A Personal Note From Mighty Oaks «In uns stecken nunmal keine Grossstadtmenschen»

Weltenbummler auf Zwischenstopp in der Schweiz: Claudio Donzelli, Craig Saunders und Ian Hooper von der Folkband Mighty Oaks erobern von Berlin aus immer weitere Teile des Globus. Während ihrem Halt am Openair St. Gallen sprachen wir mit dem sympathischen Trio aus Italien, England und den USA über ihr Leben on the road und die Arbeiten an ihrem zweiten Album.
Mighty Oaks
© Lukas Maeder

Mighty Oaks aufgenommen von Lukas Maeder am OpenAir St.Gallen.

SI Style: «Golden Road» hiess ein Schlüsselsong auf eurem Erfolgsalbum «Howl» - ebenso wie eure letztjährige Tour. Habt Ihr nun das Ende der «Golden Road» erreicht?
Ian: Nein. Unsere erste musikalische Reise mag abgeschlossen sein, aber die Golden Road geht weiter bis zum Horizont und darüber hinaus. Wir widmen uns gerade intensiv dem Songwriting für unser zweites Album. Das ist gerade wieder ein Riesenabenteuer für uns. Wir versuchen uns gerade neu zu erfinden. 

Wie sieht dieser Prozess aus?
Ian: Wir ziehen uns immer mal wieder irgendwo aufs Land zurück, machen Songwriting Retreats. Zuletzt waren wir zehn Tage in der Lüneburger Heide. 

Da hat es wahrscheinlich auch geregnet, wie eben hier in St. Gallen.
Ian: Ja, aber das war eigentlich ganz gut. Dann zieht es einen nicht raus und man kann sich auf die Songs konzentrieren. Wir sassen die meiste Zeit mit einem Glas Wein vor dem Kamin und haben Musik gemacht. 

Ihr wohnt alle in Berlin, einer der grössten Städte Europas. Eure Musik erzählt aber vom Gegenteil – von Ländlichkeit, von Besinnlichkeit, von Roadtrips – wieso? 
Ian: In uns stecken nunmal keine Grosstadtmenschen. Ich komme aus dem Nordwesten der USA, aus einer ländlichen Gegend bei Seattle. Claudio kommt von der Küste Italiens, Craig aus dem Südwesten Englands. Wenn wir Songs schreiben, greifen wir auf das zurück, was in uns steckt. 

Um Dichtestress, Facebook, Snapchat und Dating Apps wird es in euren Texten wohl nie gehen.
Nein. Obwohl: Die meisten Texte für das neue Album haben wir noch gar nicht geschrieben. Kann gut sein, dass es auch um andere Dinge gehen wird diesmal. Aber grundsätzlich glaube ich, dass wir eine sehr zugängliche Band sind. Die Leute können immer etwas für sich in unserer Musik finden. Unsere Themen sind Liebe, Freundschaft, Beziehungen im Allgemeinen, Fernweh. Themen, auf die jeder irgendwann im Leben zwangsläufig stösst.

Und das grosse Überthema heisst Sehnsucht?
Ian: Vielleicht, ja. Wir sind alle sehr weit weg von unserer Heimat, von unseren Familien und Freunden. Und dazu sind wir in Berlin, in der Stadt mit der kalten Schnauze. Die kann einem auch schon mal richtig auf die Nerven gehen. Wenn wir mal drei Wochen am Stück in Berlin sind, denken wir uns immer wieder: Wieso können die Leute hier nicht einfach mal lächeln?

Ihr seid füreinander zu einer Art Ersatzfamilie geworden. Handelt davon auch das Stück «Brother»?
Ian: Nein, da geht es eigentlich um meinen besten Kumpel aus Seattle. Es ist eine Ode an die Freundschaft und unsere Abenteuer. Aber stimmt schon: Mittlerweile passt der Song auch zu uns als Band. Wir sind füreinander tatsächlich zu Brüdern und Familienmitgliedern geworden. 

Mighty Oaks
© Lukas Maeder

«Wir sind füreinander tatsächlich zu Brüdern und Familienmitgliedern geworden.»

Ihr habt es schon erwähnt: Ihr seid unglaublich viel unterwegs. Ist das eigentlich auch eine kreative Phase oder konzentriert man sich da nur auf den Auftritt?
Das ist gemischt. Während der Soundchecks kommen schon manchmal Ideen für Lieder zusammen. Aber wenn man wirklich zwei Monate am Stück unterwegs ist, dann muss man schauen, dass man sich neben den Auftritten und der Feierei auch noch ein bisschen bewegt. Und da bleibt dann einfach kein Platz für ruhige Momente, in denen man Songs schreiben könnte. Man hockt doch sehr eng aufeinander. 

Ihr wart dieses Jahr auch schon in den USA auf Tour. Wie fühlte sich das an?
Craig: Gut! Eine schöne Erfahrung. Es war so eine Art Tour mit eingebautem Roadtrip. Wir haben über 8000 Kilometer mit dem Van zurückgelegt. 
Ian: Die längste Fahrt dauerte 20 Stunden. Von Denver nach Chicago. Ein Kumpel von der Uni hatte mir noch zwei Graslutscher und zwei Joints mitgegeben. Alles viel zu stark. Ich erinnere mich gar nicht mehr an die Fahrt. Das war ein einziger Rausch.

Was macht Ihr während so einer Fahrt, wenn Ihr nicht gerade Graslutscher lutscht?
Craig: Das ist normalerweise die Zeit, in der man ein bisschen für sich sein kann. Man hängt seinen Gedanken nach, schläft, hört Musik.

Was hört Ihr zurzeit so?
Wir haben sehr viel Horse Thief gehört. Deren aktuelle Platte ist toll. Aber auch War On Drugs, Modest Mouse, João Gilberto oder Hip-Hop. 

Ganz andere Frage: Wie ist das eigentlich auf der Sonne zu leben?
(Ian macht grosse Augen) Wo hast Du denn dieses Lied gehört? Warst du am Rock am Ring?

Nein, aber euer dortige Auftritt ist auf Youtube zu finden.
Lustig, wir wussten gar nicht, dass das aufgezeichnet wird. Das ist ein komplett neuer Song, den wir ausprobieren wollten. Ich habe irgendwann mal geträumt, ich würde auf die Sonne ziehen. Ich durfte mir auch aussuchen, wer mich begleiten darf. Als ich aufgewacht bin, dachte ich: schöne Vorstellung!

Mighty Oaks
© Lukas Maeder

«Aber wenn man wirklich zwei Monate am Stück unterwegs ist, dann muss man schauen, dass man sich neben den Auftritten und der Feierei auch noch ein bisschen bewegt.»

Liefern dir Träume öfter mal Stoff für Lieder?
Ian: Nein, sonst kann ich mich nie daran erinnern. 
Craig: Ich glaube, im Tourbus schläft man einfach nicht tief genug dafür.

Welches ist die wichtigste Lektion, die euch eure Eltern mit auf den Weg gegeben haben?
Claudio: Da muss ich nicht lange nachdenken. Ganz klar Ehrlichkeit. 
Ian: Ich glaube bei mir war’s: work hard. 
Craig: Ich bin Brite, deshalb ging es bei uns um Höflichkeit und gute Manieren. 

Der glamouröseste Moment in der Geschichte der Mighty Oaks?
Craig: Als wir als Vorgruppe von Kings of Leon auf der Waldbühne in Berlin standen. Das war extrem eindrücklich. Wir standen da plötzlich vor einer Wand von 18'000 Leuten und die Begeisterung schwappte direkt auf uns über. Wir wurden richtig durchgeschüttelt. Ein Wahnsinnsgefühl.

Das Gegenteil: Der bislang unglamouröseste Moment?
Ian: Eigentlich immer, wenn man in England spielt. (dreistimmiges Lachen)

Stimmt das, Craig?
Craig: Ja, es ist ganz hart. Man muss immer wieder ganz unten anfangen. 

Was ist euer Lieblingsmoment eines Mighty Oaks Konzerts?
Ian: Schwer zu sagen. Wir versuchen die Leute mit auf eine Reise zu nehmen. Aber es ist immer toll, wenn man den letzten Song spielt und die Leute richtig abgehen und wollen, dass man noch einen spielt.

Also ist es der Moment zwischen Hauptset und Zugabe?
Craig: Ja. Wir stehen dann beieinander hinter der Bühne, schauen uns glücklich in die Augen, nehmen einen Schluck Whiskey und dann geht’s wieder ab auf die Bühne.

A Personal Note From Mighty Oaks

Die «Personal Note From Mighty Oaks»: guter Rat von Ian, Claudio und Craig.

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

 
Auch interessant