Buchtipps «Wurfschatten» und «....Alex Woods...» Wackelkontakt zur Welt

Zwei starke Erstlingsromane lassen uns zwei junge, schräge Anti-Helden ans Herz wachsen: Ada und Alex.
Formidabler Erstling aus der Schweiz!
© Metrolit

Simone Lappert: «Wurfschatten», Metrolit

Ada, 25, hat zwei Probleme, ein grosses und ein riesiges. Das grosse: Sie ist wie viele ihrer Altersgenossen dauernd pleite, weil es mit der Karriere (Schauspielerei) nicht so recht vorwärts geht. Da sie seit Monaten mit der Miete im Rückstand ist, quartiert ihr Vermieter kurzerhand seinen Enkel Juri bei Ada ein. Der Mitbewohner stellt für Ada ein riesiges Problem dar, erstens, weil sie eine leichte Sozial-Phobie hat und zweitens, weil Juri zwangsläufig ihre Neurosen-Tapete entdecken wird, eine alphabetische Collage aus allen Schrecknissen der Welt von A wie Allergie bis Z wie Zyste, die Ada eine Heidenangst einjagen. Ganz behutsam nähern sich die beiden Eigenbrötler an, es entspinnt sich eine zarte Beziehung, die der Liebe sehr nahe kommt. Die Wahlbaslerin Simone Lappert, Absolventin des Schweizer Literaturinstitutes in Biel, findet für die ungewöhnliche Geschichte und ihre Anti-Helden hochpoetische Worte und verblüffende Wendungen. Ihr Erstlingsroman hinterlässt in Kopf und Seele eine melancholische Stimmung und auch Hoffnung für eine Figur, die wie eine ganze Generation am Zuviel von allem, an einem Wackelkontakt zur Welt leidet. Simone Lappert ist diesem Herbst auf Lesereise, wo und wann sehen sie auf http://metrolit.de/programm/belletristik/wurfschatten

Gavin Extence «Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat», Limes

Von Sternschnuppen und Hirnlappen.
© Limes

Von Sternschnuppen und Hirnlappen.

Plagt sich Ada aus «Wurfschatten» mit abstrakten Ängsten herum, sind die Probleme von Alex Woods sehr real. Im Alter von zehn Jahren hat er einen faustgrossen Meteoriten an den Kopf bekommen und leidet seither an Temporallappen-Epilepsie, die ihm bizarre Halluzinationen beschert und Krämpfe, die ihn hinterrücks überfallen und fällen. Er traut sich kaum noch, das Haus zu verlassen. Und dass seine Mutter eine gefragte Wahrsagerin ist, macht Alex noch mehr zum Aussenseiter. In dem schrulligen alten Mr Peterson findet der 13-Jährige seinen einzigen Freund, Förderer und Verbündeten. Als der moribunde, kiffende Greis sich entschliesst, seinem Leben ein Ende zu setzen, reist das seltsame Paar von England in die Schweiz, nach Zürich, wo man den Wunsch von Lebensmüden respektiert. Klingt alles enorm morbid, so viel Tod und Krankheit und EXIT? Iwo!  Dem 32-jährigen Briten Gavin Extence ist mit seinem fulminanten Erstling das Kunststück gelungen, das dunkle Thema Tod mit viel Witz und Tempo, Behutsamkeit und Präzision in der Figurenzeichnung zu erhellen. Nach der Lektüre betrachtet man den Nachthimmel und Sternschnuppen mit anderen Augen und hat einiges gelernt über Kurt Vonnegut und Cannabis, Neurologie und Hellseherei, das Leben und den Tod.

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