Buchtipps «Die Seltsamen» & «Kapital» In England herrschen Feen, in London das Geld

Unheimliche Kräfte regieren in England: einmal sind es Feenwesen, einmal das Geld. Zwei  Bücher für schlaflose Nächte!
Stefan Bachmann: «Die Seltsamen», Diogenes
© Diogenes

Stefan Bachmann: «Die Seltsamen», Diogenes

«Die Seltsamen»

Neue Linie bei Diogenes:  Mit «Die Seltsamen» kommt beim Zürcher Verlag mal wieder ein Erstling heraus, und der bricht optisch die strenge Linie auf dem Cover. Der ehedem schwarze Rahmen um die Bilder ist jetzt gelb, hat fliegen gelernt und umschliesst eine Illustration. Der Clou aber liegt zwischen den Buchdeckeln: Der Roman stammt aus der Feder von Stefan Bachmann, dem im amerikanischen Boulder aufgewachsenen Multitalent, der seit dem 11. Lebensjahr das Konservatorium in Zürich besucht (Orgel und Komposition, mit dem Berufswunsch Filmkomponist).  Als 18-Järhiger eroberte er mit seinem Fantasy-Roman die US-Charts, jetzt liegt das Buch in Deutsch vor. Es ist eine Art historische Science-Fiction-Fantasy-Geschichte. England zur viktorianischen Zeit ist bevölkert von Feen und Elfen, die als Zweitklasswesen neben den Menschen in Slums vegetieren. Es sind «bleiche Dämonen, Milchblüter, Teufelskinder», Mischwesen zwischen Menschen und Feen, kurz die Seltsamen genannt. Keiner mag sie, alle ekeln und fürchten sich vor ihnen.  Als immer mehr Seltsam-Kinder tot und ausgeweidet im Fluss treibend gefunden werden, sieht sich der ambitionslose Parlaments-Abgeordnete Arthur Jelliby veranlasst, den Verbrechen nachzugehen. Bei seinen Nachforschungen hilft ihm ein Seltsam, der 13-jährige Bartholomew Kettle. Das ungleiche Paar muss nicht nur die eigene Haut, sondern James-Bond-mässig England retten. 

Der bessere Harry Potter: Stefan Bachmann.
© Gerry Nitsch

Der bessere Harry Potter: Stefan Bachmann. 

Der Autor überzeugt bei seinen atmosphärischen dichten Beschreibungen  ebenso wie bei den Actio-Szenen. Der Roman wird gern mit «Harry Potter» verglichen, weil für jedes Lesealter tauglich und viel Magie drin. Wir finden, «Die Seltsamen» liegen viel näher bei den Kinderbuchklassikern von C. S. Lewis («Alice im Wunderland», «Die Chroniken von Narnia») und gar dem grossen Charles Dickens («Oliver Twist», «Grosse Erwartungen»).  Nach 367 Seiten voller Spannung und Atmosphäre nimmt man dem jungen Autoren den Cliffhanger nicht übel, sondern freut sich schon auf die Fortsetzung der fantastischen Geschichte, die dann im Herbst folgt.  Infos zur Lese-Tour von Stefan Bachmann.

«Kapital»

John Lancaster: «Kapital», Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

John Lancaster: «Kapital», Kiepenheuer & Witsch

Auch John Lancasters schwergewichtiger Roman «Kapital» spielt in England, genau gesagt in London, in der Pepys Road. In dieser Vorortsstrasse mit den typischen Reihenhäusern herrschen ebenfalls unheimliche Kräfte, nämlich die des Geldes. Anhand der Pepys-Road-Bewohner zeichnet der Autor ein Panorma der modernen, multikulturellen und monetär verstrickten Gesellschaft. Da ist die greise Witwe, die schon hier aufwuchs und zusehen musste, wie die Gegend angesagt und teuer wurde. Da ist der Banker mit seiner gelangweilt-gesstressten Frau, dem der Ruin droht, falls der erwartete Millionen-Bonus ausbleibt. Da ist das jugendliche Fussball-Talent, das ein Londoner Premier League-Club aus einem mausarmen afrikanischen Land importiert hat.  Da ist die pakistanische Familie, die an der Ecke einen Laden betreibt und deren Sohn mit den Taliban sympathisiert. Da ist der Happening-Künstler, der mit schrägen Aktionen die Leute aufrütteln will. Und da sind die vielen Helfer, Handwerker und Nannies, die den Reichen die niederen, unangenehmen Arbeiten abnehmen: Aufzucht der Kinder, Renovationen, Putzen, Strafzettel verteilen.  Aufgeschreckt werden die Pepys-Road-Bewohner eines schönen Tages durch anonyme Nachrichten in ihren Briefkasten, auf denen steht: «Wir wollen, was ihr habt». Ein schlechter Scherz? Eine Drohung?  Der wortgewandte Erzähler hält die Spannung über 682 Seiten aufrecht, und wir bleiben gern dran, wenn die Reichen ihr Fett weg  und die weniger Reichen ein Stück vom Kuchen kriegen. Wie der wildgewordene Finanzmarkt der Londoner City funktioniert, wissen wir danach immer noch nicht, wie er sich auswirkt, umso genauer. 

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