Buchtipps «Kanton Afrika» und «Was aus uns wird» Zwei schrecklich nette Familien

Der Thuner Matto Kämpf schildert die wilde Flucht seines Urahnen vor der Obrigkeit durch die Schweiz. Der Amerikaner David Gilbert entwirft ein Panorama eines Literaten-Clans in New York.
Matto Kämpf: «Kanton Afrika», Der gesunde Menschenversand
© Verlag Der gesunde Menschenversand

Matto Kämpf: «Kanton Afrika», Verlag Der gesunde Menschenversand.

Matto Kämpf: «Kanton Afrika - Eine Erbauungsschrift», Der gesunde Menschenversand

Was kann dieser Kämpf köstlich fabulieren! Das Multitalent (Autor, Filmer, Theatermacher) hat tief in den (fiktiven) Fundus seiner Familienlegende gegriffen und eine haarsträubende Münchhausiade hervorgeholt, die «an unserem Familientisch an Weihnachten» erzählt wird. Sein Urahn Immanuel Kämpf, beheimatet im Berner Oberland («ein mit Tannen bewachsener Unsinn») flieht vor dem Landjäger nach Thun, wo ihn ein Zyklop gefangen nimmt. Mit Hilfe einer aufgeblasenen Kuh (er pumpt sie mit einem Blasebalg auf) flüchtet er himmelwärts ins Wallis. Nun geht es quer durch die Schweiz und die Zeit, Immanuel begegnet allerlei seltsamen Figuren und entwischt dank Chuzpe allerlei Gefahren. Ein herrliches kleines Buch aus dem feinen Verlag Der gesunde Menschenversand, prall gefüllt mit Humor und Hintersinn. Claudio Bruno hat sich davon inspirieren lassen und ein paar Illustrationen beigesteuert. Zum Beispiel diese:

Odyssee durch die Schweiz, Illustration von Claudio Bruno.
© Claudio Bruno/Der gesunde Menschenversand

Odyssee durch die Schweiz, Illustration von Claudio Bruno.

David Gilbert: «Was aus uns wird», Eichborn

David Gilbert: «Was aus uns wird», Eichborn.
© Eichborn

David Gilbert: «Was aus uns wird», Eichborn.

Von ganz anderem Kaliber ist da David Gilberts Wälzer. Über 600 Seiten und drei Generationen erstreckt sich die Saga der Familie Dyers, einer New Yorker Dynastie der Upper class.  Trotz Ruhm und Reichtum möchte man der Sippe keinesfalls angehören, denn der Vater, 80, Kultautor, ist ein Tyrann und Eigenbrötler. Als sein bester Freund aus Jugendtagen stirbt, bittet der alte Dyer in einem sentimentalen Anflug seine Söhne, ihn zu besuchen. Er will ihnen ein dunkles Familiengeheimnis anvertrauen, bevor auch er abtritt. Richard, der Ältere, hat seine Drogenkarriere beendet und berät jetzt Junkies,  daneben versucht er sich als Drehbuchschreiber. Jamie, der mittlere Sohn, schlägt sich als Kriegsreporter und Kunstfilmer durchs Leben, er landet mit einem Film über eine schöne Leiche einen Youtube-Hit. Der jüngste Sohn, Andy, zarte 17 Jahre alt, lebt bei seinem greisen Vater in einem riesigen Park-Avenue-Duplex und versucht krampfhaft, seine Jungfräulichkeit zu verlieren. David Gilbert erzählt vom ewigen Kampf von Söhnen (im Original heisst der Roman treffend «& Sons»), sich aus dem Schatten eines übermächtigen Vaters zu befreien. Und er nimmt den Kultur- und Literaturbetrieb im Big apple gnadenlos auseinander. Wer einen Hang zu schrägen, kaputten Figuren und zur Hochliteratur hat, wird mit diesem vielschichtigen, anspielungsreichen Eichborn-Wälzer glücklich. 

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