Interview Martina Voss-Tecklenburg

Sie bringt unsere Fussballerinnen diesen Sommer erstmals an die Euro. Die Nati-Trainerin offenbart bei unserem Treffen eine überraschend sensible Seite.
Martina Voss-Tecklenburg
© Anne Morgenstern

«Die Spielerinnen sollen etwas aus Überzeugung tun und nicht, weil ich es sage.»

Fussball ist ihre grosse Leidenschaft. Schon als Kind habe sie jede rumliegende Colabüchse weggekickt. Sie eiferte auf dem Pausenhof ihren älteren Brüdern nach und wurde von den anderen Jungs immer als Erste ins Team gewählt, wenn es darum ging, Mannschaften zu bilden. Martina Voss-Tecklenburg wurde eine der erfolgreichsten deutschen Fussballerinnen, absolvierte 125 Länderspiele und war viermal Europameisterin. Seit 2012 trainiert sie das Schweizer Frauenfussballnationalteam. Seither geht es mit der Equipe steil bergauf. Vor zwei Jahren nahm sie zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Dieses Jahr holten sich die Frauen den Sieg beim Zypern-Cup. Und am 16. Juli geht es erstmals an die Europameisterschaft nach Holland. Wir treffen die 49-jährige bestens gelaunte Duisburgerin in Zürich und sind sofort eingenommen von ihrer starken Ausstrahlung und Präsenz. Die Spielerinnen sprechen immer nur positiv von ihr. Und auch unsere Fotografin gerät ins Schwärmen: «Sie sieht aus wie Tilda Swinton!», sagt sie über die Trainerin. Und sie: «Ach, lasst mich doch einfach Martina sein.» Das machen wir gern! Und drücken für die EM ganz fest die Daumen.

Style: Am 16. Juli geht die Euro los. Die Schweizer Frauen sind zum ersten Mal dabei. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Martina Voss-Tecklenburg: Auf die Atmosphäre, denn die Holländer können gut Stimmung machen. Und natürlich auf die sportliche Herausforderung. Es wird schwieriger als an der WM, weil die Teams in Europa stärker sind. Zum ersten Mal sind sechzehn Länder dabei, das zeigt, dass der Frauenfussball an Stellenwert gewonnen hat.

Ist der Frauenfussball in der Schweiz, seit Sie 2012 die Nati übernommen haben, bekannter, beliebter geworden?
Beides. Erfolge tragen dazu bei, dass man mehr Aufmerksamkeit bekommt. Es kommen mehr Leute ins Stadion. Ich glaube, die Zuschauer schätzen die Art, wie wir spielen und auftreten. Unsere erste WM vor zwei Jahren war tatsächlich ein Meilenstein. Für die Euro erwartete die Öffentlichkeit dann schon automatisch eine erfolgreiche Qualifikation.

Wie oft müssen Sie mit Fans für ein Selfie posieren?
2012 hat mich nie jemand angesprochen. Jetzt erkennen mich viele am Bahnhof oder Flughafen. Das ist schön, so kommt man ins Gespräch, und ich kann aufklären. Nur wenige wissen, dass die Frauen mindestens genauso viel trainieren wie die Männer, nebenbei aber studieren oder arbeiten. Sie leisten also noch mehr als die männlichen Kollegen, können aber nicht Profis sein, weil sie sonst finanziell zu wenig abgesichert wären.

Ist Ihr Engagement als Nationaltrainerin ein Hundertprozentjob? 
Ja, aber ich stehe nicht nur für das Nationalteam im Einsatz. Als ich angefangen habe, bekam ich ein Pflichtenheft, das kannte ich aus Deutschland gar nicht. Da standen meine diversen Aufgaben drin. Vier Jahre lang habe ich die Nachwuchs-Akademie in Huttwil, später in Biel geleitet, dafür stand ich drei- bis viermal wöchentlich auf dem Sportplatz. Ausserdem bilde ich Trainer aus, leite Trainersitzungen, mache Spielbeobachtungen und verreise auch mit den U-Nationalteams.

Klingt nach mehr als hundert Prozent.
Stimmt, aber das kennen alle, die im Frauenfussball tätig sind. Einige Spielerinnen, etwa Fabienne Humm, müssen Vollzeit arbeiten neben dem Spitzensport. Andere nehmen ihren gesamten Jahresurlaub, damit sie an der EM dabei sein können. Manche müssen Trainings auslassen, weil sie Prüfungen an der Uni haben. Gut, dass ich ihre Situation verstehen kann: Ich war Fussballerin, habe nebenbei hundert Prozent gearbeitet und meine Tochter allein grossgezogen. Meine Spielerinnen müssen wissen, dass es für sie keinen Nachteil gibt, wenn sie mal eine Verpflichtung haben.

Sie brauchen psychologisches Gespür.
Absolut. Es ist wichtig, dass ich weiss, was die Frauen beschäftigt. Deshalb müssen sie mich auch informieren. Gegenseitiges Vertrauen ist essenziell.

Sie leben in Aarau, Ihr Mann in Düsseldorf. Wie oft sehen Sie ihn?
Durchschnittlich etwa sechs Tage im Monat. Hundertzwanzig Tage im Jahr bin ich mit der Nati unterwegs. Zu Hause gibt es Zeitfenster, die für meinen Mann reserviert sind, andere für meine Tochter, und zwischendurch versuche ich, meine Eltern und Geschwister zu sehen. Freunde treffe ich viel zu selten. Als damals der Anruf mit der Anfrage als Nationaltrainerin kam, war ich in Thailand in den Ferien. Mein Mann hat die Entscheidung mitgetragen. 

Mein Mann kommt an fast alle meine Spiele. Er ist mein grösster Förderer, aber auch Kritiker.

Können Sie seine Kritik annehmen?
Nun ja, er kennt sich auch gut aus mit Fussball. Aber meistens besprechen wir ganz andere Themen. Er ist Bauunternehmer und in der Politik aktiv, wir gehen fast jeden Samstag ins Kino und lesen beide viel. Manchmal übernachten wir in Düsseldorf im Hotel, damit wir richtig ausspannen können.

Sie sind ein Vorbild an Selbstbestimmung. Sie haben zum Beispiel Ihrem Mann selber einen Heiratsantrag gemacht. Ging es Ihnen zu lange, bis er gefragt hätte?
Mein Mann ist nicht zum ersten Mal verheiratet. Weil es beim ersten Mal, als er gefragt hatte, nicht gut herauskam, nahm ich es diesmal in die Hände (lacht).

War es ein spontaner Entscheid?
Nein. Es war der 16. April 2008, Hermann wurde sechzig Jahre alt, ich habe ihn zum Essen eingeladen und dann in mündlicher und schriftlicher Form einen Antrag gemacht. Ich schreibe ja gern Gedichte. Er hatte keine andere Wahl, als Ja zu sagen.

Worum geht es in Ihren Gedichten?
Meistens um meine persönlichen Beziehungen. Kürzlich schrieb ich meiner Mama eines zum Geburtstag, und an unserer Hochzeit trug ich ein eigenes vor.

Sie haben Ihre Tochter erwähnt, die Sie allein aufgezogen haben. Wie kam es dazu?
Als ich schwanger wurde, lag die Beziehung zu Dinas Papa schon in Scherben. Wir hatten es nochmals als Paar versucht, ich hatte zuvor Antibiotika genommen, worauf die Pille versagte. Es war kein guter Zeitpunkt, meine sportliche Karriere lief super, und ich war auf mich allein gestellt. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, ob ich dieses Kind möchte, doch nach dreissig Minuten Bedenkzeit war mir klar, dass ich die Verantwortung allein übernehmen wollte. Heute ist Dina dreiundzwanzig Jahre alt und ein ganz toller Mensch. Ich weiss nicht, wie mein Leben sonst verlaufen wäre, ob ich überhaupt je Mutter geworden wäre. Insofern war das schon Schicksal oder gottgewollt, dass ich damals mit fünfundzwanzig schwanger geworden bin.

Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, ob ich dieses Kind möchte, doch nach dreissig Minuten wars klar.

Woher haben Sie die Kraft genommen, das alleine durchzustehen?
Die hat mir vor allem der Fussball gegeben. Gleichzeitig habe ich mich immer wieder gefragt, ob es fair ist gegenüber meiner Tochter, dass ich meine Sportlaufbahn weiterverfolge. Ich war natürlich angewiesen auf die Hilfe meiner Familie. Meine älteste Schwester Heike wurde zur Ersatzmama für Dina, sie war sogar bei der Entbindung dabei und hat sich die ersten Jahre extrem um sie gekümmert. Für Dina waren ihre zwei Cousinen wie Geschwister. Viele Leute kritisierten mich, weil ich meine Tochter so oft allein liess. Wenn ich dann in den Bus steigen musste an ein Spiel und die Kleine weinte, erlebte auch ich das als sehr hart. Aber ich habe immer wieder gesagt: «Wenn ich glücklich bin» – und das war ich dank dem Fussball –, «kann ich dieses Glück an mein Kind weitergeben.»

Wie ist Ihre Beziehung heute?
Sehr vertrauensvoll. Es ist keine normale Mutter-Kind-Beziehung. Dina war früh selbstständig, ist mit siebzehn ausgezogen. Heute verwöhne ich sie, viel zu fest, wenn es nach meinem Mann geht.

Wie denn?
Ich gehe gern mit ihr schöne Dinge für sie einkaufen, unterstütze sie finanziell mit Wohnung und Auto.

Sie sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Fünf Geschwister mussten sich zwei Kinderzimmer teilen. Wie hat das Ihr Verhältnis zu Geld geprägt?
Hatte mein Vater keine Wechselschicht, machte er Grabpflege auf dem Friedhof. Meine Mutter zog fünf Kinder gross und putzte nebenbei noch im Kindergarten. Ich empfinde eine grosse Wertschätzung gegenüber allem, was wir uns heute leisten können. Aber ich geniesse genauso mein einfaches Nutella-Brötchen am Morgen und freue mich ganz banal über schönes Wetter. Ich gebe lieber, als dass ich nehme.

Ihre eigene Mutter war nicht begeistert, dass Sie Fussballerin werden wollten. Wie konnten Sie sich durchsetzen?
Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Und ich habe auch nicht immer alles zu Hause erzählt. Mein Sportlehrer am Gymnasium sah mein Talent und vereinbarte heimlich ein Probetraining im Fussballklub. Es kamen sehr schnell die Erfolge, und ab dann schloss auch meine Mutter ihren Frieden damit. Mit siebzehn zog ich bereits mit meinem vierundzwanzig Jahre älteren Freund zusammen. 

Bevor Sie mit Ihrem Mann zusammenkamen, hatten Sie eine Beziehung zu einer Frau, Ihrer damaligen Teamkollegin Inka Grings. Wieso haben Sie sich wieder für einen Mann entschieden?
Es ging mir nicht darum, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte, es ging um den Menschen. Inka trat in mein Leben, als es mir sehr schlecht ging. Ich war alleinerziehend, die Beziehung zu meiner ersten Liebe war gescheitert. Sie war für mich da. Ich glaube, Frauen sind in sexueller Hinsicht freier als Männer. Wenn zum Beispiel zwei Frauen zusammen tanzen, sagt niemand etwas.

Sie hatten Ihre Beziehung damals offen gegenüber Ihrer Trainerin und den Medien kommuniziert. Im Männerfussball ist das Thema Homosexualität noch immer völlig tabu.
Das ist so schade, und für mich ist nicht greifbar, wo die Ängste liegen. Die sexuelle Ausrichtung hat ja überhaupt nichts mit dem zu tun, wie man sonst als Person oder als Sportler ist. Ich persönlich möchte meine Beziehung nicht verstecken. Man ist doch stolz auf seine Liebe und möchte sein Glück nach aussen tragen, ich brauche Nähe und Berührung. Ich bin überzeugt, dass viele Fussballer unter ihrem Versteckspiel leiden.

Trifft das Klischee zu, dass es in einem Frauenteam Zickenalarm gibt?
Nein, im Gegenteil. Frauen sind solidarischer untereinander. Ich habe ja auch während zweier Jahre ein Männerteam trainiert. Da ist der Umgangston rauer, und es kam sogar mal vor, dass einer im Training seinen Konkurrenten härter anging, um ihn loszuwerden. Das würden Frauen nie machen. Sie haben manchmal ein Problem, offen zu sagen, was sie an der anderen stört, da braucht es vielleicht mich, die zwei zusammenbringt und etwas anspricht.

Sie würden vermutlich mehr verdienen als Trainerin einer Männermannschaft. Ärgert Sie das?
Meine Arbeit wäre zwar nicht mehr wert, aber ich würde mehr Geld dafür bekommen, das stimmt. Mein Anreiz ist jedoch nicht der Lohn, sondern meine Leidenschaft auszuleben. Männerfussball ist überdimensioniert, und das ist ungesund. Wie soll denn ein Siebzehnjähriger damit umgehen, einen Vertrag über acht Millionen Euro zu bekommen? Es wäre aber schön, könnte jede Spielerin zumindest vom Fussball leben. Vor allem in der Schweiz ist das derzeit leider unmöglich. 

Fühlt man sich als Coach manchmal allein?
Ja, speziell nach Niederlagen. Am Ende trage ich die Hauptverantwortung.

Wie finden Sie aus einem Tief wieder heraus?
Ich brauche lange, um eine Niederlage zu verarbeiten, denn ich bin ja sehr ehrgeizig. Ich kann dann jeweils nicht schlafen und gehe die Partien hundertmal im Kopf durch. Ich schaue mir alle auch nochmals allein an.

Sie werden Ende des Jahres fünfzig. Ist das für Sie ein Grund, innezuhalten, zurückzublicken?
Nö. Ganz ehrlich nicht. Ich werde im Dezember fünfzig, mein Mann im April siebzig, und so werden wir eine grosse Party – hundertzwanzig Jahre Voss-Tecklenburg – ausrichten. Ansonsten ist das für mich wirklich nur eine Zahl.

Und was erhoffen Sie sich von Ihrer Zukunft?
Dass meine Eltern hoffentlich noch lang leben, dass es meiner Tochter und meinem Mann gut geht, dass wir alle gesund bleiben. Ich versuche, möglichst viel mitzunehmen vom Leben und es so anzunehmen, wie es kommt. Ich bin sehr sensibel, und deshalb kann ich sehr viel glücklicher sein als andere Menschen, aber auch sehr viel trauriger.

Ihr Ziel für die Euro?
Rein vom Ergebnis her wollen wir mindestens den Viertelfinal erreichen. Aber letztlich bin ich zufrieden, wenn die Leistung hundert Prozent stimmt. Habe ich mir zumindest vorgenommen. Es kann ja theoretisch auch sein, dass wir gut spielen und trotzdem nicht weiterkommen. Fussball ist nicht immer gerecht. Ich hoffe, wir werden von unserer Erfahrung an der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada profitieren können, nicht so nervös in die Matches gehen und schneller unseren Rhythmus finden.

Was machen Sie nach dem Turnier?
Ferien, sofort! Am 12. August fliegen wir, wie immer im Sommer, für drei Wochen nach Mallorca.

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