Buchtipps: «Der raffinierte Mr. Scratch» & «Gotthard» Der Teufel und der Tunnel

Ein dicker Wälzer, in der uns der Teufel als Erzähler durch die Jahrhunderte führt. Ein schmaler Band, der uns einen Tag auf der Baustelle des Gotthard-Basistunnels zeigt anhand von allerlei seltsamen Figuren, die sich da tummeln. Zwei ganz grosse Bücher!
Michael Poore, «Der raffinierte Mr. Scratch», Lübbe. Zora del Buono, «Gotthard», C. H. Beck
© Verlage Lübbe/C. H. Beck

Buchtipps: «Der raffinierte Mr. Scratch» & «Gotthard»

Michael Poore, «Der raffinierte Mr. Scratch», Lübbe TB

Vergessen Sie alles, was Sie über den Teufel zu wissen glauben. Der Teufel, der uns der US-Journalist Michael Moore in seinem Roman-Erstling präsentiert, trägt zwar (manchmal) Hörner (weil die Menschen das erwarten), verfügt über Zauberkräfte (die er aber ungern einsetzt, weil das so banal ist) und er ist unsterblich (wenn er nicht grad seine Unsterblichkeit in einer Wette aufs Spiel setzt und in einer Flasche in Form seines Urins deponiert), aber sonst erkennen wir den ewigen Bösen nicht wieder. Als aus dem Himmel verbannter Engel steht er auf der Seite der Menschen, will sie (wenn nötig über den Umweg des Bösen) zu besseren Wesen machen. Anders als Gott, der einsam in seinem Himmel hockt und von fern zukuckt, mischt sich der Teufel unters Volks, greift ein in ihre Geschicke. Und anders als beim ollen Goethe will er als Gegenleistung für seine Hilfe nicht mal die Seele seiner Schützlinge. Wir begleiten den Teufel durch die Jahrhunderte, von den alten Römern über den US-Bürgerkrieg bis zum Woodstock-Festival und den Tagen vor der Ermordung JFKs, von der Vor-Zeit vor dem Urknall über die Predigertage von Jesus bis zur Jetztzeit mit ihren zynischen Reality-TV-Shows. Ein Roman voller himmlischer Einfälle und höllischer U-Turns, mit einem liebenswerten Protagonisten, von dem man sich beinahne wünscht, das ihn wirklich gäbe. 

Zora del Buono, «Gotthard», C. H. Beck

Natürlich sind rund um die Gross-Baustelle am Gotthard-Basistunnel eine Menge Leute zugange, und da sind einige komische Vögel darunter. Etwa der norddeutsche Trainspotter mit dem Tunnelblick, Fritz Bergundthal, die kecke Seniorin Dora Polli mit ihrem Hang zu schrillen Outfits, ihre burschikose Tochter, die lesbische Lastwagen-Fahrerin Flavia, der überkorrekte Tunnelborer Robert Filz und seine grosse Liebe, die Hure Mônica, der Cannabis-Dealer Aldo auf seinem frisierten Töffli, die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergarbeiter, last but not leat eine Leiche im Tunnel. Und alle stehen sie in Beziehung zueinander. Jeder der Figuren erzählt ihre Geschichte, alles passiert an einem Tag, am Abend sieht die Welt in und um den Gotthard anders aus. Zora del Buono führt uns mit viel Empathie für ihr Personal ein Welttheater im Kleinen vor. Und was hat es mit den Paddeln im Hochgebirge auf sich, die das Cover des hübschen Leinenbandes zieren? Sie wirbeln alles gehörig durcheinander. Lassen Sie sich überraschen auf dieser virtuellen Höhenwanderung in die Tiefe eines Rekord-Tunnels und in die Niederungen menschlichen Tuns. 

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