A Personal Note From Bilderbuch «Unsere Musik soll glitzern»

Jetztpop mit Glamour, Witz und ganz viel Attitüde: Die österreichische Band Bilderbuch verzückt derzeit den deutschsprachigen Raum. Im Interview spricht Frontmann Maurice Ernst über Ösi-Stars, tolle Wörter, Handschuhe, Würste und Schlünde.
A Personal Note From Bilderbuch
© Lukas Maeder

Maurice Ernst, Sänger und Gitarrist von Bilderbuch, aufgenommen von Lukas Maeder am M4Music-Festival in Zürich.

SI Style: Alle reden von Bilderbuch, wovon redet Bilderbuch?
Maurice Ernst: Auch von Bilderbuch.

Echt?
Ja, wir sind gerade auf Tour. Da ist schon das Ding an sich das Hauptthema. Also die Bühnenshow, die Musik, die Performance. Wir sind ziemliche Perfektionisten. Und natürlich reden und machen wir auch einen Haufen Blödsinn.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel machen wir die ganze Zeit Bilder von einander, bearbeiten die ein bisschen und schicken uns die dann zu. Was weiss ich. Das klassische Tourding. Man fährt herum und hat eine gute Zeit. Ich glaube, das ist die beste Zeit, die wir seit langem gehabt haben in der Band.

Was ist dein Lieblingsmoment bei einem Bilderbuch Konzert?
Ich mag den «Plansch»-Moment. Das ist ein Lied, das mittendrin plötzlich an Emotion gewinnt. Da bekommt man beim Spielen selber Gänsehaut. Oder der Moment bei «Maschin», in dem ich mir die Handschuhe überstreife. Dafür lasse ich mir eineinhalb Minuten Zeit. Das ist super.

Wie wichtig ist Falco?
Extrem wichtig. Als Österreicher hast du nicht viele Referenzpunkte – und er ist definitiv einer davon. Du musst einen selbstbewussten Umgang damit finden, dass es einmal einen Popstar gegeben hat in diesem Land. Du musst da rangehen und sagen: «Hey, ist doch herrlich! Der hat supergeile Musik gemacht. Wir treiben’s jetzt noch weiter.» – In zehn Jahren soll der Schatten dann bitte nicht mehr da sein. Dann soll man einfach von Bilderbuch sprechen. 

Dein Lieblingssong von Falco?
Im Moment «Emotional». Aber das wechselt.

A Personal Note From Bilderbuch
© Lukas Maeder

«Und natürlich reden und machen wir auf Tour auch einen Haufen Blödsinn.»

Kannst du uns Conchita Wurst erklären?
Das Ganze zeigt recht gut auf, wie das Land denkt und handelt. Erst wollte niemand was von Conchita wissen, dann – nach dem Sieg – fanden sie plötzlich alle super. Deswegen ist sie eine interessante Persönlichkeit für Österreich. Nicht nur für Österreich, sondern für das ganze Ding an sich. Und es ist eine superschöne Kunstfigur. Taff, extrem taff. 

Ist es euch nicht ähnlich ergangen?
Nein. Das ist doch was ganz Anderes, was Kommerzielles.

Ja, gut. Aber Bilderbuch gibt es ja auch schon seit zehn Jahren. Und jetzt sagen alle: «Boah, sind die toll!»
Ja, im Kleinen schon a bissl. Auch wenn das natürlich ganz was Anderes ist. Weil wir natürlich trotzdem eine erdige Band sind, die ja bewusst solche Momente dann ablehnt, auf denen ja Conchita ausschliesslich basiert. Aber abgesehen davon, stimmt das schon: Jetzt mit dieser Platte ist Bilderbuch zur Konsens-Geschichte geworden. Man will sich darauf einigen. 

Viele halten euch mit einem Mal für die wichtigste deutschsprachige Band der Jetztzeit. Für die einzige neue Band mit Attitüde – als Kontrapunkt zu den ganzen Jammerstimmen. Gab es für dich ein Vorher und Nachher in euer Entwicklung?
Schon, ja. Wir haben die Attitüde ein bisschen herauskristallisiert. Wir wollten weg von dem ganzen Indie-Wahnsinn und haben uns neu inspirieren lassen – nicht zuletzt vom Hip-Hop. Jetzt fühlt sich alles viel authentischer an. Die Musik spricht jetzt in unserem Sinn. 

Hat Glamour irgendeine Bedeutung für euch?
Schon, ja. Wir haben ja spasseshalber auf Facebook unser Genre «Glam» genannt. Unsere Musik soll ja glitzern, unsere Musik ist parolenhaft, plakativ.

Welches war der glamouröseste Moment eurer bisherigen Karriere?
Unsere eineinhalbstündige Liveshow ist voller glamouröser Momente. Zum Beispiel der Moment mit dem Handschuh. Da schauen sich dann einfach mal tausend Leute an, wie ich mir den Handschuh überstreife. In kleinen Gesten passiert Grösse.

Der unglamouröseste Moment?
Man kann so glamourös sein, wie man will, man fällt trotzdem immer wieder mal über eine der Monitorboxen. Ich bin mal bei einem Konzert in einer kleinen Bar ein paar Schritte rückwärts gelaufen und dann so hingeknallt, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich war mit der Gitarre eingeklemmt zwischen Wand und Boxen.

A Personal Note From Bilderbuch
© Lukas Maeder

«Wir wollten weg von dem ganzen Indie-Wahnsinn und haben uns neu inspirieren lassen – nicht zuletzt vom Hip-Hop.» 

Das modische Highlight deiner bisherigen Karriere?
Der Handschuh... Nein: Das sollen andere beurteilen. Ich finde mir was und trag’s dann gerne.

Aber Mode interessiert dich schon?
Ich weiss nicht, ob ich die Nerven hätte, dem Modebetrieb richtig zu folgen. Das ist wie bei der elektronischen Musik: Das geht mir einfach zu schnell. Ich denke, man muss ein Gefühl für das entwickeln was man macht. Und wenn man Popmusik macht, muss man sich Gedanken machen, wie man dazu aussehen will. Wir arbeiten sehr visuell, sehr assoziativ. Für jedes Lied haben wir gleich ein Wort oder ein Bild parat.

Zum Beispiel?
Softdrink. Dieses Wort erzeugt so viele Bilder, so viele Stereotypen. Das Wort ist fast schon wieder antik. Damit kann man tolle postmoderne Geschichten machen.

Deine letzte musikalische Entdeckung?
Die Wichtigste für mich in den letzten Monaten: Jungle. Die haben es geschafft sich von diesem Gothic-R&B-Soul, den James Blake etabliert hat, zu emanzipieren. Sowas wie Chet Faker holt mich nicht mehr ab. Und Hip-Hop ist abgesehen von Kendrick Lamar derzeit auch langweilig.

Habt ihr ein Ritual bevor ihr auf die Bühne geht?
Einen Kreis machen. Ganz klassisch. Sich auf die Brust klopfen und gegenseitig anfeuern. 

Drei Wörter zu Wien?
Schön, museal, grantig.

Und zu Zürich?
Teuer – sorry, aber ist so! Lieb – weil’s ein bissl kleiner ist und am See liegt. Und: gefährlich. 

Wieso gefährlich?
Ich habe die Langstrasse gesehen. Und vom Finanzmarkt-Schlund gehört. 

A Personal Note From Bilderbuch

Die «Personal Note From Bilderbuch»: der Titel des aktuellen Bilderbuch Albums «Schick Schock».

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

 
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