A Personal Note From Gary Clark Jr. «Es bleibt nichts mehr übrig – ausser Whiskey»

Viele sagen, er sei nichts weniger als die Zukunft des Blues: Gitarrist und Sänger Gary Clark Jr. entlockt seinen Instrumenten betörende Klänge von ganz tief innen. Kurz vor seinem Auftritt am Blue Balls Festival sprachen wir mit dem 31-jährigen Texaner über Feuer, Frust, das Gefühl der Taubheit und Musiker, die ihn einschüchtern.
A Personal Note From Gary Clark Jr.
© Lukas Maeder

Gary Clark Jr. aufgenommen von Lukas Maeder am Blue Balls Festival in Luzern.

SI Style: Gary, du bist Gitarrist. Wofür steht für Dich der Verzerrer?
Gary Clark Jr.: Für das Feuer. Für Energie, Stärke, Aggression, Entschlossenheit.



Könnte er auch für Frustration und Verzweiflung stehen?
Ja, wenn die Gitarre nicht gestimmt ist, dann kann das Ganze auch verzweifelt klingen (lacht)! Nein, im Ernst: Ich sehe Musik in Farben und verzerrte Gitarreklänge erscheinen bei mir immer in feurigem Blutorange.


Wann hast du den Verzerrer entdeckt?

In der 7. Klasse. Troy Lomely, ein Freund von mir, hat ihn mir gezeigt. Ich war öfter bei ihm in der Garage und habe ihm zugeschaut, wie er Nirvana und Silverchair gespielt hat.

Und am nächsten Tag hast du dir dann selber einen gekauft?
Nein, dafür fehlte mir das Geld. Irgendwann durfte ich mir ein paar Effektpedale ausleihen. 


Du hast früher mit dem Sampler und den Plattenspielern herumexperimentiert, warst sehr an Hip-Hop-Produktionen interessiert. Wieso hast du dann irgendwann auf Blues umgeschwenkt?
Wegen The Jimi Hendrix Experience. Diese Wut, diese Energie – und manchmal auch diese Verzweiflung, da hast du schon Recht – haben mir sofort imponiert. Dazu kam die Entdeckung, dass ich mich mit der Gitarre ausdrücken kann. Da war ich 14.


Du bist mit Pop, R&B, Soul, Funk und Hip-Hop aufgewachsen – und das hört man, trotz allem Blues, nach wie vor. Wie entscheidest du, welcher Stil zum Einsatz kommt?
Das passiert einfach. Ich laufe zum Beispiel einfach los, streife durch New York, lasse die Eindrücke auf mich einwirken und denke über das Leben nach. Der Laufrhythmus und die Geräusche bilden dann das Gerüst für den Song. So ist «Bright Lights» entstanden.



Was erwartet uns auf dem zweiten Studioalbum?
Es ist mein Version von all dem, was in den letzten Jahren so passiert ist. Ich habe fast alles selber eingespielt: Schlagzeug, Bass, Keyboards, Gitarren. Eine Mischung aus meinen Erfahrungen und einer musikalischen Entdeckungsreise. Es wird «The Story of Sunnyboy Slim» heissen.

Wann können wir damit rechnen?
Schon sehr bald! Es ist fertig. (Anm. des Verfassers: Inzwischen sind mit «Grinder» und «The Healing» bereits zwei Singles erschienen und eine Veröffentlichung am 11. September angekündigt worden)

A Personal Note From Gary Clark Jr.
© Lukas Maeder

«Ich sehe Musik in Farben und verzerrte Gitarreklänge erscheinen bei mir immer in feurigem Blutorange»



Die zwei Songs «The Life» und «Numb» auf deinem Debütalbum stecken die Bandbreite deines musikalischen Kosmos ab. Lass uns die doch mal kurz genauer anschauen. In dem HipHop-Soul-Song «The Life» malst du kein sehr optimistisches Bild von deinem Leben. Was war der Auslöser?

«The Life» hält für mich die Erkenntnis fest, dass ich zu dem Zeitpunkt mit gewissen Dingen in meinem Leben nicht zufrieden war. Dass gewisse Entscheidungen, die ich gefällt habe, nirgends hinführen. Es war einer dieser Momente der Klarheit, denn du hast, wenn du zu lange in einem Club rumhängst, am nächsten Tag einen Kater hast und dann so ein bisschen angeekelt von dir selber bist. Und dann sagst du dir: Das kann’s nicht sein. 

Hast Du den Song geschrieben als nach New York gezogen bist?

Nein, den habe ich noch geschrieben, als ich in Austin, Texas rumgezogen bin und noch viel weniger vom Leben wusste. 



Und «Numb»? Ist das der Beziehungs-Reality-Check?

Ja. Das ist der Punkt, an dem du so viel gestritten hast, dass du einfach nicht mehr kannst. Du hast schon alle Gefühlslagen durchgespielt und recycliert. Es bleibt nichts mehr übrig. Ausser vielleicht Whiskey. 



Du hast schon mit den Rolling Stones gespielt, du hast schon für Barack Obama im Weissen Haus gespielt. Aber in Interviews hast Du mehrfach gesagt, dass es dich besonders nervös machst, wenn du mit der Hip-Hop-Band The Roots spielst. Ist das immer noch so?

Nervös ist das falsche Wort. Ich versuche einfach hellwach zu sein und alles aufzusaugen, wenn ich mit ihnen spiele. Sie decken eine unglaubliche Bandbreite ab und haben das, was sie machen, zu hundert Prozent im Griff. Man weiss nie, was einen erwartet. Das ist ein bisschen einschüchternd, aber gleichzeitig auch inspirierend. 


Hast Du bei den Stones und bei Eric Clapton auch was aufsaugen können?
Sicher, immer. Professionalität, effektvolle Darbietung, Zusammenspiel innerhalb der Band, Organisation – alles. Diese Jungs haben bewiesen, dass man das jahrzehntelang durchziehen kann.


Wer ist der bessere Gitarrist, Keith Richards oder Gary Clark Jr.?

Keith. Wenn man ihn spielen hört, dann klingt es immer unverkennbar nach ihm. Er hat seinen eigenen Klang gefunden und Konstanz bewiesen. Davon bin ich noch ein paar Jahrzehnte entfernt.

Du bist Gary Clark, der Jüngere. Was ist eigentlich Gary Clark, der Ältere für ein Typ?

Er ist ein umgänglicher, selbstbewusster, intelligenter Mann. Fokussiert und offen für andere Einstellungen. Einer, der dir alles verkaufen kann: Autos, Anzüge, was auch immer.


Welches ist die wichtigste Lektion, die dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben haben?

Geduldig zu sein und nie aufzugeben. 


A Personal Note From Gary Clark Jr.
© Lukas Maeder

Gary Clark Jr. in seiner Garderobe am Blue Balls Festival in Luzern.

Wann hast du das erste Mal Musik richtig zu schätzen gewusst?
1988, am Konzert von Michael Jackson. Ich war fünf Jahre alt. 

Was ist deine erste Erinnerung ans Musikmachen?

Eigene Hintergrundstimmen aufnehmen zu «I Want You Back» und «They Love You Save» von den Jackson 5 mit meinem Kassettenrecorder.  

Der glamouröseste Moment in der Karriere von Gary Clark Jr.?

Der Grammy.



Der unglamouröseste Moment?

Den kann auch genau benennen: Ich sitze eines Abends in meinem Heimstudio, bin mitten an einem Song und plötzlich geht das Licht geht aus, weil ich die Stromrechnung nicht bezahlt habe. Und natürlich waren auch all die Aufnahmen futsch. 



Verdammt.
Ja, da sass ich dann ein paar Wochen im Kerzenlicht mit der akustischen Gitarre.  

Das modische Highlight deiner bisherigen Karriere?

Wir haben vor ein paar Jahren ein Konzert zu Ehren der Beatles gespielt. Danach tauchte irgendwo ein Bild auf mit mir, meiner Verlobten und Paul McCartney. Und ich muss sagen, ich sah verdammt gut aus auf dem Bild.


Deine letzte musikalische Entdeckung?

Die Songhoy Blues Band aus Mali. Vier Typen, die eine sehr inspirierende, tief verwurzelte Form von afrikanischem Blues spielen. Ich habe sie kürzlich live gesehen. 

A Personal Note From Gary Clark Jr.

Die «Personal Note From Gary Clark Jr.»: Der Gitarrist und Sänger zeichnete in Schwarzweiss die blauen Bällchen in seiner Garderobe ab.







Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.



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