Christmas 2017 Eine schöne Bescherung - das Weihnachtsmärchen

Photoshop, Macarons und frohe Festtage – hier kommt der zweite und letzte Teil von Andrea Fischer Schulthess Weihnachtsmärli (mal anders) >
Eine schöne Bescherung – Weihnachtsmärchen
© Illustration: Annie Wehrli

Der Kerl verneigte sich: «Wie recht du hast. Musst vorsichtig sein mit bösen, bösen Männchen, jaja.» Dann verschwand er. Er kannte die Alte sehr wohl. Was für ein Selbstgebrannter! Und was für eine Enkeltochter! «Muahaha, heut gibt’s zur Vorspeise zarte Jungfrau, zum Hauptgang gut abgehangene Schnapsdrossel und zum Dessert einen Humpen von Grosis klarem Wässerchen», fantasierte er, während er gen Oma joggte und schon bald an deren Türe klopfte.

«Wer ist da?» 
«Das gekäppelte Mädchen.»
«Ach, Kind, hast du etwa wieder getrunken?» Mehr sagte sie nicht mehr. Denn schon war der Pelzige in ihrem Zimmerchen und verschlang sie mit Haut und Rosenkranz. «Ayayay» ächzte er, «dieser Fast Food ist wie schlechter Sex. Man wird voll aber nicht satt.» Na, das liess sich ja noch ändern. Rasch wuchtete er sich ins Bett und zog die Decke über sich. Schon klopfte es erneut. Es war Rotkäppchen: «Grossmutter, ich bin’s! Ich bringe dir Champ... äh Macarons.»

«Komm herein, hehehe.» Rotkäppchen betrat das Zimmer. Drin stank es wie auf der Hundewiese hinter dem GZ. «Was mieft hier so?», fragte das Mädchen. Und vom Bett her flötete es im Falsett: «Verzeih Kind, aber diese Minergie-Häuser lassen sich einfach nicht recht lüften.»
«Ach so... Aber Grossmutter, warum hast du so grosse Ohren?» «Mittelohrverlängerung, sagt der Arzt». Rotkäppchen hob den Saum der Decke vom Gesicht der vermeintlichen Grossmutter: «Jesses, und warum hast du plötzlich so grosse, weisse Zähne?»
«Billig-Kronen aus Ungarn» sagte das Ding im Bett betupft, verschluckte das Mädchen mit einem einzigen Bissen und fiel umgehend in einen erschöpften Schlaf.

Nun kam es, dass im Forever Young auch ein Ex-Jägermeister lebte, der schon lange in die Grossmutter verliebt war. Wann immer sie aus ihrer Türe trat, stand er bereits im Flur und rief: «Ah, was für ein Zufall! Also das nächste Mal kostet’s dann öppis.» Auch an diesem Tag wartete er bereits darauf, seiner Gestalkten zu begegnen und schlenderte vor ihrem Zimmer auf und ab. Als er das Schnarchen hinter ihrem Fensterchen hörte, blieb er stehen: «Was für ein Prachtsweib!» Entzückt linste er durch die Vorhänge. Da sah er zuerst den fremden Fötzel und dann rot.

Nun ging es Schlag auf Schlag. Der Ex-Jägermeister klaubte den Reserveschlüssel aus dem Geranientopf, schloss die Türe auf und humpelte zum Bett. Dort briet er dem Ding die Schnapsflasche von Grossmutters Nachttischlein über den Schädel. Im Schreck spie es in der Folge zuerst das Rotkäppchen und dann die Grossmutter aus. Zuletzt zupfte es sich etwas Filzig-Rotes von der Zunge. Der Ex-Jägermeister grinste die Grossmutter an. Zum ersten Mal grinste sie zurück.

Unbemerkt von den beiden, die so kurz vor Weinachten einen zweiten Frühling beschert bekommen hatten, starrte der Haarige das Mädchen an, dessen Locken ihm nun über den Rücken flossen. «Was?!?» fragte es und fühlte ein Ziehen in der Brust. «Starr nicht so. Du solltest jetzt in den Brunnen im Hof springen.» Doch der war gefroren. «Dann hüpf halt unter die Dusche.» Ohne ein Wort verschwand das Geschöpf im Bad und man hörte es plätschern und rumoren. Heraus kam ein Jüngling, glattfrisiert von Brauen bis Brust oder gar noch weiter nach unten und liebreizend wie ein Calvin Klein Model nach Photoshop.

Noch lange sassen die vier unter dem geschmückten Baum, hielten Händchen und tranken Klaren.
Seither hat das Rotkäppchen endlich wieder einen Grossvater und den ersten Freund noch dazu. Nur Mutter weiss von nichts. Doch wer will einer braven Frau schon die Festtage verderben?

Frohe Weihnachten!

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