Hungernde Models und extremes Training Das gefährliche Schönheitsideal von Victoria’s Secret

Was wäre, wenn Nahrung plötzlich nur noch böse wäre und unser Körperfettanteil dem eines Stück Holzes entspräche? Nun, wir wären vielleicht VS-Angels. Aber womöglich auch sehr einsam.  
Victorias Secret 2018
© Getty Images

So sieht laut Victoria's Secret die Erfüllung eines Lebenstraums aus. Dabei ist das von Victoria's Secret verbreitete Schönheitsideal selbst für Models fast unerreichbar. 

Die Victoria’s-Secret-Show, die Anfang November in New York aufgezeichnet wurde, verkauft eine Fantasie. Sie heisst ja auch «Fantasy» (total subtil getitelt, by the way). Die Akteurinnen erleben laut ihren Instagramposts «die Erfüllung ihres Kindheitstraumes» oder fühlen sich belohnt für ihre «harte Arbeit». Für diese Show geben sie alles. Laut Medienspekulationen dürfen die Frauen einen maximalen Körperfettanteil von 18 Prozent haben, sie müssen mindestens 1.75 Meter gross sein und der erlaubte Taillenumfang liegt bei 60 Zentimetern. Zum Vergleich: Bei Frauen zwischen 20 und 39 wird ein Körperfettanteil unter 21% als niedrig beziffert. 

Aber eben, die Angels sind ja auch nicht durchschnittlich. So verzichtet Adriana Lima, wie sie einst in einem Interview behauptete, schon mindestens neun Tage vor der Show auf feste Nahrung. Und Jasmine Tookes soll sieben Tage die Woche mindestens zweimal am Tag trainieren. Victoria’s Secret bezeichnet seine Models leger als «Athletinnen». Dabei geht es hier weder um Olympische Spiele, noch um einen Marathon. Die Damen sollen schlicht Unterhosen verkaufen. Gerne an die Masse. Und die ist ja so doof, dass sie dem Label diese Illusion der leichtfüssigen Perfektion einfach so abkauft. Dass diese Illusion potenziell gesundheitsschädigend ist, darüber täuscht die ekstatische Freude der neugekürten Engel ausreichend hinweg.  

Jetzt mal ehrlich: Welche Mutter oder welcher Vater wünscht sich für ihre/seine Tochter, dass sie tagelang auf feste Nahrung verzichtet, um dann in knapper Unterwäsche vor angeblich bis zu einer Milliarde Menschen herumzustolzieren? Das Schönheitsideal von Victoria’s Secret ist ja nichts, was einfach so «in den Genen liegt» (Jennifer Lawrence hat hierzu kürzlich wunderbar gemotzt), es muss – wie selbst die Engel gerne und oft betonen – hart erarbeitet werden. Da geht das Fitness-Regime schon mal auf Kosten von zwischenmenschlichen Beziehungen und der Speiseplan, nun, auf Kosten von Speisen (einige Models sollen sich ein Fresspaket für nach der Show in die Handtasche packen). Sich hier und da ein paar Übungen bei den Damen abzugucken, dagegen hat keiner was. Es geht um das Extrem, um die Selbstkasteiung, den Punkt, an dem das «mal kurz was abgucken» ins Nacheifern bis zum Umfallen kippt.

Nichts zu essen ist keine Leistung, sondern gefährlich

So wird ein dysmorphes Verhältnis zum eigenen Körper plötzlich als Erfolg anerkannt und die Pathologisierung der Nahrungsaufnahme zur erstrebenswerten Leistung. Oder wie es Ex-Engel Erin Heatherton formuliert: «Ich war irgendwann soweit, dass ich vom Training nach Hause kam, mein Essen angeschaut habe und dachte, vielleicht sollte ich das doch nicht essen.» Sie wollte nicht mehr mitmachen. «Ich wollte meinen Körper nicht mehr herumzeigen und gegenüber all den Frauen, die zu mir aufschauen, so tun, als wäre das alles leicht.» The Guardian bezeichnet die Show als «livegestreamten Zirkus der kompetitiven Anorexie.» 

Victoria’s Secret hat (das zeigen auch die Zahlen) den Weckruf verpasst. Im Prinzip könnten sie jedes Jahr auf Replay drücken. Die alljährliche Show-Extravaganza fühlt sich nicht erst 2018 wie die dritte Traumschiff-Wiederholung im Spätprogramm an. Vor diesem Hintergrund fegte Rihanna an der New York Fashion Week mit ihrer Savage X Fenty Kollektion wie ein Tornado der Selbstliebe übers Parkett. Mit ihrer Lingerie-Kollektion hat Rihanna, die 2012 noch singend für VS auf der Bühne stand, mal eben husch die Antithese zu den Engeln erfunden. Savage X Fenty feiert Frauenkörper – ob die nun schwanger, dick, dünn, schwarz oder weiss sind. Oder, um es mit den Worten von Rihanna zu sagen: «Frauen sollen Unterwäsche verdammt noch mal für sich selbst tragen.»

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