Buchtipps «Roter Mond» und «Washington Square» Amerika, übermorgen und vorgestern

Eine düstere Zukunftsvision und ein Blick zurück in unfreie Zeiten - zwei epische Romane aus den USA.
Benjamin Percy, «Roter Mond», Penhaligon
© Penhaligon

Benjamin Percy, «Roter Mond», Penhaligon

Wenn Stephen King und John Irving ein Buch über den Klee loben, macht uns das natürlich neugierig. Nach 640 Seiten gibt man den beiden Gross-Autoren recht: ein Hammer von einem Roman, der einem nicht so schnell aus dem Kopf geht. Die epische Geschichte spielt in naher Zukunft, in der sich Amerika im eigenen Land bedroht sieht, und zwar von den eigenen Leuten, so genannten Lykanern. Die Menschen dieser Minderheit tragen ein Prion im Blut, das die Verwandlung zum Werwolf möglich macht. O weh, bitte nicht schon wieder Werwölfe, Vampire oder ähnliche Kopfgeburten, mag jetzt manch einer denken. Falsch! Benjamin Percy hat mit den Lykanern symbolhafte Wesen erdacht, die stellvertretend für das Andere, Fremde stehen, das  Gefühle von Unbehagen bis Angst auslöst. Statt Werwölfen kann man sich Menschen anderer Hautfarbe, Religion oder Rasse denken, und schon ist man ganz nah an Realität und Gegenwart dran. Auf das Gerüst der Fantasy-Story setzt der Autor überaus gekonnt Elemente des Polit-, Action- und Gentech-Thrillers sowie des Road-Trips drauf und siedelt in seinem düsteren Endzeit-Szenario noch eine Liebesgeschichte an. Mit fulminant gesetzten Cliffhangern zwischen den diversen Handlungssträngen und präzise gezeichneten Charakteren hält Percy einem locker bei der Stange, Seite um Seite um Seite.

«Washington Square», Henry James, Manesse

Henry James, «Washington Square», Manesse
© Manesse

Henry James, «Washington Square», Manesse

Diese Neuübersetzung des Klassikers  von 1881 ist in der entgegengesetzten Ecke der Literaturpalette angesiedelt: actionfrei und handlungsarm, aber überaus stimmungsvoll, schildert Henry James die Verhältnisse seiner Zeit. Schon das Cover macht klar, worum es geht: um die steife, im Korsett der Konventionen gefangene, bessere Gesellschaft. Die Geschichte dreht sich um Catherine, eine junge New Yorkerin, die sich in einen nicht standesgemässen Mann verguckt, den Abenteurer und Habenichts Morris. Katherines Vater lehnt die Beziehung vehement ab, droht seiner einzigen Tochter mit Enterbung, sollte sie diesen Mitgiftjäger gegen den Willen ihres Vaters heiraten. Wir blicken dank James' hochpräzisen Schilderungen in die Köpfe und Herzen der Figuren, vor allem der weiblichen. Und wir sind einfach nur froh, dass diese «gute alte Zeit», in der Frauen weder einen Beruf noch eine eigene Meinung haben durften und zwischen Verlobten Händchenhalten die äusserste Frivolität und rote Ohren das höchste und heisseste aller Gefühle waren, Geschichte ist.  

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