A Personal Note From Erlend Øye «Die meistens Songs beginnen mit einem Meteoritenregen»

Der norwegische Songwriter und Weltenbummler Erlend Øye hat seine Stimme schon in die verschiedensten Kontexte gestellt. Nach den Bandprojekten Kings of Convenience und The Whitest Boy Alive steht ihm der Sinn derzeit nach sanftem Reggae, poetischen Texten, Filzstiftzeichnungen und gutem Frühstück.
A Personal Note From Erlend Oye
© Lukas Maeder

Erlend Øye aufgenommen von Lukas Maeder in Zürich.

SI Style: Erlend, bist ist Du faul?
Erlend Øye: Ja, in sehr vieler Hinsicht. Zum Beispiel was den Haushalt angeht. Oder nach dem Mittagessen. Dann leg ich mich am liebsten hin und mache ein Schläfchen. Aber was das Musikmachen angeht, bin ich nicht faul, sondern sehr gründlich. Ich höre mir alles mehrmals ganz genau an, um sicherzustellen, dass alles stimmt.

Ich frage, weil Du mit deiner Musik immer wieder andere Universen betrittst und ich mir vorstellen könnte, dass es eine gewisse Entspanntheit braucht, um in das nächste Universum zu gelangen. Man muss dafür erstmal runterkommen und Abstand nehmen, oder?
Ja, da hast du durchaus Recht. Der Zyklus eines Songschreibers ist der: Lieder für ein Album schreiben, diese aufnehmen und produzieren, Werbung machen, das Album veröffentlichen, auf Tour gehen. Dann kommt – zumindest bei mir – eine lange Phase der Erholung. Und man sagt sich jedes Mal: «So, das war’s. Nie wieder so ein Stress.» – Und während dieser freien Zeit, entstehen dann die Ideen für das nächste Projekt.

Zuletzt lebtest Du in Berlin und machtest mit der Gruppe The Whitest Boy Alive äusserst tanzbare Musik. Jetzt lebst Du in Sizilien und hast eine Art Softpop-Platte aufgenommen. Eine Vertonung italienischen Lebensgefühls?
Eher eine Vertonung persönlicher Erlebnisse und Stimmungen. Die Musik ist ja einfach eine Reaktion auf das Leben. 

Hast Du bewusst nach einem Kontrast zur Musik von The Whitest Boy Alive gesucht?
Ich muss mich als Songwriter immer wieder in eine andere musikalische Richtung zu bewegen. Und dafür muss ich auch meine Umgebung wechseln. Wenn ich immer den gleichen Bus nehme, kann ich nicht ausbrechen.

Du bist weitgereist, hast schon an den verschiedensten Orten gewohnt. Derzeit singst du auf Englisch und Italienisch. Denkst Du noch auf Norwegisch?
Sehr selten. Nur wenn mir ein Wort fehlt, das es im Englischen nicht gibt. Wenn ich ein Gefühl ausdrücken will und es nicht kann.

In deinem Song «Rainman» singst Du «Loving you is like waiting for the rain to come». Wie kommt man auf eine solche Analogie?
Die meistens Songs beginnen mit einer Art Meteoriten-Regen. Da fallen Teile vom Himmel und ich frage mich dann, wie ich sie formen könnte. Wie ein Koch, der jeden Tag vor seinen Lebensmitteln steht und sich überlegt, was er damit machen könnte.

Und diese konkrete Zeile?
Für mich ist sie wie ein Satz, der niemals endet. Man kann ihn immer wiederholen – und trotzdem wird einem die Bedeutung nie ganz klar. Deshalb ist er mir geblieben. Er fühlte sich richtig an. 

Erlend Oye
© Lukas Maeder

«Die Musik ist ja einfach eine Reaktion auf das Leben.»

Du bist also nicht speziell auf der Suche nach lustigen Analogien?
Nein. Vielleicht ist es einfach Poesie. Das Spannende ist ja auch: Je nachdem, wo man sich gerade befindet, hat der Satz eine ganz unterschiedliche Bedeutung. In meiner Heimatstadt Bergen regnet es zum Beispiel die ganze Zeit. Jeden Tag ein bisschen. In Sizilien können drei Monate vergehen, ohne dass es regnet. Alle wünschen sich den Regen herbei.

Wann hast Du das erste Mal Musik aktiv wahrgenommen?
Das weiss ich noch gut! Ich sass mit meinen Eltern im Auto und im Radio lief «Moonlight Shadow» von Mike Oldfield.

Was ist deine frühste Erinnerung ans Musik machen?
Erste Singversuche zu «Nothing Like The Sun» von Sting. Ich habe dazu eine eigene Harmonie gesungen und war ganz verzückt. Ich fand meine Version so gut, dass ich dachte: «Ich muss jetzt sofort Sting anrufen! Er muss den Song neu aufnehmen! Ich habe seine Musik verbessert!»

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Als ich am Morgen vor dem Konzert in Zürich ins Kaufleuten gelaufen bin und das wunderbarste Frühstücksbuffet der Welt angetroffen habe.

Der unglamouröseste Moment?
Als wir in Potsdam gespielt haben, hat sich ein sehr betrunkenes, norwegisches Mädchen Zugang zum Backstage-Bereich verschafft. Nur weil sie wie ich aus Norwegen stammt, hatte sie das Gefühl dort alle belästigen zu dürfen. Und sie war wirklich keine Person, mit der ich mehr als zwei Sekunden verbringen wollte. 

Das modische Highlight deiner bisherigen Karriere?
Für The Whitest Boy Alive haben wir T-Shirts mit einer Zeichnung von Geoff McFetridge gemacht. Es gab so eine Phase, da sah man in Berlin ziemlich viele gutaussehende junge Frauen damit herumrennen. Es war richtig hip das zu tragen.

Hast Du die Shirts auch selbst getragen?
Aber ja!

Erlend Oye
© Lukas Maeder

«Ich muss mich als Songwriter immer wieder in eine andere musikalische Richtung zu bewegen.»

Deine jüngste Entdeckung im Bereich Musik?
Ist eine Wiederentdeckung: Mark Kozelek von den Red House Painters. Nach langer Zeit schreibt er mit seiner aktuellen Band Sun Kil Moon wieder interessante Songs. Und in einem Song spricht er über einen anderen Songschreiber. Er fragt ihn: «Du scheinst ein so tolles Leben zu haben. Wie kannst du überhaupt gute Songs schreiben?» – Gute Texte sind mittlerweile sehr, sehr selten. Die Leute wollen nur noch Sänger sein. Das Texten wird vernachlässigt.

Welchen deiner Texte hast du am Liebsten?
Kein Kommentar.

Was ist die wichtigste Lektion, die dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben haben?
Hm... meine Eltern haben mir nie irgendetwas beigebracht. Oder doch: Sie haben ständig geraucht und getrunken und sie haben mich dazu gebracht zu denken, dass rauchen und trinken etwas total Langweiliges ist. Ich kam zum Schluss, dass das nicht der Weg ist, um sich hervorzuheben, sondern der Weg, um so zu werden wie alle anderen. 

Bist Du dabei geblieben?
Nein. Heute trinke ich Alkohol. Wenn man jung ist, ist es wichtig Sachen zu finden, die einen von anderen unterscheiden. Jetzt brauche ich das nicht mehr. Ich weiss, wer ich bin.

Erlend Oye

Die «Personal Note From Erlend Øye»: die Stationen der letztjährigen Europatournee.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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