The Internet Unterwassermusik

Die kalifornische Band mit dem kühnen Namen The Internet – im Kern bestehend aus Produzent und Keyboarder Matt Martians und Produzentin und Sängerin Syd tha Kyd – sorgt seit einigen Monaten mit ihrer leichtfüssigen Form von Neo Soul für Aufsehen. Hipsters und Soulfreaks sind entzückt. Vor jedem Auftritt wird Whiskey getrunken und gebetet, haben sie uns im Interview verraten.
The Internet
© Lukas Maeder

Die kalifornische Band The Internet

Acid Jazz, Trip Hop, Electronica, Funk und Soul werden zu The Internet als Stilangaben mitgeliefert. Einen Zusatzhinweis liefert der Blick auf den rechten Arm von Matt «Martians» Martin, 26, dem männlichen Kopf der fünfköpfigen Band. Dort ist nämlich ein gehörntes, jederzeit tanzbereites Männchen eintätowiert: Der Spaceman, das Logo der britischen Band Jamiroquai. Dass sie ähnlich gut grooven können wie Jay Kay und seine Gefolgschaft haben sie mit ihrem Hit «Dontcha» bewiesen, der bereits weit mehr als zwei Millionen Aufrufe auf Youtube zählt. Musik, die immer einen Schuss Ausserweltlichkeit in sich trägt. 

Das Cover Eures aktuellen Albums «Feel Good» ziert eine Unterwasseraufnahme von Eurer Band. Wie seid Ihr darauf gekommen?
Syd Bennett alias Syd tha Kyd (StK): Das war deine Idee, Matt!
Matt Martin alias Matt Martians (MM): Ja, das war meine Idee. Während der Produktionsphase habe ich mir immer wieder mal einen Dokfilm über die Pflanzen- und Tierwelt angeschaut. Vor allem Filme über Meerestiere hatten es mir angetan. Diese Kamerafahrten unter Wasser haben mich fasziniert.

Die Aufnahme passt sehr gut zu Eurer Musik. Wenn man Eurem Sound lauscht, fühlt man sich in eine Welt versetzt, in der alles etwas abgedämpft ist und die Zeit langsamer verstreicht. 
MM: Danke, das nehmen wir als Kompliment entgegen!

Das Album wirkt wie aus einem Guss. Habt Ihr viel Zeit in die Entwicklung von Songkonzepten gesteckt? 
MM: Nein, das ist nicht unser Ding. Das Ganze soll ja nicht zu verkopft werden. Unsere Musik kommt aus dem Bauch heraus. Wir lassen es einfach geschehen.
StK: Ja, wir forcieren nichts. Die einzige Vorgabe war: Die Songs für «Feel Good» müssen sich gut anfühlen – egal wo du dich gerade aufhältst oder welche Droge du gerade eingeschmissen hast. 

Was sind die essentiellen Elemente Eurer Musik? Was steckt immer drin?
MM: Freundschaft. Alle, mit denen wir arbeiten, sind unsere Freunde. 
StK: Ja. Unser Schlagzeuger Chris zum Beispiel schreibt mir jeden Morgen eine SMS und fragt, was wir heute anstellen. Wenn wir nicht ins Studio gehen, hängen wir einfach bei mir oder bei Matt rum, glotzen Netflix und trinken Champagner – oder was der Kühlschrank eben sonst so hergibt.

Welche TV-Serien gefallen Euch?
StK: «Orange Is The New Black», «Misfits», «Scandal», «Law & Order: SVU», «Locked Up Abroad», «I (Almost) Got Away With It». Eigentlich ist es total wurscht.
MM: Na ja, es muss schon was Unterhaltendes sein.

Ihr scheint wirklich durch dick und dünn miteinander zu gehen – oder wie ist der Titel «Partners In Crime» zu verstehen?
(allgemeines Gelächter aller Bandmitglieder)
StK: In dem Song geht es um das Verhältnis zu meiner Ex-Freundin. 

Ist Matt also nicht Dein Partner in Crime?
StK: (schmunzelt) Er ist mein Partner in guten wie in schlechten Zeiten. Nein, ernsthaft: Ich hatte einfach diese Idee eine Art «Bonnie & Clyde»-Szenario zu entwickeln. Ich glaube, ich war Bonnie. Und sie war der furchtlose Clyde. Eigentlich wollte ich zu dem Stück auch einen Videoclip drehen, aber das hätte eine ganze Stange Geld gekostet. 

Wisst Ihr beide noch, wann Ihr das erste Mal Musik zu schätzen gewusst haben? 
MM: Ja. Mir fallen spontan sogar zwei Stücke ein, die mich als kleiner Knirps völlig in den Bann gezogen haben. Zum einen «Maschine Gun» von The Commodores. Ein Instrumentalstück. Das habe ich mir Alter von vier Jahren wieder und wieder reingezogen. Ungefähr zwei Jahre später hatte ich dann einen weiteren Erweckungsmoment. Ich hörte «Electric Relaxation» von A Tribe Called Quest im Radio. Und ich hatte sofort ein unglaubliches Verlangen den Song zu besitzen. Da man damals noch nicht googlen konnte, musste ich warten, bis sie den Song wieder spielten, um ihn aufnehmen zu können. Zum Glück war das gleich am nächsten Tag.

Wie war das bei Dir, Syd?
StK: Ich kann den Moment gar nicht so genau festmachen. Meine Mutter ist so vernarrt in Musik. Während sie den Haushalt gemacht hat, lief die Stereoanlage in voller Lautstärke – Reggae, R&B und Soul. Viele Oldies. Meine ersten beiden eigenen CD’s  waren von Brandy und Usher. Ich wollte so singen können wie Brandy. Wirklich «Klick» gemacht, hat es dann in der sechsten Klasse. Ich hörte «Shake Ya Ass» von Mystikal und wünschte mir, dass ich diesen Track gemacht hätte. 

 Produzentin und Sängerin StK
© Lukas Maeder

 Produzentin und Sängerin Syd da Kyd

Ihr seid Teil des sagenumwobenen Odd Future Kollektivs. Welches ist die wichtigste Lektion, die Ihr von Euren Kumpanen wie Tyler the Creator, Hodgy Beats oder Grammy Gewinner Frank Ocean mitbekommen habt?
StK: Wie man mit verschiedenen Menschen zusammenarbeitet. 
MM: Sich ein dickes Fell anzueignen. In so einem Künstlerkollektiv stecken extrem viele Emotionen. Da darf man nicht immer alles so persönlich nehmen. Wir pflegen untereinander eine Art freundschaftlichen Wettkampf. Aber gleichzeitig ist da auch ein enormer Zusammenhalt. Wir sind immer für einander da.
StK: Musikalisch habe ich am meisten von Tyler the Creator und Frank Ocean profitiert. Ich hab ihnen immer wieder im Studio über die Schulter geschaut und alles aufgesogen.

Habt Ihr ein Ritual bevor Ihr auf die Bühne geht?
StK: Wir beten gemeinsam. 
MM: Und vorher machen wir uns mit ein paar Drinks locker. Ich trinke zwei Whiskey Shots. Einen etwa eineinhalb Stunden vor der Show, einen direkt bevor’s losgeht.
StK: Ich trinke meist ein Bierchen.

Welchen Einfluss hatten Eure Eltern auf das, was Ihr heute macht?
MM: Bei dir einen verdammt grossen, oder?
StK: Definitiv! Meine Mutter liebt Musik über alles. Sie wollte eigentlich immer als Toningenieurin oder Produzentin arbeiten. Ausserdem hat sie immer mal wieder aufgelegt. Sie spielt mir auch heute noch ständig neue Musik vor. Aber auch andere Mitglieder meiner Familie sind verrückt nach Musik. Mickey Bennett, der Bruder meines Vaters, hat ein Studio in Kingston. Er hat für Maxi Priest, Shabba Ranks und LL Cool J produziert. Er ist eine grosse Nummer in Jamaika. Bei jedem Besuch habe ich jeweils mindestens eine Woche bei ihm im Studio verbracht.
MM: Der Einfluss meiner Eltern war nicht musikalischer, sondern vielmehr ganzheitlicher Natur. Mein Vater ist ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat mir beigebracht, dass man mit harter Arbeit alles erreichen kann. Ohne ihn hätte ich es niemals bis hierhin geschafft. In den Anfängen der Band hat er mir mit der Miete ausgeholfen. Musikalisch hat mich mein älterer Bruder geprägt. 

Was macht er denn?
MM: Er ist der A&R und Co-Manager von Janelle Monaé. Ich habe ihren ganzen Werdegang hautnah mitbekommen. Dabei habe ich gelernt, wie viel Geduld und Ausdauer es braucht. Von Videos, die nie erschienen sind über Gastauftritte bei grossen Künstlern, die nie veröffentlicht wurden. Auch wir haben schon etliche solcher Situationen erlebt. Wir haben schon ein paar Remixe für grosse Künstler gemacht, die nie veröffentlicht wurden.

Die Lektion?
MM: Einfach weitermachen als wenn nichts gewesen wäre. Sonst bleibt man stehen und wird überrollt. Es gibt zig Bands, die wesentlich besser sind als wir. Zum Glück hatten wir viel Ausdauer, Durchhaltewillen und die Plattform Odd Future. Es war nicht immer einfach. Während wir am ersten Album gearbeitet haben, hatte ich nicht mal genug Geld, um mir etwas zu trinken zu kaufen. Wir hatten noch drei Dollar in der Tasche und haben uns überlegten, wie wir damit an einen Fruchtsaft und Zigaretten kommen könnten. Manchmal vermisse ich diese Zeit. Unsere Einstellung war noch radikaler – und das beflügelte die Kreativität. 
StK: Das seh ich genauso. Dass wir kein Geld hatten, war uns eigentlich egal.

Die kalifornische Band The Internet
© Lukas Maeder

The Internet vor ihrem Auftritt im Zürcher Club Exil.

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