aus Zürich neue, feine Popsongs vor. Vielleicht hat ihnen der Blick aufs Wasser dabei geholfen – oder das Date mit Bryan Ferry.
A Personal Note From Boy
© Lukas Maeder

Die Mädels von «Boy», aufgenommen von Lukas Maeder.

SI Style: Wollen wir ein bisschen über Wasser reden?
Sonja: Wieso Wasser?

Immer wieder tauchen bei euch Gewässer auf – in den Videos, in den Songs. Auf dem neuen Album findet sich auch ein Song namens «Rivers & Oceans». Welche Symbolik hat das Wasser, hat das Meer für Boy?
Sonja: Wir waren vorhin im Zürichsee schwimmen. Das geniesse ich immer sehr. Hilft dir das weiter?

Mal sehen, was sonst noch kommt!
Valeska: Ich habe bis jetzt nur in Zürich und Hamburg gewohnt – und beide Städte werden durch die Nähe zum Wasser bestimmt. Das Wasser hebt die Lebensqualität. In Hamburg hat man zusätzlich das Gefühl, man sei mit der Welt verbunden durch die Schifffahrt. Was ja auch stimmt.
Sonja: Ich wohne ganz nah am Hafen. Und ich gehe da ganz gerne hin, um nachzudenken. Da geht immer ein gewisser Wind. Das befreit.
Valeska: Das Wasser kann einem ein Beispiel sein: Wenn man ein Album angeht, ist man darauf bedacht, dass alles im Fluss ist. Dass alles vorwärts geht, zusammenfindet, in einer Kontinuität steht. Philipp Steinke, unser Produzent, sagte in der ersten Session: Wir müssen Inseln finden. Inseln im weiten Ozean. Immerhin haben wir neun gefunden.

War denn alles im Fluss? Es hat immerhin vier Jahre gedauert, bis nun der Nachfolger von eurem Erfolgsalbum «Mutual Friends» erschien.
Sonja: Das war schon alles im Fluss, aber wir mussten trotzdem diverse Staudämme überwinden und sind zwischendurch an Brückenpfeiler geknallt.

Zum Beispiel?
Valeska: Vom Song «New York» haben wir zum Beispiel drei Versionen ausgearbeitet. Bis zum Schluss, bis ins Detail. Mit etlichen Gastmusikern und allem Drum und Dran. Dann haben wir gemerkt: Das ist es noch nicht. Also haben wir noch mal ganz von vorne anfangen. Das braucht viel Beweglichkeit im Kopf.

Muss man sich quälen, damit was Gutes entsteht?
Sonja: Wir auf jeden Fall. Wobei, «quälen» klingt so dramatisch. Die Arbeit ist einfach super anstrengend manchmal. Man denkt hin und wieder auch: «Ich hab keine guten Ideen mehr.»

A Personal Note From Boy
© Lukas Maeder

Sonja und Valeska sind Boy. Noch ist bei ihnen zum Glück alles im Fluss.

Ihr wart mit dem letzten Album zwei Jahre auf Welttournee. Der eindrücklichste Moment?
Sonja: Da gibt’s viel zu viele. Da kann man sich nicht beschränken.

Valeska: Einerseits schon dieser Traum, der mit der ersten Nordamerika-Tournee in Erfüllung gegangen ist. Mit Tourbus und Band und allem. Es war wirklich so, wie man sich das vorstellt und wir konnten jeden einzelnen Moment geniessen. Oder halt auch Japan, wo wir uns gefühlt haben wie in «Lost In Translation» und Interviews mit Übersetzern gegeben haben.

Bei dem ganzen Rummel: Wie gross ist die Gefahr abzuheben?
Sonja: Sehr gering. Je mehr man reist und je grösser alles wird, desto demütiger wird man. Ich finde, es erdet eher.
Valeska: In unserem Fall jedenfalls. Es ist uns schon auch wichtig, ein Gefühl dafür zu bekommen, wo wir gerade sind und wie es den Menschen dort geht.

Der wichtigste Ratschlag, den Ihr von euren Eltern mit auf den Weg bekommen habt?
Valeska: Gut Ding will Weile haben.
Sonja:
 Das zu machen, woran man glaubt. Zumindest bei meiner Mutter. Von meinem Vater kann ich das nicht sagen.

Der Moment, in dem Ihr gemerkt habt: Musik hat eine Bedeutung für mich?
Sonja: An einem Cello-Konzert, als ich noch ganz klein war. Da hab ich so gemerkt: Ich will das auch.
Valeska: Ich hatte als Kind eine Kassette von Tschaikowski. Auf der einen Seite Schwanensee, auf der anderen der Nussknacker. Ich hab die gehört bis sie kaputt war. Das sind eigentlich Popsongs.

Die erste Erinnerung ans Musikmachen?
Sonja: Mein Vater hat immer klassisches Radio gehört und ich stand im Zimmer und hab dazu dirigiert. Ich hab wild rumgefuchtelt und wenn ein Tusch kam, hab ich den nachträglich imitiert.
Valeska: Ich glaube, bei mir war’s eine Mundharmonika, die bei uns zuhause rumlag. Ich hab sie in den Mund genommen und ein- und ausgeatmet. Damit habe ich alle in den Wahnsinn getrieben.

Der glamouröseste Moment in der Geschichte von Boy?
Valeska: Unsere Bandgeschichte ist beunruhigend unglamourös! (lacht)
Sonja: Ich fand die Gold-Verleihung schon sehr schön. Ein schönes, familiäres Fest in Berlin. Aber es war eigentlich kein glamouröser Moment.
Valeska: Ah, jetzt weiss ich was: Bevor unser Album rausgekommen ist, durften wir in Paris im Olympia Bryan Ferry supporten. Dieser Ort hat einfach wahnsinnig viel Glamour.

A Personal Note From Boy
© Lukas Maeder

«Unsere Bandgeschichte ist beunruhigend unglamourös!»

Kam es auch zu einer Begegnung mit Bryan Ferry?
Valeska: 
Es gab ein kurzes Hallo. Aber ich bezweifle, dass sich Bryan daran noch erinnern kann. (beide lachen)
Sonja: Das hat höchstens eine Minute gedauert.

Der unglamouröseste Moment?
Sonja: Oh, da gab’s viele!
Valeska: Zum Beispiel, als wir mit allen Instrumenten mit dem Zug nachts von Hamburg nach Lausanne fahren mussten, um dort zu spielen. Von vier bis sechs Uhr morgens sassen wir im Hauptbahnhof in Köln im McDonald’s und haben auf den nächsten Zug gewartet.

Euer Lieblingsmoment eines Boy Konzerts?
Sonja: Ich mag den Moment, wo man rausgeht und noch nicht weiss, was passiert. Das ist das Aufregendste.
Valeska: Ja, wenn die Band schon auf der Bühne ist und wir dann nachkommen.

Denkt man da nie: Heute bitte nicht?
Sonja: Doch, das gibt’s auch. Manchmal denke ich: «Ich kann heute eigentlich nicht.» (lacht)

Weiss das Valeska dann?
Sonja: Ja. 
Valeska: Das spüren wir mittlerweile auch voneinander. Im besten Fall kann man dann der Anderen ein bisschen Last abnehmen.

Gibt es ein Ritual vor dem Konzert?
Sonja: Ja. Wir wünschen uns immer viel Glück...
Valeska: ... und spucken uns symbolisch dreimal über die Schulter.

Die letzte musikalische Entdeckung?
Valeska: Für mich war das «Bologna» von Wanda. Das find ich super.
Sonja: 
Der Song «All The Days» von Hearts. Und Future Islands.

A Personal Note From Boy

«We were here», die Personal Note von Boy.

 

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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