A Personal Note From Nneka «Glamour heisst für mich, sich nicht zu verbiegen»

Die nigerianische Sängerin Nneka Egbuna bewegt sich seit Jahren zwischen Reggae, Dub, Soul, Afrobeat und Hip-Hop. Uns erzählt die 34-Jährige, wer sie in ihren Träumen verfolgt, wie sie mit grossen Galas fertig wird und welche Klänge sie beeinflusst haben.
A Personal Note From Nneka
© Lukas Maeder

Nneka aufgenommen von Fotograf Lukas Maeder.

SI Style: Nneka, seit Deinem Debütalbum «Victim of Truth» sind zehn Jahre vergangen. Gibt es ein Gefühl, das Du noch nie in einem Song abgebildet hast?
Nneka: (Überlegt) Hm... nein, nicht dass ich wüsste. 

Echt nicht?
Nein, ich glaube wirklich nicht. In meinen Songs kommt irgendwie alles zusammen. Ich habe meistens gemischte Gefühle, wenn ich Musik mache. Eine Mischung aus Traurigkeit, Melancholie und Freude ist zum Beispiel ein guter Ausgangspunkt. Auch Trotz, Wut und Frustration gemischt mit Tatendrang. Überhaupt Gefühle! Leere oder Ausgeglichenheit machen nicht kreativ. 

Das heisst also, Du bildest dich in deinen Songs komplett ab?
Zumindest gibt es keine Seite an mir, die ich bewusst nicht zeige. Aber ich mache Musik schon mit dem Ziel, gute Energie zu vermitteln. Negatives einfach so in die Welt hinauszuposaunen, wäre irgendwie armselig. 

Bedeutet das, Hoffnung steckt bei Nneka immer drin?
Natürlich! Ich könnte nicht ohne Hoffnung. Wenn ich nicht wenigstens ab und zu ein paar Sonnenstrahlen zu spüren bekäme, könnte ich nicht überleben. Meine Musik ist auch an jene gerichtet, die diese Sonnenstrahlen nicht abbekommen.

A Personal Note From Nneka
© Lukas Maeder

«Mein Lieblingsmoment bei einem Konzert ist derjenige, an dem ich merke, dass die Verbindung zwischen mir und meiner Band hundertprozentig stimmt.»

Was machst Du, wenn Du nicht schlafen kannst?
Was ich mache? Ich wälze mich hin und her.

Hast Du nach all den Jahren im Tourbus noch kein Wundermittel gefunden?
Nein, leider nicht. Ich bete oder ich lese in meinem Buch weiter. Manchmal nicke ich auch kurz ein und habe wirre Träume. Die schreibe ich dann gleich auf.

Wovon zum Beispiel?
Letzte Nacht habe ich von einer Nonne geträumt. Sie fuhr mit uns im Tourbus mit, sass am Computer und hat irgendwas auf Französisch getippt. Sie sagte: «Ohne Autokorrektur wäre ich aufgeschmissen.»

Und dann?
Dann hat sie mein Bein in der Schiebetüre des Busses eingeklemmt. Ich schrie im Traum. 

Eine böse Nonne?
Nein, das war keine Absicht. Jedenfalls wollte ich so sein wie sie: ruhig, sanft, entspannt.

Bist Du das nicht?
Ich bin schon meistens ruhig und gelassen, aber eben nicht immer. 

Was ist die wichtigste Lektion, die dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben haben?
Mein Vater sagt immer wieder: «Was immer du tust, tu es für Gott.» – Egal, ob du das Klo putzt oder Teller abspülst: Mach es mit Liebe.

Wann hat Dir Musik das erste Mal richtig Eindruck gemacht?
Als wir als Kinder zuhause in Nigeria mit leeren Flaschen und Metallgegenständen Rhythmen geklopft haben. Diese gemeinschaftliche Verbundenheit hat mich stark berührt.

A Personal Note From Nneka
© Lukas Maeder

«Meine Musik ist auch an jene gerichtet, die die Sonnenstrahlen im Leben nicht abbekommen.»

Gab es sonst Klänge, die dich als Kind besonders beeindruckt haben?
Ich erinnere mich an den Gesang eines Vogels. Ich habe ihn früher jeden Morgen gehört. Er sass auf dem Papayabaum im Garten und sang immer die gleiche Melodie. Zwanzig Jahre später habe ich in Lagos genau dieselbe Melodie gehört. Das war ein magischer Moment.

Welches ist dein Lieblingsmoment bei einem Nneka-Konzerts?
Wenn ich meine Arbeit getan habe und wieder gehen kann (lacht)!

Wirklich?
(Lacht weiter) Nein, natürlich nicht! Gibt es Musiker, die sowas sagen?

Äh, ja...
Oh, sehr seltsam. Nein, mein Lieblingsmoment ist derjenige, in dem ich merke, dass die Verbindung zwischen mir und meiner Band hundertprozentig stimmt. Ist das der Fall, dann haben alle losgelassen. Niemand denkt nach, niemand hat irgendwelche Vorbehalte.

Wie lange dauert es normalerweise bis zu diesem Moment?
Manchmal fast ein ganzes Konzert... Manchmal aber auch nur fünf, sechs Songs. Das kommt natürlich auf die Musiker an. Seit kurzem habe ich einen neuen Gitarristen aus Nigeria. Seit er dabei ist, geht alles viel schneller. Er besitzt die befreiende Energie, die dafür nötig ist.

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Das kommt darauf an, wie man Glamour definiert.

Genau!
Ich finde, sich nicht zu verbiegen, kann sehr glamourös sein. Ich bin gestern an der Echo Verleihung aufgetreten. Schon drei Wochen vorher haben mich alle verrückt gemacht – unter anderem mein Manager: «Hey, weisst du jetzt endlich, was du anziehen wirst? Du musst dringend ein speziell schönes Outfit haben!» Blablabla... Irgendwann habe ich mich von all dem anstecken lassen und mir tatsächlich überlegt: Vielleicht sollte ich mir wirklich ein schönes, nettes Kleid besorgen. Als dann der Tag kam, stand ich mit Jeans und Schal auf der Bühne und alles war gut.

Der unglamouröseste Moment?
Das genaue Gegenteil: Sich halb verrückt machen wegen einem angeblich glamourösen Event. Das letzte Mal, als ich mich dann rausgeputzt habe, konnte ich mich in den High Heels kaum bewegen.

Deine letzte musikalische Entdeckung?
Die pentatonische Tonleiter. Ich bringe mir sie gerade via Youtube bei.

A Personal Note From Nneka
© Lukas Maeder

Nnekas «Personal Note» zitiert den Psalm 27.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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