A Personal Note From Kutti MC «Ich habe von Anfang an angeeckt»

Bis am Sonntag, dem 1. Februar gab es hierzulande einen Rapper, der sich keinem Hip-Hop-Klischee gebeugt hat und all jenen, die dies tun, immer wieder auf der Nase herumtanzte: Kutti MC. Der ist nun Geschichte, nach fünfzehn Jahren, fünf Alben und einigen wunderschönen Liedern voller Poesie. Ein Gespräch mit Kuttis Mutterkonzern, dem Berner Dichter Jürg Halter, 34.
A Personal Note from Jürg Halter alias Kutti MC
© Lukas Mäeder

Jürg Halter alias Kutti MC aufgenommen von Lukas Maeder in Bern.

SI Style: Jürg, wir wählen heute einen schawinskiesken Einstieg: Wer ist Kutti MC?
Jürg Halter: Das bin ich. Ein Teil von mir, der seine Zeit bekommen hat.

Beschreibe diesen Teil bitte!
Am Anfang war er vielleicht noch so eine Art Kunstfigur. 2005 habe ich das auch noch unterschieden. Kutti trug – im Gegensatz zu Jürg Halter – Sonnenbrille, Goldketten und Meerschweinchen. 

Stimmt, deine Meersau Fritzli!
Genau. Und jetzt, fast zehn Jahre später, folgt Kutti MC Fritzli in den Tod. Und in den Meersäuli-Himmel. Aber zurück zur Frage: Die bewusste Inszenierung hat mich schnell gelangweilt. Kunstfiguren sind so absehbar. Ich wollte nie Gefangener eines Klischees werden, so wie etwa die Mitglieder der Band Kiss. Drum muss ich vereinfacht wohl einfach sagen: Kutti MC war der Teil von mir, der Mundartrap gemacht hat. Und dieses Kapitel geht nun zu Ende.

Wie hat sich die Figur entwickelt?
Ende der Neunziger Jahre stand ich das erste Mal bei einer Freestyle Session auf der Bühne. Damals hatte ich noch gar keinen Künstlernamen. Mein erster Name war dann Diwas? The Preacher. Ungefähr ab 2000 habe ich mich Kutti MC genannt. 2005 ist das erste Album «Jugend & Kultur» erschienen, fast gleichzeitig mit meinem ersten Gedichtband «Ich habe die Welt berührt». Deshalb wollte ich das damals abgrenzen voneinander, weil es zwei unterschiedliche Ausdrucksformen sind. 

Wohin wolltest Du als Kutti MC?
Bei meinem ersten Album ging es mir unter anderem darum, mein Verhältnis zu Hip-Hop gleich mal zu klären. Das habe ich mit dem Stück «Kutti Funk» gemacht. Das hat die ganze Schweizer Hip-Hop-Szene so nachhaltig schockiert und verärgert, dass ich heute noch darauf reduziert werde. Ich wollte nie der Hip-Hop-Kultur dienen, sondern durch sie zu einem eigenen Ausdruck finden, das ist doch eigentlich die Ursprungsidee jeder Kultur, oder?

Wieso führst Du Rap und Hip-Hop eigentlich so schnell ins Feld hier? Du machst ja dein ganz eigenes Ding. 
Hip-Hop und Rap war für mich musikalisch gesehen am Anfang einfach die wichtigste Quelle.

Jürg Halter
© Lukas Maeder

«Mein erster Name war dann Diwas? The Preacher.»

Warst Du vor 2005 eigentlich auch schon eine Reizfigur?
Ich habe von Anfang an angeeckt. Bei allem, was ich gemacht habe.

Schon in der Schule?
Ja, eigentlich auch. Das war nie mein Platz. Nie mein Ort, die Schule. Ich bin nicht so kompatibel mit Institutionen.

Wie hat sich das geäussert?
Ich habe zum Beispiel im Geschichtsunterricht Fragen gestellt bei denen es den Lehrern unangenehm geworden ist. 

Zum Beispiel?
Zum Beispiel bei der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Ich habe mich schon sehr früh interessiert und informiert. Im Deutschunterricht habe ich schon früh eine eigene Sprache, eine eigene Ausdrucksform gesucht. Mit normalen Aufsätzen konnte ich nicht viel anfangen. Das war einfach so. Ich habe das nicht bewusst gemacht. Auch heute nicht, als Künstler. Mir geht es nie um die Provokation an sich. Das finde ich uninteressant. Ich habe mir auch nie überlegt, wie ich möglichst viel verkaufen könnte. Mein Massstab sind die Künstler, die mich inspirieren. Da gibt es viele.

Wird Kutti jetzt nicht auch beerdigt, weil sich niemand mehr über ihn aufregt?
Nein. Die Kritiker sind nicht weniger geworden. So ein Entscheid entsteht im Bauch. Dann findet man nach und nach heraus, warum der Entscheid richtig ist. Um das genau zu beantworten, braucht man aber noch etwas Distanz. Ich kann dir wahrscheinlich in einem Jahr genauer sagen, warum es Kutti nicht mehr gibt. 

Nur weil der Bauch geknurrt hat?
Es passt auch gerade ganz gut: Vor zehn Jahren ist mein erstes Album erschienen, ich habe fünf Alben gemacht, fünf Gedichtbände geschrieben, werde bald 35. Ausserdem habe ich schon seit längerem einen Prosatext im Kopf. So einen Text schreibt man nicht einfach so schnell mal hin. Dafür brauche ich Zeit und Platz. Ausserdem beschränkt sich Kutti MC ja auf die Deutschschweiz. Das ist ein kleines Feld. Dort habe ich erreicht, was ich erreichen kann. Mehr liegt nicht drin.

Was heisst das genau?
Die Leute werden nicht offener, wenn ich noch ein sechstes Album mache.

Bist Du nicht kommerziell an eine Grenze gestossen, weil Du mit den Leuten ein Verwirrspiel getrieben hast? Sie wissen nicht mehr, wann Du’s ernst meinst und wann nicht.
Das ist nicht mein Problem. Darum sage ich ja: Mehr liegt nicht drin. Nur wenn ich meine Ansprüche herunterschrauben und mich selber verraten würde, nett werden und hundert Mal das Gleiche sage würde, läge mehr drin. Dass ich eine ganze Reihe guter Songs gemacht habe und viele Leute berührt habe, weiss ich. Mehr ist nicht zu holen, Punkt. Ich bin dankbar.

Jürg Halter
© Lukas Maeder

«Ich habe viel Bach gehört in letzter Zeit.»

Mir hat etwas Anderes enormen Eindruck gemacht: Die Plattentaufe deines ersten Albums im Dachstock in Bern. Da hast Du alles, was sich popkulturell auf einer Bühne so abspielt, mal eben schnell persifliert. Eine kleine Meisterleistung.

Danke. Auf der Schiene hätte ich sicher ein paar Jahre weitermachen können. Aber interessiert mich das? Nein. Ich habe mich lieber immer wieder anders erfunden, habe mit anderen Leuten zusammengearbeitet, Neues ausprobiert.

Welches ist die wichtigste Lektion, die Du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?
Vielleicht Bescheidenheit. Ich habe noch nie in meinem Leben gedacht, ich sei besser als irgendjemand anders. Auch wenn ich denke, dass ich in gewissen Dingen besser bin.

Welches ist deine letzte Entdeckung in Sachen Musik?
Lass mich überlegen. Ich habe viel Bach gehört in letzter Zeit. Vielleicht immer noch die Musik von Kanye West und Frank Ocean. Oder Earl Sweatshirt. D’Angelos neues Album hat mich leise enttäuscht. Er hat leider den Esprit verloren. 

Dein Lieblingsmoment bei einem Kutti Konzert?
Ich habe vor noch nicht allzu langer Zeit mal eine Trauung improvisiert. Ich habe mich mit einem Zuschauer verheiratet. Das fand ich gut. Und mein Bräutigam offensichtlich auch. Er hat mir anschliessend einen schönen Brief geschrieben. 

Der glamouröseste Moment in der Karriere von Kutti MC?
Habe ich je schon einen glamourösen Moment erlebt? Vielleicht als ich in Chicago U.S. National Hip-Hop Slam Champion wurde. Oder als ich bei einem Auftritt mit Baschi im Hallenstadion vor 13'000 Teenies auf die Fresse gefallen bin und sie haben’s nicht bemerkt, weil sie dachten, was für ein crazy Dance Move!

Der unglamouröseteste Moment?
Auschecken in einem Ibis Hotel und anschliessend mit den Turnschuhen in den Nassschnee hinaustreten.

Das modische Highlight deiner Karriere?
Der rote Anzug, den ich auf dem Cover von «Freischwimmer» trage. Und das Shooting mit Walter Pfeiffer.

Würdest Du den heute noch anziehen?
Höchstens auf dem offiziellen Bundesratsfoto.

A Personal Note from Jürg Halter alias Kutti MC

Die «Personal Note From Kutti MC»: Gedanken von Jürg Halter.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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