Kinotipps: «Dora...» und «Whiplash» Von Zwang und Freiheit

Filmfans, jubiliert! Diese Woche ist wie Weihnachten: Am Sonntag werden in Hollywood Oscars verteilt, und im Kino gibt's Geschenke. Vier fantastische Filme laufen heute an. So viel Filmkunst auf einmal - das geniessen wir!
Dora (Victoria Schulz, eine Entdeckung!) feiert ihren 18. Geburtstag.
© filmcoopi

Dora (Victoria Schulz, eine Entdeckung!) feiert ihren 18. Geburtstag.

«Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» 

Keine leichte Kost, die uns die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels mit der Adaption des Bühnenstückes von Lukas Bärfuss serviert. Und ganz viele Fragen, die der Film aufwirft und erfreulicherweise keine vorgefertigten Antworten nachliefert. Der Film erzählt die Geschichte einer geistig behinderten jungen Frau, Dora (schlicht umwerfend: Victoria Schulz). Kurz nach ihrem 18. Geburtstag beschliesst ihre Mutter (Jenny Schily), Doras Medikamente abzusetzen, Dora soll nicht länger gedämpft durch Pillen ihr Leben leben. Wie bei jedem  anderen Teenager auch, erwacht bei Dora das Interesse am anderen Geschlecht und am Sex. Mit ihrer unschuldig-direkten Art flirtet sie mit einem Mann aus der Nachbarschaft (Lars Eidinger), er ist fasziniert von der lebenshungriges Dora und ihrer befreiten Sinnlichkeit. In einer tristen öffentlichen Toilette kommt es zum Sex, von dem schwer zu sagen ist, wie einvernehmlich er war.

Wäre gern schwanger, Doras Mutter (Jenny Schily), Dora ist schwanger Victoria Schulz).
© filmcoopi

Wäre gern schwanger, Doras Mutter (Jenny Schily), Dora ist schwanger (Victoria Schulz).

Doras Mutters erfährt davon und ist entsetzt. Noch viel mehr von der Tatsache, dass Dora blauen Flecken hat und trotzdem schwärmt. Sie trifft den Mann immer wieder und wird schwanger. Der Film wirft nicht nur die Frage nach der sexuellen Selbstbestimmung behinderter  Menschen auf, es geht um viel mehr: Mutter-Tochter-Konflikte, die Ablösung junger Erwachsener von den Eltern, Einsatz von (Lifestyle-)Pharmaka, das (Eigen-)Bild der Frau jenseits der Menopause, Normal- und Anderssein, Fürsorglichkeit und Freiheit. Stina Werenfels ist (nach langem Ringen um Finanzierung) ein so eindringlicher wie unbequemer Film gelungen voller unvergesslicher Bilder und Momente. Nach dem Film wird man noch lange bei Granatäpfeln an Dora denken. 

«Whiplash»

Ein Lehrer treibt seinen Schüler gnadenlos voran, weil der das Potenzial zur Grösse hat. Um nicht mehr und auch nicht weniger dreht sich das Drama «Whiplash». Drei Hauptdarsteller machen das Drama zum Ereignis: der junge Miles Teller als Schüler am Schlagzeug, der reife J. K. Simmons als grenz-sadistischer Lehrer (möge er am Sonntag den Oscar holen!) - und die Musik.

«Selma» und «Citizenfour»

Die unrühmlichen Seiten Amerikas sind in zwei weiteren, unbedingt sehenswerten Filmen thematisiert: «Selma» erzählt in drastischen Bildern von der Bürgerrechtsbewegung Mitte der Sechziger Jahre um Martin Luther King. «Citizenfour» ist ein Dok-Film über den Whistleblower Edward Snowden, der die Massenüberwachungsprogramme des amerikanischen Geheimdienstes NSA aufdeckte. Beide Filme sind Oscar-nominiert und sorgen für Gänsehaut. Geschichtsunterricht, der eigentlich für alle obligatorisch sein sollte! 

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