Christmas 2017 Eine schöne Bescherung - das Weihnachtsmärchen

Forever Young und #redfilzkäpandproudofit – hier kommt Teil 1 von Andrea Fischer Schulthess Weihnachtsmärli (mal anders) >
Eine schöne Bescherung – Weihnachtsmärchen
© Illustration: Annie Wehrli

Vor vielen Tagen oder auch gestern lebte einmal eine Mutter mit ihrer Tochter irgendwo im Nirgendwo. Die alleinstehende Frau tat alles, um es sich und allen recht zu machen: Sie arbeitete hart, turnte tüchtig Matcha-Joga, ass Federkohl in rauhen Mengen und praktizierte sogar so ein Bisschen Buddhismus.

Man begreift, dass sie entsprechend gefordert war. So viel Achtsamkeit in einen alltäglichen Alltag zu quetschen ist anstrengend. Dennoch war sie auch als Mutter erfolgreich. Ausser morgens. Da gerieten sie und ihre Tochter sich immer tüchtig in die Haare, weil das Mädchen seine wunderschönen Locken nicht straff kämmen mochte und Mutter ihr mit Kurzhaarschnitt drohte. All das tat die gute Frau aus der aufrichtigen Sorge heraus, die Nachbarn könnten gar melden gehen, sie habe ihr Kind nicht im Griff.

Dem Himmel sei Dank hatte das Mädchen auch noch eine Grossmutter. Und die war eine begnadete Kuchenbäckerin und Jugendversteherin. Im Pro Senectute Kurs filze sie dem Kind kurzerhand eine artige rote Kappe, unter welcher dieses fortan sein Haar verbarg, Tag und Nacht. Zwar wurde die Kopfbedeckung in der Schule kurz ideologisch durchleuchtet, jedoch nach einigen Sitzungen akzeptiert. Fortan nannten alle das Mädchen nur noch «Rotkäppchen». Das gefiel ihm, wie man an seinen viralen Posts unter dem Hashtag #redfilzkäpandproudofit erkennen konnte.

Kurz vor Weihnachten sagte die Mutter: «Die Schwiegermutter kränkelt mal wieder. Du bist nun alt genug, um sie im Forever Young zu besuchen. Bring ihr diese Tasche mit Alka-Selzer, Macarons und einer Flasche Champagner.» Sie seufzte noch ein bisschen und ermahnte Rotkäppchen, stets auf dem rechten Weg zu bleiben. Wo der linke verblieben war, vermochte schon längst keiner mehr zu sagen.

Endlich frei, dachte Rotkäppchen und schnappte sich die Tasche, bevor die Mutter noch weitere Ermahnungen ausstossen konnte. Am Waldrand hockte es sich auf eine Bank. Seine Hände waren klamm und der Schnee fiel in Fetzen. Die Stille wurde nur gestört vom Knallen eines Korkens und dem Gluckern von Champagner auf dem Weg zu Magen und Leber des braven Kindes. Gut, hatte sein Schutzengel dafür gesorgt, dass das Fläschchen klein war. Oder der Geiz der Mutter. Vergnügt torkelte Rotkäppchen los und geriet unversehens immer tiefer in den Wald hinein. Plötzlich hörte es hinter sich eine Stimme: «Was macht denn so ein hübsches Mädchen so ganz allein im Wald, hehehe?» Rotkäppchen drehte sich um und sah einen zotteligen Kerl, der aussah wie die Typen, die im Wallis regelmässig abgeknallt werden — sie hatte den Namen vergessen. Irgendwas Eingewandertes, hatte der Lehrer erklärt und die Nase gekraust. Es musterte den Haarigen und lachte: «Alter, ich rede nicht mit unbekannten Männern. Hau ab! Und wehe ich merke, dass du mir auf dem Weg ins Altersheim nachschleichst! Dann lernst du mich und meine Grossmutter kennen!»

Welche ungeahnte Wendung die Geschichte wohl nimmt? Teil 2 folgt nächsten Sonntag!

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