A Personal Note from Carlos Leal «Ich singe endlich wieder!»

Man kennt ihn als Rapper, als Schauspieler, als Werbefigur. Auf seinem aktuellen Album «Reflections» offenbart Carlos Leal, 45, nochmals eine neue Seite von sich: Den Hypnotiseur und beschwörerischen Prinz der Dunkelheit.
Carlos Leal
© Lukas Maeder

Carlos Leal aufgenommen von Lukas Maeder in Zürich.

Ein Gespräch über introspektive Musik, LA, Dandy-Schuhe, den Drang sich immer neuen Herausforderungen zu stellen – und die Überwindung eines alten Traumas.

SI Style: Carlos, deine aktuelle Single heisst «Disco Ball». Was ist so anziehend an der dunklen Seite von Disco?
Carlos Leal: Das Dunkle, das Mysteriöse ist doch immer anziehend! Die dunkle Seite von Disco steht für Sex, für Verlangen, für Begehren. Aber davon steckt eine Menge in der dunklen Seite von allem. 

Auch in Carlos Leal?
Natürlich auch in Carlos Leal. Sonst würde meine Platte anders klingen. Dieses Album ist eine Reise in meine persönliche Welt. Und einigen Ecken meiner persönlichen Welt sind ziemlich düster. Andere sind besser ausgeleuchtet.

Disco meint immer auch Repetition, Hypnose. Viele der Stücke auf «Reflections» haben einen ausgesprochen hypnotischen Groove – obwohl sie nicht explizit nach Disco klingen.
Absolut! Ich finde, «Reflections» ist eine atmosphärische, filmisch dichte Reise in meine persönliche Welt geworden. Stilistisch ist es eine Mischung aus Electro, Disco, Funk und Serge Gainsbourg. Sehr introspektive Musik – mit zwei Ausnahmen, die der Tatsache geschuldet sind, dass ich auch Clubbing mag. 

Auf dem Album findet sich ein Song namens «Je rêve de serpents». Was hat es mit Schlangen auf sich?
In erster Linie repräsentieren sie deine Ängste. Sie geben sich als deine Freunde aus und halten immer eine Ausrede dafür bereit, um nicht vorwärts zu gehen. Sie sind Manipulatoren. Aber in dem Song geht es um verschiedenartige Schlangen. Es geht auch um diese Welt, die mehrheitlich von Schlangen regiert wird. 

Hast Du deine Schlangen im Griff?
Diejenigen, die ich kontrollieren kann, habe ich momentan ganz gut im Griff, ja. Das ist auch die Aussage des Songs. Im Idealfall findet eine Umkehr statt: Die Schlangen träumen von dir – statt umgekehrt.

In der Schweiz bist Du omnipräsent: Als Schauspieler, als Werbefigur und jetzt auch wieder als Musiker. Du scheinst ein vifer Geschäftsmann zu sein.
Nein, das ist überhaupt nicht mein Ding. Ich will mir nicht den Kopf über Zahlen und Marketingstrategien zerbrechen – und ich tu es auch nicht. Davon habe ich keinen Plan. Ich will nur an die Kunst denken. 

Dein Ziel als Solokünstler?
Gut, eines ist schon erreicht: Ich habe das Album fertiggestellt. Jetzt sollten sich die Leute darauf einlassen. Ich will nicht, dass die Leute sie sich das Album einfach anhören. Ich will, dass sie alle anderen Tätigkeiten einstellen und tief darin versinken. Sie dürfen sich gerne auch einen dicken, fetten Joint dazu anzünden.

Dein Album heisst wie gesagt «Reflections» und im Video zu «Disco Ball» verwandelst Du dich in eine Discokugel. Ist dies auch ein Album über deinen Wohnort LA – eine Stadt, in der viele als Reflektionen und Adaptionen herumwandeln?
Klar, die Stadt hat sicher auch als Inspiration gedient. Als ich in Los Angeles ankam, wurde ich mit einem Lebensstil konfrontiert, an den ich mich erst gewöhnen musste. Ich musste mich fragen: Passe ich in diese Welt? Kann ich hier überleben?

Und?
Ja, ich kann. Man muss eben unterscheiden zwischen Hollywood und Los Angeles. Das sind zwei verschiedene Welten. Für mich hatte die Konfrontation mit diesen bizarren Welten auch etwas Gutes. Ich musste mir darüber klar werden, wo ich im Leben stehe, wer ich bin und wo ich hinwill. Den Plan ein Soloalbum zu machen, hatte ich schon seit Ewigkeiten. Aber ich hatte nie die Eier dazu. Oder die Zeit – ganz wie man’s betrachtet. In LA merkte ich dann: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Und wie Du hören kannst, sind meine Einflüsse nicht die Palmen, die Stars und Sternchen und der Sonnenschein. 

Eher das Gegenteil!
Genau! Das Thema heisst eher «Ghost City», wie eines meiner Stücke. Und das gefällt mir. Ich finde, in der dunklen Seite einer Stadt steckt eine Poesie. Eine Poesie, um die man für gewöhnlich einen weiten Bogen machen würde. Aber mir gefällt sie. Ich bin ein Fan von Francis Bacon. 

Carlos Leal
© Lukas Maeder

«Dieses Album ist eine Reise in meine persönliche Welt.»

Wird man in LA zum Einzelgänger?
Ja. Nirgends wird man so schnell zum Einzelgänger wie in LA. Aber ich habe ja eine Familie, ich habe die Arbeit, ich habe ein gutes Umfeld.

Viele Schweizer!
Ja, erstaunlich viele Schweizer!

Machte es denn Sinn für Dich?
Ja, das machte es. In erster Linie, weil ich dieses Album gemacht habe. Zweitens weil ich doch immer wieder Arbeit habe. Drittens weil ich seltsamerweise immer wieder gute Aufträge aus der Schweiz und Europa kriege nur weil ich in Los Angeles wohne. Klingt komisch, ist aber so. Natürlich auch, weil sie mich für einen guten Schauspieler halten. Aber wegen meinem Wohnort rangiere ich weiter oben auf der Liste.

Du magst die Herausforderung, stimmt’s?
Die ständige Veränderung und das Risiko gehören einfach irgendwie zu mir. Ich bin in meinem Leben immer wieder Risiken eingegangen. Ich bin von Lausanne nach Paris gezogen, dann nach Madrid, dann nach Los Angeles. Mit 40 nach LA zu ziehen, das ist schon recht speziell. Manche Leute würden einen dafür für verrückt erklären. Aber ich hab’s gemacht. Und ich will nicht sagen, dass ich’s dort geschafft habe, aber ich bin immerhin das Risiko eingegangen.

Was machst Du denn da so?
Ich spreche für die ganz grossen Kisten vor. Wirklich die ganz grossen Dinger. Und alles kann passieren. Ich könnte schon morgen für ein Vorsprechen eingeladen werden und einen Vertrag unterschreiben. Und dann macht’s «booom!». Darum: Wieso sollte ich es nicht weiter probieren? Solange ich Europa und die Schweiz nicht vergesse – und das tue ich ja nicht: Ich drehe «Der Bestatter» und «The Team» – ist da nichts Schlechtes dran. 

Die erste Folge von «The Team» hab ich mir angeschaut. Du spielst eine ziemlich düstere Figur!
Ziemlich düster, ja! Das fertige Produkt habe ich allerdings selber noch gar nicht gesehen. Aber ich glaube, das kommt nicht allzu schlecht. Die Dänen können sowas.

Kannst Du verstehen, dass Du den Leuten als schlürfender Cablecom-Typ zuweilen auf die Nerven gehst?
Ja, das kann ich verstehen. Eine heikle Sache. Das ist halt Werbung. Ich finde die Spots an sich gut, sonst hätte ich sie nicht gemacht. Aber man kann ja dann nicht sagen: Bitte nur fünfmal ausstrahlen. Das Unternehmen will ja, dass das gesehen wird.

Die wichtigste Lektion, die Du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?
Bescheidenheit.

Carlos Leal
© Lukas Maeder

«Nirgends wird man so schnell zum Einzelgänger wie in LA.»

Wann hast Du das erste Mal Musik zu schätzen gewusst?
Ich habe einen Bruder. Er ist sieben Jahre älter als ich. Er hat mich mit dem Musik-Virus angesteckt. Ich glaube, ich war etwa zehn Jahre alt, als er mir «Wish You Were Here» von Pink Floyd vorspielte. Das hat mein junges Leben erschüttert.

Dein Bruder war also schon im besten Kiffer-Alter?
Ja! (lacht)

Was macht er beruflich?
Er ist ebenfalls Schauspieler. Er spielt im Welschland Theater. 

Deine erste Erinnerung ans Musikmachen?
Vor dem Stimmbruch habe ich in einem Chor gesungen. Ich war ein blonder, braver Junge mit einer Engelsstimme. An Weihnachten hatten wir unseren grossen Auftritt in der Kirche von Renens. Blöderweise hatte ich zu viel von dem leckeren Weihnachtsschmaus gegessen: Paella mit Crevetten. Und so kam es, wie es kommen musste: Mitten während meinem «Gloria»-Solo, kotzte ich die ganze Kirche und die Schuhe meines Lehrers voll. Danach bin ich ohnmächtig zusammengeklappt. Seither bin ich traumatisiert.

Du hast nie mehr eine Kirche betreten?
Nein, ich hab nie mehr gesungen! Das mit Sens Unik war kein Problem. Das war Rap, kein Gesang. Deshalb stellt dieses Album auch die Überwindung meines alten Traumas dar: Ich singe endlich wieder!

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Glamour in seiner landläufigen Bedeutung sagt mir gar nichts. Der glamouröseste Moment in meinem Leben war das erste Selfie, das ich kurz nach der Geburt mit meinem Sohn gemacht habe. Das ist jetzt sieben Jahre her. 

Der unglamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Mein erster Gang über den roten Teppich in Cannes – ruiniert von irgendeinem Model, das unbedingt sein Kleid zeigen wollte. Spätestens in dem Moment entschied ich: Glamour ist lächerlich. 

Das modische Highlight deiner bisherigen Karriere?
Auf einem Flohmarkt in London ein Paar Schuhe zu finden, das niemand anders hat. Die perfekten Dandy-Schuhe aus den Sechzigern, für ein paar wenige Pfund.

Deine letzte musikalische Entdeckung?
Das Musikvideo zum Stück «Ivory»von Movement. Man sieht ein junges Liebespaar, das an den verschiedensten Orten miteinander schläft. Amazing!

Was sonst noch?
Raury. Sein erstes Musikvideo hat mich umgehauen. Dass er nun immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist hochverdient.

Hast Du ein spezielles Ritual vor einem Dreh?
Ja. Allerdings eines, das in Hollywood unmöglich umzusetzen ist: Wenn immer möglich, übernachte ich an dem Ort, an dem ich arbeite – ob das jetzt ein Filmset oder eine Theaterbühne ist. 

Carlos Leal
© Lukas Maeder

Die «Personal Note from Carlos Leal».

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

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