Mando Diao «Indie-Künstler denken, dass sie etwas für die Ewigkeit schaffen müssen»

Als sich Ende der 90er Jahre 4 Jungs aus Schweden zu Mando Diao zusammenfinden, sind sie gerade aus der Pubertät raus. Heute, über ein Jahrzehnt später, haben sie ihre Lederjacken gegen Sportklamotten eingetauscht und anstelle der gewohnten Gitarrenriffs ertönt auf dem neuen Album «Aelita» ein gleichnamiger sowjetischer Synthesizer. Gustaf Norén, einer der beiden Frontmänner, spricht mit uns über Rap, sagt welche Schweden wir kennen müssen und was Sex und Lust in Liedern zu suchen haben.
Gustaf Noren Mando Diao
© Lukas Maeder

Gustaf Norén von Mando Diao. 

SI Style: Wie geht es Ihnen nach dem langen Promo-Tag? 
Gustaf Norén: Ganz gut. Es ist ja nicht so, dass ich das jeden Tag mache. Für mich ist es leichter, mit der ausländischen Presse zu sprechen. Schwedische Journalisten kennen uns zu gut. Sie schauen uns schief an und denken, dass wir sie anlügen, in der Art: Ich weiss genau, was du hier abziehst, ich glaube dir kein Wort! (lacht). 

Apropos Sprache. Ich habe ein Video gefunden, auf welchem Sie auf schwedisch über Kendrick Lamars Album «Good kid in a maad city» sprechen. Ich habe leider kein Wort verstanden. Wie stehen Sie eigentlich zu Rap Musik? 
Hmmm...Ich weiss nicht, ich mag die Idee der Kategorisierung «Rap» nicht. Was soll das bedeuten? Dass du keine Melodien singst? 

Naja, viele junge Rapper haben sehr melodiöse Songs. 
Ganz genau! Das meine ich, heute vermischt sich alles. Hör dir nur mal die auto-tune-verzerrten Songs von T-Pain an. Ich weiss nicht mehr, was Rap überhaupt bedeutet. Es gibt so viel schreckliche Rap-Musik, und gleichzeitig ist es die beste Musik, die ich je gehört habe. 

Aus Schweden kommt aktuell sehr viel gute Musik, etwa von Lykke Li, Neneh Cherry oder Little Dragon. Wen sollten wir sonst noch kennen?
Yung Lean ist ein verrückter Typ. Er ist jung und eine interessante Figur dieser neuen Generation von Rappern. 

Ihr Sound hat sich ebenfalls verändert. Stört es Sie nicht, dass die Leute vielleicht etwas ganz anderes erwartet haben?
Wir versuchten auf jedem Album, eine bestimmte Stimmung zu kreieren. Wir haben damals auch nicht gesagt: So, jetzt spielen wir Garagenrock. Wir taten es einfach. Wir hatten viel mehr Wut in uns drin. 

Heute sind Sie nicht mehr wütend?
Als ich 21 war konnte ich ganz einfach eine Gitarre zertrümmern. Heute wäre das nur noch Irrsinn. Wegen meiner überschüssigen Energie habe ich in der Vergangenheit viele Instrumente kaputt geschlagen.  

Woher kam diese Energie? Und wo ist sie hin?
Ich war sehr unsicher. Und fast noch ein Kind. Mit 16 kam ich in die Pubertät, und als es mit Mando Diao richtig losging, war ich 21 und bestimmt noch kein erwachsener Mann. Das bin ich auch heute nicht (lacht). In den letzten fünf Jahren habe ich mich aber nochmal stark verändert. 

Ist Ihre Musik auch erwachsener geworden? 
Songs sollten dich widerspiegeln. Und deshalb ist der Unterschied, jedenfalls für uns, zwischen dem ersten Album «Bring ’em in» und «Aelita» gar nicht so gross. Sie sind wie unsere Persönlichkeiten mit uns mitgewachsen. 

Welche Persönlichkeit hat «Aelita»?
Es ist emotional. Wir weinen und singen darauf offen über Sex und Lust. 

Darüber haben Sie auch früher gesungen.
Ja, weil in unserer Kultur viel zu wenig über Lust gesungen wird. Soul- oder R&B-Songs handeln fast nur davon, aber Indie-Künstler denken, dass sie etwas für die Ewigkeit schaffen müssen. Sie halten Themen wie Sex oder Lust nicht für würdig genug.

Für «Aelita» haben Sie sich Synthie-Pop-Legende Jan Hammer ins Boot geholt. Wie kam es dazu? 
Wir arbeiten gerne mit Leuten zusammen, welche wir bewundern. Wir haben Jan eine Anfrage geschickt und er hat sich zum Glück zurückgemeldet. Zusammen haben wir die erste Single «Black Saturday» gemacht. 

Er ist bekannt für den Soundtrack von «Miami Vice» aus den 80er-Jahren. Inspiriert Sie sonst noch etwas aus dieser Zeit?
Ich weiss nicht. Kunst funktioniert anders. Wenn ich einen Song schreibe wie «Black Saturday», dann weiss ich nicht von Anfang an, wie dieser klingen soll. Das ergibt sich einfach. Ein Lied setzt sich nach und nach aus verschiedenen teilen zusammen. Ich denke mir nicht, ah, ich kopiere jetzt diesen Billy Idol Song. Das wäre zu einfach. 

Aus was setzt sich «Black Saturday» zusammen?
Aus einer Ballade, aus Michael-Jackson-Disco-Beats und aus Black Sabbath. Klingt abstrakt, aber so funktioniert das. Ich finde das nicht sehr spannend, das sind vor allem technische Details. Mich interessieren vielmehr die Gefühle. Wenn der Song scheisse ist, verschwindet er wieder. Genau das passierte damals mit vielen Indie-Songs. 

Indie war das grosse Ding zu Ihrer Anfangszeit.
Ja, alle sind damals auf diesen Zug aufgesprungen. Aber nur wenige waren wirklich gut. The Strokes zum Beispiel. Niemand mochte sie wegen den Gitarren oder den Lederjacken, sondern weil sie dieses Gefühl wecken konnten.

Welche Emotion steckt in Ihrem neuen Video zu «Black Saturday»? 
Vor zwei Jahren reisten wir für visuelle Inspiration nach Asien. Letztes Jahr kehrten wir zurück, um die Videos zu drehen. Inspiriert haben uns vor allem die kreativen Anime Filme und Manga Comics.  Aber auch das Dramatische der Oper. 

Diskutieren Sie ebenso lange über Ihren Style wie über Akkorde und Harmonien?
Ja klar. Weil wir schräg und anders aussehen wurden wir schon oft ausgelacht. Uns ist das egal. Wir fühlen uns wohl, die Kleider sind bequem. Wir tanzen auf der Bühne und dazu eignen sich Sportklamotten hervorragend. 

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