A Personal Note From Fritz Kalkbrenner «Ich bin dann immer unfassbar im Eimer»

Lange war er einfach der kleine Bruder vom grossen Paul. Mittlerweile hat sich der 33-jährige Produzent und Sänger Fritz Kalkbrenner eine gefestigte musikalische Identität aufgebaut. Vor seinem Konzert in Zürich spricht er von Marvin Gaye, dem Rauswurf bei seinen Eltern und den euphorischen Momenten nach einem Auftritt.
A Personal Note From Fritz Kalkbrenner
© Lukas Maeder

Fritz Kalkbrenner aufgenommen von Lukas Maeder in Zürich.

SI Style: Fritz, gestern Holland, heute Schweiz, morgen Deutschland, ist das auf Dauer nicht ein anstrengendes Leben? 
Fritz Kalkbrenner: (Lacht) Ich beklag mich hier jetzt ganz sicher nicht über mein Leben! Man gewöhnt sich dran. Mit der Zeit lernt man seine Kräfte richtig einzuteilen. Und man trinkt immer mal wieder eine Tasse Tee, so wie jetzt gerade. 

Du hast mit «Ways Over Water» vor kurzem ein neues Album veröffentlicht. Sparst Du dir dafür bewusst Zeit aus oder wie machst Du das?
Es gibt verschiedene Phasen. Wenn ich am Ideen sammeln bin, dann geht das bei mir gut nebenher, zwischen Tür und Angel quasi. Aber wenn’s dann an die Ausarbeitung dieser Ideen geht, dann schliess ich mich für zwei, drei Monate im Studio ein und arbeite zehn Stunden pro Tag. Anders geht das nicht.

Wofür geht da bei Dir am meisten Zeit drauf?
Das ist eigentlich ziemlich fair verteilt. Alles braucht seine Zeit. Es gibt jetzt nicht DEN grossen Stolperstein. Aber es passiert immer wieder, dass man bei der Arbeit an einem Stück versehentlich etwas abdriftet und dann Gegensteuer geben muss. Bei diesem Album habe ich mit vielen Studiomusikern und auch mit klassischen Instrumenten zusammengearbeitet und das kann schnell in einen Bombast ausufern. Da muss man dann wieder Ballast abwerfen.

Wie lange singst du eigentlich schon?
Ich glaube, die erste Aufnahme hab ich mit 22 gemacht. 

So spät erst? 
Ja. Ich hab immer gross behauptet, dass ich das kann. Aber ausprobiert hab ich’s nie. Dafür hat ein Freund von mir ziemlich viel Druck ausüben müssen. Ich hab dann erstmal alle aus dem Studio gescheucht, weil ich mich nicht getraut habe. Heute ist der Druck zum Glück weg. 

Und wie war das vorher? Es gibt ja immer wieder Momente, in denen man verpflichtet ist zu singen, in der Schule oder an Geburtstagen oder so. 
Davor hab ich mich immer gedrückt. Das hat ja auch viel mit der Art der Musik zu tun. Alte deusche Lieder haben mir nie was gesagt. Marvin Gaye hingegen schon.

Schlummert in Dir ein Afroamerikaner?
Nee, überhaupt nicht. Aber man sucht sich ja nicht aus, was einem gefällt. Soul und R&B war schon immer mein Ding.

War das die Musik die Dich in deiner Jugend geprägt hat?
Ja. Mitte der 90er hab ich zudem viel Rap gehört. Ich war so ein richtiger US-Eastcoast-Hip-Hop-Typ. Das Zeug hör ich heute noch gerne. Ja, und dann kam irgendwann Techno und die Clubs und die langen Nächte.

A Personal Note From Fritz Kalkbrenner
© Lukas Maeder

«Soul und R&B war schon immer mein Ding.»

Viele deiner neuen Stücke rollen recht entspannt vorwärts. Textlich handelst Du immer wieder ernste Themen wie Glauben und Atheismus ab, wirkst sehr in Dich gekehrt und melancholisch.
Ja, das ist schon so. Es herrscht eine gewisse Kontradiktion zwischen Inhalt und Sound – und das nicht mal bewusst. Gut, ich weiss schon, dass ich noch nie eine richtig lustige Nummer geschrieben habe. 

Welches war die wichtigste Lektion, die Dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben haben?
Nachdem ich die Schule abgebrochen hatte, haben sie mich postwendend von zuhause rausgeworfen. Das habe ich zwar damals überhaupt nicht verstanden, aber heute bin ihnen dankbar dafür. 

Wie alt warst Du da?
Das war ungefähr mit 18. 

Dein Lieblingsmoment einer Fritz-Kalkbrenner-Show?
Das Ende. Dieses Gefühl: Es ist vollbracht. Im besten Fall hat man das ausgedrückt, was man wollte. Da fällt viel von einem ab. Ich bin dann immer unfassbar im Eimer. 

Keine Euphorie?
Doch. Auch. Da wird natürlich viel Adrenalin freigesetzt. Aber diese sorglose Euphorie – dieses jauchzende um den Maibaum Hüpfen – ist das nicht.

Wann hast Du das erste Mal Musik richtig zu schätzen gewusst?
Ich glaub, das war so ab einem Alter von 12 Jahren. Dann sucht man sich aus, was man hören will und entwickelt eine Einstellung dazu. Bei mir war das ziemlich bald A Tribe Called Quest und der Wu-tang Clan. Die Phase vorher war eher unbewusst. Aber ich kann mich noch erinnern, wie wir im Osten Westberliner Radio gehört haben und ich «Eternal Flame» von den Bangles irgendwie gut fand.

Deine erste Erinnerung ans Musikmachen?
Das war bei mir zuhause im Kinderzimmer. Ich habe damals immer mal wieder altes Equipment von Paul abgestaubt. Zuerst hab ich mit OctaMED auf dem Commodore Amiga rumgespielt. Hat Spass gemacht, aber was dabei herauskam, kann man nicht mal in Worte fassen...

A Personal Note From Fritz Kalkbrenner
© Lukas Maeder

«Nachdem ich die Schule abgebrochen hatte, haben mich meine Eltern postwendend von zuhause rausgeworfen.»

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Glamour ist nicht so mein Ding. Da fühle ich mich gar nicht assoziiert mit – obwohl ich ja auch schon für Preise nominiert gewesen bin. Ah, aber was mir gerade einfällt: Ich hab vor einer Weile in einem Plattenladen Jeru The Damaja getroffen – einer meiner Helden aus der Hip-Hop-Jugend. Mit dem hätte ich gern ein Foto gemacht, aber ich hab mich nicht getraut.

Der unglamouröseste Moment?
Da fällt mich jetzt kein absoluter Höhepunkt ein. Aber unglamouröse Momente gibt es zuhauf: Alles was mit Arbeit auf Tournee zu tun hat. Ein Soundcheck zum Beispiel. Oder wenn man nachmittags aus dem Hotel geworfen wird.

Der modische Höhepunkt deines bisherigen Lebens? Dein Bruder trägt ja immer Fussballtrikots.
Stimmt. Bei mir sind es schwarze T-Shirts. 

Und sonst?
Ich habe mir vor ein paar Wochen die neuen Adidas ZX Flux gekauft. Die sind schon sehr bequem am Fuss. 

Bist Du ein Sneaker-Fetischist mit Hunderten von Turnschuhen im Schank?
Nee, so viele hab ich jetzt auch nicht. Aber es sind schon ein paar Schöne dabei.

Jordans und so?
Nee, kein einziger. Ich bin mehr auf Adidas.

Welches ist deine letzte Entdeckung in Sachen Musik?
Khruangbin, ein Funk-Trio aus Texas. Die spielen instrumentale Musik – Gitarre, Bass, Schlagzeug. Ihre EP ist krass. 

A Personal Note From Fritz Kalkbrenner
© Lukas Maeder

Die «Personal Note from Fritz Kalkbrenner»: Eine Einkaufliste für das Gericht «Falscher Hase» - einem Braten aus Hackfleisch.

Fritz Kalkbrenner tritt am Freitag, dem 19. Dezember um 20 Uhr im X-tra in Zürich auf.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

Auch interessant