A Personal Note From Warpaint «Ich halte uns für radikal»

Vier Mädels, die rockigen Sirup produzieren: Für viele haben Warpaint aus Los Angeles mit ihrem Zweitling gleichen Namens eines der Alben des Jahres 2014 abgeliefert. Musik, die das Zeitgefüge durcheinanderbringt. Wir sprachen mit Emily Kokal und Theresa Wayman über ein Tourleben zwischen Bootstouren, Björk und Bandbus.
A Personal Note From Warpaint
© Lukas Maeder

Die Band Warpaint aufgenommen von Lukas Maeder am Zurich Open Air, 2014.

SI Style: Emily, Theresa, Eure Konzerte fühlen sich so an, als würdet Ihr eine eigene Zeitzone kreieren. Die Zeit scheint langsamer zu verstreichen.
Theresa: Danke! Ein schönes Kompliment. Warpaint als eigener kleiner Kontinent...
Emily: Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, weil unsere Songs alle ungefähr das gleiche Tempo haben. Fast alle liegen so um die 98 BPM.

Und weshalb ist das so?
Theresa: Keine Ahnung. Da steckt null Absicht dahinter. Dieses Tempo scheint ganz einfach die Stimmung zu reflektieren, in der wir sind, wenn wir vier zusammen Musik machen. Aber wir verändern uns auch gerne, und ich freue mich jetzt schon darauf, das Tempo ein bisschen anzuziehen.

Emily, Du hast zu Beginn sogar einen Spruch zu diesem meditativen Groove gemacht. Du sagtest in etwa: «Wir sind Warpaint. Wenn Ihr tanzen wollt, dann verpisst Euch!»
Emily: Die Art, wie wir Songs schreiben, hat etwas sehr Meditatives. Wir sind in einem Raum und versuchen uns über die Musik gleichzuschalten. Wir kommunizieren dann über diese Schwingungen. Wenn wir auf der Bühne stehen, werden die Leute in diese Welt reingezogen.

Man ist also quasi mit Euch im Proberaum – oder im Raumschiff. 
Emily: Genau. Wir sind nicht so die typische Liveband. Wir sind hellwach und versuchen als Musiker aufeinander einzugehen. Wir lassen die Leute eher «zu uns» kommen als dass wir «zu ihnen» gehen. 

Betrachtet Ihr Euch als radikal? 
Emily: Hm. Ich glaube, das haben schon sehr viele vor uns so gehandhabt. 
Theresa: Ich halte uns für radikal. Und ich muss sagen, dass das manchmal ein sehr unangenehmes Gefühl ist. Man muss schon bereit sein, uns Aufmerksamkeit zu schenken. Wir machen nichts, was man einfach so nebenher konsumieren kann und einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Gleichzeitig will ich aber auch nicht, dass sich die Leute dann wegen unserer Musik zu sehr den Kopf zerbrechen. Es geht ja einfach nur darum, sich mitzuteilen.
Emily: Für mich ist es immer noch schwer damit umzugehen, dass man extrem persönliche Sachen teilt. Das ist ja zu hundert Prozent Selbstdarstellung. 

Ist es dann nicht seltsam, wenn Ihr – wie hier in Zürich – vor einem durchmischten Festivalpublikum spielt, das nicht darauf eingestellt ist?
Emily: Doch, das kann schon sehr komisch sein. Manchmal spielen wir vor einer Band wie den Imagine Dragons und die Leute in der ersten Reihe haben einfach nur Fragezeichen in den Augen. Aber eigentlich mögen wir das. Wir überraschen die Leute gerne. Wer wird schon nicht gerne überrascht? So gewinnt man neue Fans dazu.

Warpaint Zurich Open Air 2014
© Lukas Maeder

«Wir machen nichts, was man einfach so nebenher konsumieren kann und einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.»

Spielt Ihr gerne mit Erwartungen?
Theresa: Eigentlich lasse ich lieber die Finger davon. Das kann sehr schmerzhaft sein. Und doch habe ich selber auch immer Erwartungen.

Ich frage das, weil man nie genau weiss, wohin die Reise geht, wenn man sich auf Warpaint einlässt. Improvisiert Ihr viel?
Emily: Ja, wir improvisieren oft. Aber wir haben schon unsere Struktur. Wir setzen uns Grenzen. Sonst würde im Nu ein Chaos ausbrechen. Das kommt aber schon auch vor. Manchmal covern wir zum Beispiel «Pump Up The Jam» von Technotronic. 
Theresa: So, jetzt habe ich aber mal eine Frage an dich: Wie würdest Du das Schweizer Publikum charakterisieren?

Reserviert, abwartend, wieso?
Theresa: Weil ich mir erst nicht sicher war, ob die Leute unser Konzert vorhin mochten oder nicht. Schlussendlich habe ich den Eindruck gewonnen, dass es ihnen gefallen hat, aber dass sie einfach sehr introvertiert sind und still geniessen. Scheint, als hätte ich Recht gehabt. 

Das könnte sehr gut sein! Irgendwo habe ich gelesen, dass HipHop den grössten Einfluss auf euer letztes Album gehabt hat. Stimmt das?
Theresa: Nein, da hat der «NME» aus England einfach Bullshit geschrieben.

Ihr habt mit HipHop gar nichts am Hut?
Theresa: Doch, aber wir haben viele verschiedene Einflüsse und unsere Schnittmenge liegt eher im Bereich der elektronischen Musik. Ich höre aber schon auch HipHop. Kennst Du Clams Casino? Seine Beats sind der Wahnsinn.

Da sehe ich aber wiederum eine Parallele zu eurem Sound!
Theresa: Ja, auch das klingt wie Sirup.

Genau. Welches war der glamouröseste Moment in der Karriere von Warpaint?
Emily: In LA vor ein paar Wochen war Björk an unserem Konzert. Danach kam sie hinter die Bühne und hat uns hallo gesagt. Das war zwar nicht in dem Sinne glamourös, aber schon sehr speziell.
Theresa: Der gestrige Tag war auch toll: Wir sind auf ein Motorboot eingeladen worden und den ganzen Tag auf dem Genfersee herumgeschippert. Es gab Champagner, Sandwiches und Gras. Das war schon super. 

Welches war der unglamouröseste Moment?
Emily: Die gibt’s zuhauf. Konzerte in Liverpool. Oder im Bus schlafen und nicht duschen können. 
Theresa: Oder wenn man scheissen muss, aber nicht kann. Das ist auch bitter.

Warpaint Zurich Open Air 2014
© Lukas Maeder

«Es gab Champagner, Sandwiches und Gras. Das war schon super.»

Der Lieblingsteil eurer Live Show?
Emily: Das ändert ständig. Für mich hat jeder Abend ein anderes Highlight. Im Moment spiele ich gerne einen unserer ganz neuen Songs.
Theresa: Ich mag den Jam am Ende von «Elephants». Das ist immer so ein Erweckungsmoment für uns als Band. 

Viele Bands sagen, dass sie das Konzertende am meisten schätzen. 
Emily: Pah. Wenn ich sowas sagen würde, dann würde ich mich wie eine undankbare Göre fühlen. Aber es stimmt schon: Die Nervosität ist dann weg. 

Ein kurzer sorgenfreier Moment im Leben von Warpaint?
Emily: Ja, aber natürlich nur, wenn man eine gute Show abgeliefert hat. Dann denkt man sich: Jetzt könnte ich ewig weiterspielen. Wenn’s schlecht gelaufen ist, freut man sich, dass man endlich von der scheiss Bühne runter ist (lacht).

Eure letzte Entdeckung in Sachen Musik?
Emily: Da musst Du Theresa fragen. Alles, was ich mir anhöre, ist steinalt. 

Na ja gut, aber man kann ja auch steinalte Sachen neu für sich entdecken.
Emily: Um ehrlich zu sein, höre ich seit einem Jahr immer und immer wieder das gleiche Lied. Es heisst «Right Down The Line» und ist von Gerry Rafferty. Das ist der von «Bakerstreet». Die Saxofon-Melodie kennt jeder.

Was gefällt Dir so daran?
Emily: Es ist irgendwie so romantisch. Einfach ein ganz toller Song.

Und was hörst Du so derzeit, Theresa?
Theresa: Meine letzte Entdeckung ist Mac de Marco. Am besten gefällt mir zurzeit das Stück das Stück «Passing Out Pieces»

 
Warpaint Zurich Open Air 2014

Die «Personal Note from Warpaint»: Gedanken von Emily Kokal und Theresa Wayman, Sängerinnen und Gitaristinnen der Band.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

Auch interessant