Joaquín Phoenix «Ich werde nie ganz zufrieden sein»

Er ist einer jener Schauspieler, die sich fast zerreissen für ihre Rollen. Als er vor einigen Jahren ankündigte, er sei jetzt Rapper, glaubte ihm die Welt. In seinem neuen Film «Her» verliebt sich Joaquín Phoenix, 39, in ein Betriebssystem. Ein Szenario das er sich, wie er uns im Interview versicherte, durchaus vorstellen kann.
Joaquín Phoenix Her
© DUKAS

In seinem neusten Film «Her» verliebt sich Joaquín Phoenix in eine Maschine mit künstlicher Intelligenz. 

SI Style: Mr. Phoenix, wann haben Sie Ihren letzten Reim geschrieben?
Joaquín Phoenix: Meinen was?

Ihren letzten Rapvers, Ihren letzten Reim!
Ach, das meinen Sie. Das ist lange her. Das war während der Dreharbeiten zu «I’m Still Here». 

Wie ernst haben Sie die Sache genommen? Viele – ich inklusive – dachten ja damals wirklich, Sie seien zum Rapper mutiert. Das Ganze war ja als Spiel mit der Öffentlichkeit angelegt.
Ich hatte keine echten Ambitionen in diese Richtung. Ich wollte das eher von der lustigen Seite her angehen und einfach irgendwas hinkritzeln. Aber mein Schwager Casey, mit dem ich den Film gemacht habe, meinte, so funktioniere das nicht. Er sagte: «Du musst dich wirklich hinsetzen und probieren einen ernstgemeinten Song zu schreiben. Es muss dir wichtig sein.» Das Resultat war erbärmlich. Ehrlich, verdammt erbärmlich. Aber man hat den Unterschied zu vorher trotzdem gemerkt. 

Sie hätten sich ja auch Hilfe holen können...
Klar, hätte ich. Aber darum ging’s ja nicht. Es ging darum, etwas ganz ernsthaft zu verfolgen und darin komplett zu versagen.

Welches war die intensivste Situation bei den Dreharbeiten?
Das war in einem Nachtclub in Miami. Geplant war ein grosser, finaler Zusammenbruch meiner Figur. Vor tausenden von Leuten. Wir wollten, dass sich das gesamte Publikum gegen mich wendet und ich am Schluss verhauen werde. Ein Komplize von uns sollte mich aus der ersten Reihe anpöbeln und das Ganze anstacheln. Aber Casey wollte es noch weiter treiben. Er sagte: «Sobald dich der Typ anpöbelt und deine Musik kritisiert, sagst du einfach: ‚Ich habe eine Million Dollar auf meinem Bankkonto, und was hast du?’» - Ich hab mich erst geweigert, weil ich so beschissen nervös war. Ich meine, einen Typen, der so einen Scheiss rauslässt, hätten wir früher einfach verdrescht. Es kam aber anders: Ich platzierte meinen Satz und wartete darauf, dass die Leute mich lynchen würden. Aber stattdessen riefen sie begeistert meinen Namen – auch nachdem ich runtergesprungen und auf ihn einzuhauen begonnen hatte. Ich merkte plötzlich: «Verdammte Scheisse, ich bin in Miami! Die Leute hier feiern den Kapitalismus bedingungslos. Wie konnte ich das bloss vergessen?»

In Ihrem neuen Film «Her» verlieben Sie sich in ein Betriebssystem - und führen schliesslich eine Beziehung mit ihm. Könnten Sie sich das im richtigen Leben vorstellen?
Wie meinen Sie das? Wollen Sie wissen, ob ich gegebenenfalls auch ein Betriebssystem anbaggern würde? 

Ja. Würden Sie?
Logisch!

Wie sehr fürchten Sie sich vor einer Zukunft wie sie im Film dargestellt wird?
Schwierig zu beantworten. Ich bin sehr gespannt auf das, was die Zukunft bringt. Neue Technologien begeistern mich. Ich fürchte mich nicht vor dem, was kommt.

Die Figuren, die Sie spielen, scheinen stets in ihrer eigenen Welt zu leben, bzw. mit dieser hier zu kämpfen. Sie tun sich stets schwer damit herauszufinden, was Realität und was Fiktion ist.
Klingt gut. Klingt sehr nach der Menschheit.

Heisst das, dass Sie sich mit diesen Fragen auch selbst beschäftigen?
Das sind doch die grundlegendsten Fragen unseres Lebens! Jeder fragt sich doch, wer wir sind und was wir hier auf diesem Planeten machen. Oder stellen Sie sich diese Fragen etwa nicht?

Doch, aber es gibt doch Menschen, die sich mit diesen Fragen mehr beschäftigen als andere. Ihre Figuren kämpfen mit ihrer Rolle in der Gesellschaft.
Ich habe erst kürzlich einen Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift gelesen, in dem sie vorschlagen, mit der Theorie zu arbeiten, dass unser gesamtes Universum eine Simulation ist. Sie streben nun an, Tests zu machen, die wirklich abschliessende Beweise dafür erbringen sollen, dass dem nicht so ist. Das ist für mich eine absolut faszinierende Idee. Ich finde die Vorstellung aufregend. Und ja: Ich denke oft über solche Dinge nach. Realität ist etwas völlig Subjektives.

Was lockt Sie heutzutage vor die Kamera?
Zu 99 Prozent der jeweilige Regissseur.

Das Drehbuch macht nur ein Prozent aus?
Das ist jetzt vielleicht ein bisschen extrem ausgedrückt, aber ich richte mich da tatsächlich viel eher nach dem Regisseur. Vor allem bei denjenigen, die auch die Drehbücher schreiben, ist das gedruckte Wort nicht sehr aussagekräftig. Da steht einfach nicht alles. Als Schauspieler bringst du den Leuten das Vertrauen entgegen, dass sie daraus etwas Spannendes machen. In diesem Fall war es allerdings so, dass Spike ein hervorragendes Drehbuch geschrieben hatte. Ein Drehbuch, das mich auch ohne Bezug zu irgendeinem Regisseur angesprochen hätte. 

Lässt Spike Jonze seine Schauspieler an der langen oder an der kurzen Leine?
Er kann mitunter schon sehr präzise Anweisungen geben.

Zum Beispiel?
Na ja, immerhin ist es ja sein Stoff. Er weiss, was er will. Und ich will dem Regisseur gerecht werden. Das ist immer meine grösste Sorge. Dafür zerreisse ich mich fast. In den ersten Tagen und Wochen weiss man jeweils noch nicht so genau, wie das alles gemeint ist: Soll ich das jetzt alles genau so bringen, wie’s auf dem Papier steht? Oder soll ich was ausprobieren, darauf aufbauen?

Und, was will Jonze?
Letzteres! Er bietet einem einen Ausgangspunkt. Von da aus kann man dann experimentieren und seine Rolle entdecken. Auch wenn es dafür mehr Takes benötigt. Aber trotz allen Freiheiten für uns Schauspieler: «Her» ist ganz unverkennbar ein Spike Jonze Film. 

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Leistung?
Es ist mir unmöglich meine Arbeit objektiv zu betrachten. Absolut unmöglich. Wenn ich die Bilder sehe, sind mit jeder Szene Erinnerungen verknüpft. Und mir fallen auch immer tausend Sachen auf, die ich hätte anders machen können. Ich werde nie ganz zufrieden sein.

Stimmt es eigentlich, dass Sie Spike Jonze zuerst gesagt haben, Sie seien nicht fähig die Rolle zu spielen?
Weiss ich gar nicht mehr. Wahrscheinlich. Ich glaube, ich habe das bis jetzt an irgendeinem Punkt zu jedem Regisseur gesagt, mit dem ich gearbeitet habe.

«Her» läuft ab dem 27. März in den Deutschschweizer Kinos. 

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