«Privé» mit Noah Veraguth «Ich mag Frauen mit Kurven»

Biel ist seine Heimat, Berlin die inspirierende Zwischenstation und Zürich das neue Zuhause. Der Pegasus-Frontmann schwebt beruflich auf Wolke Sieben – und privat?
Noah Veraguth Privé Pegasus
© GUADALUPE RUIZ

Der Sänger auf seiner Terasse oberhalb der Zürcher Langstrasse

An der Zürcher Langstrasse geht es ganz schön wild zu und her. Oben, im Zimmer des Hotels Rothaus, wo sich der Sänger der Popband Pegasus eingemietet hat, ist es dennoch erstaunlich ruhig. So richtig laut wird es nur dann, wenn Noah Veraguth in die Tasten seines Klaviers haut, das er über einen Kran in seine Bleibe befördern liess. Auf der Terrasse schnuppert der 25-Jäh­rige Höhenluft und tankt Energie. Die wird er zukünftig gut gebrauchen können: Mit dem neuen Album, «Love & Gunfire», möchten der Wuschelkopf und seine drei Bandkollegen an bisherige Erfolge anknüpfen und ihren Platz im Ausland festigen. Den Giel aus Biel kriegt man trotzdem nicht so schnell aus ihm raus.

SI Style: Haben Sie schon schlaflose Nächte?
Noah Veraguth: Nein, wieso?

In vier Tagen erscheint immerhin Ihr neues Album.
Ehrlich gesagt, hatten wir bisher keine Zeit, um zu bibbern. Bis vor Kurzem waren wir pausenlos unterwegs, gaben Konzerte im In- und Ausland. Alles ist wie am Schnürchen ­gelaufen. Obwohl ich weiss, dass dieser Release der wahrscheinlich wichtigste unserer Karriere ist, habe ich einer Veröffentlichung wohl noch nie so entspannt entgegengesehen.

Die letzte Platte, «Human Techno­logy», erreichte Platinstatus. Wie fest hielten Sie musikalisch an der Erfolgsformel fest?
Ich wollte mich komplett neu inspirieren lassen. Als ich mit dem Songschreiben für «Love & Gunfire» begann, fühlte ich mich hier jedoch gefangen im Alltag, in meinen Routinen: Dienstags und ­donnerstags stand Fussball auf dem ­Programm, samstags die Bundesliga, sonntags der Besuch bei meinen Eltern. Die Tour mit «Human Technology» sowie das Projekt «Noël’s Room» mit Stress und Bastian Baker waren noch ­allzu präsent. Musikalisch holte ich nichts Neues mehr aus mir raus. 

Daraufhin entschieden Sie sich, das Album in Berlin zu schreiben.
Genau. Als Hauptsongwriter der Band musste ich diesen Schritt einfach erzwingen. Während der vier Monate in Berlin fand ich genau das, wonach ich suchte.

Nämlich was?
Berlin ist auf der einen Seite günstig und voll mit Musikern. Ich öffnete mich bewusst all diesen Einflüssen, Genres und Technologien. Andererseits fühlte ich mich am meisten inspiriert vom Lebensgefühl dieser Stadt. Schon ihre Geschichte ist unheimlich interessant, die Ver­gan­genheit und die Teilung spürst du heute noch. Diese Kontraste fand ich spannend, weil Gegensätze auch unsere Musik ­prägen: Wir kombinieren zum Beispiel fröhliche Melodien und traurige Texte. 

Noah Veraguth Privé Pegasus Gitarren Indianer
© GUADALUPE RUIZ

Souvenir: Der Indianer wurde einst von Hotelgästen angeschleppt. Noah dient er als Garderobe für Accessoires.

Deshalb auch der Titel, «Love & ­Gunfire»?
Genau. Es geht um die Liebe, aber auch um das Erschütternde. Ich empfinde die beiden Worte im Zusammenspiel als sehr leidenschaftlich. 

Die erste Single-Auskopplung heisst «Digital Kids». Wie sehr ­beeinflusst Sie der Zeitgeist, die digitale Realität?
Sehr. Dem Internet kannst du gesellschaftlich und kulturell nicht entwischen. Unsere Generation hat zum ersten Mal die Gelegenheit, ihre Meinung frei zu äussern – und überall gehört zu werden. Als Musiker kannst du vom neuen Zeitalter enorm profitieren.

Welche Message möchten Sie ­vermitteln?
Wir wollen vor allem Hoffnung vermitteln und das Gefühl rüberbringen, wie es ist, wieder aufzustehen, nachdem man hingefallen ist. Ich mag Gejammer und den Herzschmerz nicht.

Der englische Chartstürmer Tom Odell meinte: «Alle grossartigen Dinge kommen von Jungs, die ver­lassen ­wurden.» 
Ach, Blödsinn! Dieses Bild vom leidenden Künstler, das ist falsch. Du kannst nicht Musik machen, wenn es dir schlecht geht. Und du setzt dich bestimmt nicht ans Klavier, nachdem deine Freundin mit dir Schluss gemacht hat.

Viele behaupten dennoch, dass ihre Lieder aus einem Tief heraus entstehen.
Langfristig kann dich eine Trennung inspirieren. Meine besten Texte kommen aber oft aus einem romantischen Zustand heraus.

Sie und die Bandkameraden kennen sich seit dem Kindesalter, ihr seid alle in Biel aufgewachsen. Wie viel Swissness steckt in euch?
Sehr viel. Wir sind Schweizer und hier gross geworden, das ist Argument genug.

Ihre Lehre in einem Reisebüro ­brachen Sie ab, um Musik zu machen. Absolvierten Ihre Kollegen eine solide ­Ausbildung? 
Ach, wir machten nicht mal alle eine Lehre. Wir hatten nie einen Plan B und wollten immer nur das eine. In der Schule waren wir entsprechend demotiviert (lacht). Manchmal staune ich noch immer, dass ich es eineinhalb Jahre im Reise­büro ausgehalten habe.

Sie haben heute noch dieselbe Vision, auch optisch: Auf der Bühne überlassen Sie nichts dem Zufall. 
Uns ist sehr wichtig, wie wir visuell wirken. Das gehört für mich zum Pop dazu. Wir mochten die Idee einer uniformierten Band – deshalb die Anzüge. Und dann waren da noch die Haare …

Privé Noah Veraguth Pegasus Samtfliege
© GUADALUPE RUIZ

Sie vier haben ordentlich Zopf auf dem Kopf ! Würde auch jemand mit Glatze in eure Truppe aufgenommen?
Keine Chance.

Und was wäre, wenn einer mit einem Millimeterschnitt ankäme?
Der würde sofort rausfallen. Dann kann er irgendwo anders spielen gehen. 

Ihre schlimmste Frisur?
Ich hatte die Haare mal gestreckt und sah danach aus wie ein gedämpfter Uhu. Nie mehr solche Experimente.

Wie eitel sind Sie auf einer Skala von eins bis zehn?
Drei. 

Drei?
Das hätten Sie mir nicht gegeben, was? Ich bin wirklich nicht sehr eitel. Man darf mir in die Haare fassen und auch darin wühlen. Viel wichtiger ist mir Hygiene. Welche Note hätten Sie mir denn gegeben? Eine Neun?

Sieben. Sie liegen bestimmt über dem Durchschnitt.
Eine Sieben? (Lacht.) Läck mir.

Noah Veraguth Privé Pegasus
© GUADALUPE RUIZ

Noah im massgeschneiderten Nadelstreifenanzug von Strellson

Haben Sie eigentlich schon Star­allüren drauf ? Grund dazu hätten Sie ja nach diversen Auszeichnungen und Topplatzierungen in der ­Hitparade.
Nein, im Gegenteil. Ich weiss, wie es ist, keinen Erfolg zu haben oder für vier ­Leute in einer Halle zu spielen, in der es Platz böte für vierhundert. Und wenn ­einer von uns abhebt, holen wir ihn sowieso wieder runter. Dennoch: Ich verstehe es, wenn es passiert. Du bekommst plötzlich ­Dinge geschenkt, wirst auf der Strasse angesprochen, Leute wollen ein Foto mit dir …

… und die Frauen stehen Schlange. Anscheinend hat jeder von euch Jungs seine Schar von Groupies.
Ach ja? Ich weiss nicht, wo meine ist. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.

Na, kommen Sie. Wie weit würden Sie bei einer flüchtigen Bekanntschaft gehen? Ein bisschen Spass wäre ja erlaubt, Sie sind Single.
Nicht weit. Ich bin da eher auf der philosophischen Seite angesiedelt. Ich rede gern bei einem Bier über Gott und die Welt. Unser Schlagzeuger ist bei den Frauen beliebter. Bei dem wird nicht ­lange gefackelt.

Welcher Typ Frau spricht Sie denn optisch an?
Ich mag Kurven. Das kommt wohl von meinen brasilianischen Wurzeln.

Und vom Charakter her?
Mir gefallen intelligente und wortgewandte Frauen. Und meine Freundin sollte verstehen, was es bedeutet, ein Vollblutmusiker zu sein – dass man am Sonntag nach dem Konzert nicht Squash spielen, sondern zu Hause bleiben und seine Ruhe haben möchte. Und ich will ihr nicht jede Zeile eines Songs erklären müssen. Sie soll es rausspüren.

Noah Veraguth Privé Pegasus Bücher
© GUADALUPE RUIZ

Weltverbesserer: Gern führt Noah sich Biografien von Ikonen wie Steve Jobs zu Gemüte

Schützen Sie sich eigentlich mit einer schusssicheren Weste, bevor Sie sich jemandem öffnen?
Definitiv. Ich hab eine sehr harte Schale. Bis ich diesen Schutz ablege, dauert es un­heimlich lange. Bei manchen geschieht es sogar nie. 

Ein Stück auf dem neuen Album heisst «Last Night on Earth». Was würden Sie in der letzten Nacht Ihres Lebens tun?
Ich würde bestimmt nochmals einen alten, richtig guten James-Bond-Film schauen und ein Glas Whisky trinken. Dann würde ich mich mal hinlegen und schauen, was passiert.

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