A Personal Note From Nelly Furtado «Wenn das Timing stimmt, kann Magie entstehen»

Es gab einen Moment, in dem war sie der grösste weibliche Popstar der Welt: Nelly Furtado aus Kanada, heute 36 Jahre alt. 
Nelly Furtado
© Lukas Maeder

Nelly Furtado aufgenommen von Lukas Maeder in Davos.

Der Moment lässt sich genau festmachen: Die Veröffentlichung ihrer Single «Maneater» und das Erscheinen ihres Erfolgsalbums «Loose» im Jahr 2006. Am Rande ihres Engagements bei Art on Ice haben wir uns in den Katakomben der Vaillant Arena in Davos mit ihr darüber unterhalten.

SI Style: Nelly, wie geht’s eigentlich Toby?
Nelly Furtado: Toby? Meinst Du den Hund aus dem «Maneater»-Clip? Lustige Frage! Ich hab ihn seither nicht mehr gesehen oder gehört (lacht)! Ich bin eben allergisch auf Hunde. 

Mit dem Song und dem Clip hat deine Karriere damals einen unglaublichen Sprung gemacht. Das war ein Popkultur-Moment erster Güte. Was sind deine Erinnerungen an den Dreh?
Meine erste Erinnerung: Der Regisseur Anthony Mandler wusste extrem genau, was er wollte. Google ihn mal, der hat schon etliche ikonische Clips gemacht. Ansonsten erinnere ich mich daran, dass es Ostersonntag war und sich das alles etwas komisch anfühlte. Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet, um dann gleich noch die Einstellungen auf dem Dach mit dem Sonnenaufgang drehen zu können. 

Hast Du Erinnerungen an das Einstudieren der Tanzszenen?
Oh ja! Ich musste sehr viel proben für diesen Dreh. Die Woche davor musste ich immer in Highheels tanzen. Irgendwann hatte ich die Füsse in jeder freien Minute im Eisbad.

Die Single und das Album waren anschliessend unglaublich erfolgreich. Hat sich das schon beim Machen wie ein Meilenstein angefühlt? Wie ein Neustart?
Ja, ein bisschen schon! Für die Choreographie habe ich damals mit einem guten Freund zusammengearbeitet. Und manchmal funktioniert das einfach: Dann kommen Musik und Bewegung zusammen und verschmelzen. Das war bei «Maneater» der Fall, glaube ich. Und der Clip fühlte sich auch beim Machen aufregend an. Das hatte alles was von «Thriller». 

Genau das meine ich: Ein bisschen Storytelling, viel Choreographie, ein sehr konsequenter Look.
Danke! Das war das erste Mal, das ich diese Art von Video gemacht habe. 

Der Clip zu «Turn Off The Lights», einem deiner früheren Hits, war aber auch nicht ohne: Da taucht der DJ samt seinem Equipment aus dem Sumpf auf!
Ja, stimmt! Dafür wurde im Studio tatsächlich extra einen richtiger Sumpf aufgebaut. Der Schlamm war aus Walnusspaste. Beim Dreh war auch eine Freundin von mir dabei, die eine Nussallergie hat. Am Abend war sie fix und fertig (lacht)!

Welche Musikvideos haben Dich in deiner Jugend geprägt? 
Natürlich die von Michael Jackson. Ich erinnere mich sogar noch an die Weltpremiere von «Bad». Das war damals eine Riesensache. Ausserdem Janet Jackson mit «Rhythm Nation». Und später die Clips von Aaliyah. Zum Beispiel «Are You That Somebody». Und dann gefielen mir viele Rapvideos. Das war eine andere, exotische Welt. Da fragte man sich immer: «Was sind das bloss für schräge Typen? Was machen die wohl an einem normalen Montag?»

A Personal Note From Nelly Furtado
© Lukas Maeder

«Ich erinnere mich sogar noch an die Weltpremiere von «Bad». Das war damals eine Riesensache.»

Wann hattest Du das erste Mal Kontakt mit Timbaland?
Das ist schon sehr lange her. Er mochte mein erstes Album «Whoa Nelly!» und hat dann einen kleine Passage für dem Remix von «Get Ur Freak On» von Missy Elliott verwendet. Er brauchte dafür meine Zustimmung und lud mich dafür zu sich ins Studio ein. Wir verstanden uns von Anfang an ausgezeichnet. 

Was passierte dann?
Wir haben dann gleich angefangen an zwei Remixes zu arbeiten – einen für Missy und einen für Ms. Jade, eine Sängerin, die damals bei ihm unter Vertrag war. Dann verloren wir uns für ungefähr fünf Jahren aus den Augen. 

Bis?
Bis mich ein Mitarbeiter meiner Plattenfirma mich daran erinnerte, dass man auf der guten Chemie von damals aufbauen sollte. Und als wir uns dann für die Aufnahmen von «Loose» in Miami trafen, hörten wir uns gerade lustigerweise genau die gleichen Sachen an: Bloc Party, Coldplay, und so weiter. Das Timing stimmte einfach. Und wenn das Timing stimmt, dann kann unter Umständen Magie entstehen. Genau wie bei einer Liebesbeziehung.

Und so war es dann auch: Es entstand Magie!
Oh yeah!

Das Album «Loose» hat in 25 Ländern entweder Gold oder Platin eingeheimst und verkaufte sich insgesamt über sieben Millionen Mal. Ihr habt unglaubliche acht Singles ausgekoppelt.
Verrückt oder? Es hat einfach Spass gemacht mit Timbaland Musik zu machen. Das war eine schöne Zeit. 

Wieso hat es der Song «Showtime» nicht zur Single geschafft?
Keine Ahnung mehr. Das kann man als Künstler ja nicht alleine bestimmen. Ich hätte jedenfalls schon eine Idee für einen Clip gehabt. Mir schwebte da eine Leichtathletik-Szenerie vor. Eine Liebesgeschichte auf der Tartanbahn. Frag mich jetzt aber nicht wieso (lacht)!

Hast Du früher Leichtathletik gemacht?
Ja, in der Highschool. Aber jetzt spiele ich lieber Basketball. Das ist auch mein Lieblingssport zum Zuschauen. 

Viele würden erwarten, dass Du nach dem riesigen Erfolg von «Loose» irgendwann noch  mal zum Telefon greifst und Timbaland anrufst. Wirst Du’s machen?
Ich liebe Timbaland. Und wir sind nach wie vor Freunde – auch wenn wir zwischendurch ein paar Jahre keinen Kontakt hatten. 

Wieso?
Keine Ahnung. Wir haben einfach sehr intensiv zusammengearbeitet und da ist es dann als Künstler auch irgendwie normal, dass man mal was Neues in Angriff nehmen möchte. Aber wir haben uns erst kürzlich wieder gesehen und das war ein richtig gutes Gefühl. Aber zurück zu deiner Frage: Ich suche immer nach etwas Neuem. Ich will neue Menschen kennenlernen, neue Sachen ausprobieren, mit der Zeit gehen, mich vorwärtsbewegen. Aber manchmal komme ich auch auf alte Wegbegleiter zurück. Die Antwort lautet also: You just never know! Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. 

Nelly Furtado
© Lukas Maeder

«You just never know! Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.»

Wo steht Nelly Furtado jetzt gerade im Moment?
Ich arbeite an meinem neuen Album. Im Moment sammle ich Ideen, schreibe Songs, experimentiere. Im Sommer spiele ich ausserdem einige Konzerte. Ich will einfach in Bewegung bleiben.

Bis jetzt hast Du alle drei Jahre ein Album veröffentlicht. Schaffst Du das?
Hm... könnte gut sein, dass es 2016 wird! 

Wegen Art on Ice?
Ach, Quatsch! Das war eine super Erfahrung. Ich habe so viele tolle Leute kennengelernt. Ich habe schon als kleines Kind Eiskunstlauf mitverfolgt. Und die Schweiz gefällt mir jedes Mal besser! Da ich viele verschiedene Sprachen spreche und in verschiedenen Kulturen verwurzelt bin, fühl sich das hier irgendwie heimisch an. 

In welcher Sprache träumst Du?
Gute Frage! (Überlegt) Hm, ich glaube, in meinen Träumen spricht kaum je irgendwer. Aber manchmal ist mir das Portugiesische oder das Spanische seltsamerweise plötzlich näher als das Englische. Zum Beispiel vor ein paar Tagen in Lausanne. Da waren viele Portugiesen im Publikum. Und ohne es zu merken, hab ich plötzlich Portugiesisch gesprochen mit den Leuten. 

Sprichst Du mit deinen Eltern eigentlich Portugiesisch?
Nur selten. Meine Mutter bestand darauf, dass wir zuhause Englisch redeten. Sie wollte unbedingt besser werden. Aber sie schickten uns in eine portugiesische Abendschule. 

Was ist die wichtigste Lektion, die Du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?
Dass man nichts ohne harte Arbeit erreichen kann. Und dass man seine Mitmenschen immer gut behandeln muss.

Was ist deine frühste Erinnerung an aktiven Musikgenuss?
Da habe ich ein Bild vor Augen: Ich sitze im Schneidersitz vor der Stereoanlage von meinem Vater und betrachte die Hülle einer Platte von Billy Joel.

Deine erste Erinnerung ans Musikmachen?
Ich habe zwar schon mit 12 irgendwelche Songideen auf ein Blatt gekritzelt. Aber mit 17 bin ich dann nach Toronto gezogen und habe dort eine Gruppe gegründet. Sie hiess Nelstar und wir haben sowas wie Trip-Hop gemacht. Ich bin damals nach den Proben nachts oft alleine mit dem Bus nach Hause gefahren und hab die Eindrücke der Grossstadt aufgesogen. 

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Ich habe mal einen Song von und für Caetano Veloso gecovert. Der Song heisst «O Leãozinho». Er war im Publikum – und da er mein absoluter Lieblingssänger ist, war das für mich etwas ganz Besonderes. Das hat sich extrem glamourös angefühlt. 

Und der unglamouröseste Moment?
Ha! Unglamourös ist doch fast alles (lacht)! Soll ich dir ein paar Tricks verraten, mit denen ich hier jeweils vor der Show zurechtgemacht werde? Oder hast Du schon meine Garderobe hier in Davos gesehen? Das ist eine Eishalle. Wie glamourös soll das schon sein? Aber ich hab null Probleme damit. 

A Personal Note From Nelly Furtado
© Lukas Maeder

Die «Personal Note From Nelly Furtado»: Erinnerungen an ihre Zeit bei Art on Ice.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

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