A Personal Note From Stress «Bliggs Texte sind erstaunlich simpel»

In wenigen Tagen gilt es ernst: Bligg und Stress treten beim Red Bull Soundclash gegeneinander an. Zwei Bühnen, zwei Bands, zwei grosse Egos, ein Gewinner. Grund genug den beiden die offizielle Eröffnung unserer neuen Interviewserie zu überlassen, die den Befragten mit analogen Porträts, einem Fragenbogen-Teil und einem handschriftlichen Statement näher rückt. Heute mit Stress, morgen mit Bligg.
A Personal Note From Stress
© Lukas Maeder

Musiker Stress aufgenommen von Lukas Maeder in Zürich.

SI Style: Stress, bitte halte am Schluss auf unserem Block einen Gedanken fest, der Dich momentan umtreibt. Und erzähl Bligg bitte nicht, was Du geschrieben oder gezeichnet hast!
Stress: Okay, mach ich gerne! Ich bin mir übrigens sicher: Bligg wird etwas zeichnen, das mit mir zu tun hat. 

Das sehen wir dann morgen. Weisst Du, ob er gut zeichnen kann?
Die Frage ist doch: Kann er überhaupt schreiben??!

Oh, da scheint schon ordentlich Feuer unter dem Dach zu sein. Wie laufen die Vorbereitungen für den Soundclash?
Gut! Ausser, dass ich mir im Training meinen Rücken lädiert habe. Aber das ist ja nichts Neues und sollte uns nicht weiter beeinträchtigen. Ich und mein Team werden unser Bestes geben. Es wird sich alles um die Zuschauer drehen. Die bestimmen schlussendlich, wer gewinnt.

Wirst Du auch Songs vom neuen Album spielen?
(schmunzelt) Vielleicht! Aber es geht vor allem um neue Showelemente. Kennst Du zum Beispiel den Kanister-Tanz?

Nein, wie geht der?
Man nimmt einen Kanister voller Benzin, schüttet ihn jemandem über den Kopf, zündet ihn an und lässt ihn über die Bühne tanzen.

Klingt interessant... Was ist der Unterschied zu den Vorbereitungen auf ein normales Stress-Konzert?
Es wird viel mehr um die Show gehen als sonst. Das Ganze ist ja ziemlich stark strukturiert und in verschiedene Teile unterteilt. Wir mussten zum Beispiel zwei von Bliggs Songs lernen. Das war neu für mich. Schrecklich. 

Wieso schrecklich?
Ich habe vorher noch nie in meinem Leben einen Song gecovert. Die Texte von jemand Anderem zu lernen, ist gar nicht so einfach. Aber vor allem war es schwer meiner Band zu verklickern, dass sie jetzt Bliggs Musik spielen müssen. Die haben sich zuerst strikt geweigert.

Was hast Du beim Üben über seine Songs gelernt?
Dass seine Texte erstaunlich simpel sind. Ich dachte, die seien besser.

A Personal Note From Stress
© Lukas Maeder

«Was immer man auch denkt, wie das Leben verlaufen wird – es könnte auch ganz anders kommen.»

Was ist deine beste Waffe am kommenden Samstag?
Ehrlichkeit. Bligg hat fleissig geübt und wird das dann einfach so wie in den Proben runterspielen. Wir explodieren aus dem Moment heraus. Wenn die Stress-Show losgeht, kann man sie nicht mehr aufhalten. 

Was ist deine Geheimwaffe?
Meine Mutter. Sie hat mich gefragt, ob sie kommen dürfe. Jetzt wird sie mit meinen Jungs Stimmung machen. Sie ist ein Punk.

Wann hast Du zum erste Mal Musik wirklich zu schätzen gewusst?
Das war noch in Estland, in den Achtzigern. Ich hatte ständig Magenprobleme und musste deswegen operiert werden. Wir sind mit dem Taxi zum Krankenhaus gefahren. Der Taxifahrer war jung und offensichtlich rebellisch, denn er hörte Musik, wie man sie sonst im sozialistischen Estland nirgends zu hören bekam: Laute, aggressive Rockmusik. Das half mir zu entspannen. 

Deine erste Erinnerung ans Musikmachen?
Die Szene, die mir in den Sinn kommt, spielte sich im Kinderzimmer von meinem Produzenten Yvan ab. Er hatte noch keinen Mikrofonständer. Deshalb nahm er einen alten Strumpf seiner Mutter, schob das Mikrofon das Mikrofon hinein und band ihn an einem Kleiderbügel fest. Den wiederum hängte er an die Deckenlampe. Ich stand also vor diesem Strumpf und musste da reinrappen! Widerlich!

Die wichtigste Lektion, die Du von deinen Eltern gelernt hast?
Was immer man auch denkt, wie das Leben verlaufen wird – es könnte auch ganz anders kommen. Trotzdem hat man die Möglichkeit vieles zu beeinflussen. Meine Mutter hat meinem Leben eine ganz neue Wendung gegeben, indem sie uns hier in die Schweiz gebracht hat. 

Dein Lieblingsmoment eines Stress-Konzerts?
Wenn ich sehe, wie die Leute ihre Coolness ablegen und sich gehen lassen. Manchmal – zum Beispiel an einem Festival – muss man hart auf diesen Moment hinarbeiten. Manchmal geschieht es wie von alleine. Wann das geschieht, ist nicht so wichtig. Wichtig ist nur, DASS es geschieht. Sonst wäre alles umsonst gewesen.

A Personal Note From Stress
© Lukas Maeder

«Meine Mutter ist meine Geheimwaffe.» 

Deine Vorbereitung auf ein Konzert?
Ich masturbiere! Nein, im Ernst: Ich mache ein paar Stimmübungen, die mir meine Gesangslehrerin gezeigt hat. Ausserdem mache ich Stretching. 25-30 Minuten vor Konzertbeginn muss ich alleine sein und mich voll fokussieren. 

Also kein Alkohol, kein Joint, kein gar nichts?
Nein, nichts. Ich muss einen klaren Kopf haben. 

Deine letzte musikalische Entdeckung?
Das ist zwar keine taufrische Entdeckung mehr, aber Evelinn Trouble hat mich schon sehr beeindruckt. Sie ist auf zwei Songs von meinem neuen Album zu hören. Wie sie singen kann, wie sie verschiedene Gefühlsnuancen transportieren kann, ist erstaunlich. Ich bewundere das. 

Eine letzte Frage: Was hast Du da gezeichnet?
Das ist eine Winterjacke, die ich gerne hätte. Das ist die Ansicht von hinten. Sie hat einen Fischschwanz und den Kragen einer Bomberjacke. 

Wäre das was für deine Kleidermarke Bear Inc.?
Ich glaube nicht, dass die mich so etwas umsetzen lassen würden. Die würden sagen: «Was ist denn das? Ein Umhang für Zombies??»

A Personal Note From Stress

Die «Personal Note From Stress»: Eine Winterjacke, die der Rapper selbst gerne hätte. 

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

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