«Es ist kein Inzestfilm» Francis Benjamin Meier über sein Debüt und das Problem mit dem Filmsex

Schauspieler, Student, Musiker, «Sohn von» – was willst du sein, Francis Benjamin Meier? Ein Gespräch mit dem von Geburt an berühmten Zürcher über seine Rolle im Schweizer Film «Glaubenberg» und Tabuthemen in Filmen. Und Katzen.
Schauspieler und Sohn: Francis Benjamin Meier
© Simon Habegger

Der 22-jährige Francis Benjamin Meier ist Herr über eine mehrstöckige Altbauwohnung (Adresse verraten wir nicht, obwohl er sich über Fanpost freuen würde).

Cat-Content: In den Siebzigerjahren kaufte Elliott Gould im US-Thriller «The Long Goodbye» nachts – mit brennender Zigarette im Mund – Katzenfutter (!) für sein Kätzchen (!!), mit dem er allein (!!!) lebte. Und trotzdem war er der coolste Typ überhaupt. Daran müssen wir denken, als ein nachlässig lässiger Francis Benjamin Meier die Tür zu seiner Junggesellenwohnung öffnet und uns sein völlig aus der Fassung geratenes Büsi entgegenspringt. Der gebürtige Zürcher spielt eine Hauptrolle im Schweizer Film «Glaubenberg» (jetzt im Kino). Und: Er ist der Sohn von Dieter Meier, dem Mitbegründer der Elektropop-Band Yello.

Aber das war es nun auch mit den Bezügen zu älteren Herren. Der 22-Jährige kann ganz gut für sich selbst sprechen. Im Verlauf unseres Gesprächs rührt er uns einmal zutiefst mit der Sorge um seine Katze, die ihren Stammplatz auf seinem Schoss verlassen hat und sich länger nicht mehr blicken lässt. Er lacht kurz über diesen Gedanken, weil er ja eigentlich nicht zu einem solchen «Katzenmenschen» werden wolle. Meier nimmt sich selbst nicht zu ernst, wirkt beim Reden trotzdem manchmal wie einer, der gern aus dem Fenster schaut, wenn es regnet.

Style: «Glaubenberg»-Regisseur Thomas Imbach wurde, gemäss einem Interview, von manchen abgeraten, diesen Film zu machen. Weil er ein Tabuthema behandelt. Hat man dich auch gewarnt?
Francis Benjamin Meier: Davon abgeraten hat mir niemand. Mich haben aber viele drauf angesprochen und wollten meine Meinung zu diesem atypischen Thema hören – ein Mädchen, das sich wahnhaft in ihren Bruder verliebt. 

Und was hat dich an der Rolle gereizt?
Natürlich das polarisierende Thema an sich. Ich spiele einen Teenager kurz nach der Matur. Noah. Aus einer kleinbürgerlichen Familie. Seine jüngere Schwester verliebt sich in ihn. Ihm wird das im Verlauf des Filmes immer bewusster. Er versucht, ihr subtil Signale zu senden, verdrängt es aber ein Stück weit. Die Eltern auch. Obwohl ich eine Hauptrolle spiele, bin ich das Phantom des Filmes. Es geht stark um ihre Psyche, Lenas Sicht auf die Welt. Sie verliert sich.

Der Film wurde oft als Inzestfilm betitelt – ist er genau genommen nicht.

Was dann?
Im Grossen und Ganzen werden die Probleme eines Teenies behandelt. Diese Obsession, in die man verfällt, wenn man sich verliebt. Die kennt ja jeder.

Sie auch?
In den ersten drei Monaten ist man doch so «dumm verliebt». Macht Dinge, die man normalerweise nicht tun würde. 

Was für dumme Dinge zum Beispiel?
Eine Beziehung ist in einem frühen Stadium doch oft geprägt von Euphorie und Naivität. Man schreibt und trifft sich konstant. Man kennt kein Mass. Bekommt nicht genug voneinander. Alles andere wird wie egal, weil sie für einen in dem Moment so wichtig ist. Das wird in «Glaubenberg» eindringlich dargestellt. So, dass es ­jeder nachvollziehen kann – selbst wenn man nie in seine Schwester oder seinen Bruder verliebt war (lacht). Und gerade weil man Mühe hat, sich diese Dynamik zwischen den Geschwistern anzusehen, ist es so wichtig, dieses Tabu filmisch anzugehen.

Sollte man es dem Filmgewerbe, der Kunst oder Witzen überlassen, Tabus zu brechen? Oder es auch im Privatleben tun?
Es gibt diese Leute, die demonstrativ Tabus brechen, so im Stil: «Hey, ich bin andersch!» Das ist anstrengend. Mir fällt kein Beispiel für ein Tabu ein, das ich gebrochen habe, aber man steckt oft in diesen alltäglichen Mustern fest. Daraus auszubrechen – ­daran wächst man. Und es kann nur etwas ganz Banales sein, das man ­ändert. Etwas, das man sich vorgenommen hat und dann tatsächlich durchzieht.

Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
Ich habe mir lange vorgenommen, filmisch etwas zu machen. Etwas anzufangen, erfordert Mut. Darüber nachzudenken, ist einfach. Es zu tun, eine ganz andere Geschichte.

Katze in Junggellenwohnung
© Simon Habegger

Lieber einen solchen Kratzbaum besitzen, als dass Katze Alba sich am Ledersofa vergeht.

Welches Tabuthema würdest du filmisch behandeln?
Sexualität. Obwohl viele Filme übersexualisiert sind, bilden sie ein sehr verzerrtes Bild davon ab. Wir lernen anhand von Hollywoodfilmen, wie Liebesbeziehungen funktionieren sollen. Unser Bild von Liebe ist – zumindest bei mir – sehr von diesen Klassikern geprägt. Unbewusst. Seinen ersten Kuss sieht man im Kino, bevor man ihn selbst hat. Die Darstellung entspricht halt oft nicht der Realität, erfüllt Stereotypen, zeigt klischierte Rollenbilder.

Wie muss Liebe denn sein?
Jedes Mal, wenn ich verliebt bin, ist Liebe neu. Man liebt nie jemanden gleich. Doch dieses Obsessive, von dem wir schon gesprochen haben, ist sicher ein Attribut. Dieses Verknalltsein.

… diese Besessenheit.
Ja, das mag ich schon gern. Aber im Moment hab ich ja nur die Katze (lacht).

In keiner Beziehung liegen Liebe und Hass so nah beieinander wie bei Geschwistern. Fluch oder Segen?
Segen. Ich bin froh, bin ich kein Einzelkind … Also, ich habe schon auch Freunde, die Einzelkinder sind. Die sind völlig okay. Aber! Es gibt immer etwas, woran man erkennt, dass sie Einzelkinder sind (lacht). Nein, so gemein! Ich wills nicht pauschalisieren. Es ist einfach megacool, wenn man eine grosse – sechsköpfige – Familie hat.

Und sicher cool, wenn man so eine Familie hat. Dieter Meier als Papa zu haben, öffnet Türen …
Ja und nein. Wenn man deine Familie kennt, wirst du oft darauf reduziert. Du wirst immer wieder daran erinnert, woher du kommst. Das ist schwierig. Vor allem in Zeiten, in denen du dich selbst erfinden möchtest und versuchst, deinen eigenen Weg zu gehen. Es hat natürlich seine guten Seiten. Weniger wegen der Berühmtheit, mehr weil das, was meine Eltern machen, mich sehr interessiert. Die Art, wie ich die Welt anschaue, ist sehr geprägt von meinen Eltern. Ich schätze das, was ich von ihnen mitbekomme eher auf einer emotionalen Ebene als auf einer karrieristischen.

Der Schweizer Film «Glaubenberg» läuft jetzt im Kino und mehr über den Hauptdarsteller lest ihr jetzt in der aktuellen Style.  

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