#ManCrushMonday: Max Hubacher «Ich fordere von der Schweiz und mir selbst d Schnurre ufzmache»

Im Gespräch mit dem Schweizer Schauspieler Max Hubacher über Sexismus und die Annäherung an das Böse.
Max Hubacher Schauspieler
© Marlen Mueller

Heraus­forderer: T-Shirt, Schiesser. Dekonstruierte Hose aus Baumwolle und Seide, Jil Sander.

Bevor hier wieder jemand anderes Besitzansprüche geltend macht: 2018 ist SEIN Jahr! Oder hat sich sonst noch wer den Schweizer Filmpreis ergattert? Auftritt: Max Hubacher. Es stellt sich immer die Frage, wie so ein Schauspieler das Set betritt. Dieser 24-Jährige macht das auf die erdenklich normalste Art und Weise. Wir hatten ihn uns grösser vorgestellt. Stattdessen schlendert ein 1,75 Meter hoher schlaksiger Junge durch die Wohnsiedlung Grünau – unsere Shooting-Location – in Leipzig – seiner Wahlheimat – auf uns zu.

Er nimmt sich Zeit für unsere Fragen, will begriffen werden. Seine Gelassenheit äussert sich nicht nur verbal, sondern auch körperlich: Er hört zu. Grinst. Lehnt sich zurück. Überlegt. Zieht an seiner Zigarette. Antwortet. 

Scheiss auf Klischees

Als Millennial hat man ständig auf Instagram zu sein; und unverbindlich. Als Nachwuchsschauspieler hat man mit so blauen Augen in Romantikkomödien verträumt in die Kamera zu lächeln. Der gebürtige Berner scheisst (wir entschuldigen uns nicht für die Ausdrucksweise, weil er das auch nicht tut) darauf, was normal zu sein hat, spielt Naziverbrecher («Der Hauptmann») und Frauenmörder («Der Läufer», Kinostart: 4. Oktober). Ende Jahr gehts weiter mit der Krimiserie «The Team». Wir bitten ihn auf die Bühne und wollen wissen, wofür es seiner Meinung nach klatschen sollte – und wir reden hier ausnahmsweise nicht von Beifall.

Style: Dem deutschen Schauspieler Matthias Schweighöfer ist es sicher schon ganz unangenehm, dass er immer mit Ihnen verwechselt wird …
Max Hubacher: Ich weiss natürlich nicht, wie es ihm geht – dass ich ihm ähnle, habe ich schon öfter gehört. Man versucht dauernd, jemanden mit jemand anderem zu vergleichen. «Der ist der neue Blablabla, oder die ist die neue Blablabla.»

Sie sind also der neue Schweighöfer.
Nö. Ich bin einfach ich.

Naziverbrecher, Frauenmörder – Sie interessiert bei der Rollenauswahl das Dreckige, Düstere?
Ich habe Bock auf möglichst viel Verschiedenes und begebe mich gern in Gebiete, die ich nicht kenne. Klischees interessieren mich weniger. Sobald etwas aus einem anderem Gesichtspunkt beleuchtet wird, beginnt es, für mich spannend zu werden. Wie bei «Der Läufer», der auf der Geschichte eines Schweizer Sportlers beruht, der eine Frau getötet, Dutzende attackiert und ausgeraubt hat. Was waren seine Hintergründe? Sein Motiv? Das interessiert mich. Niemand wird schliesslich böse geboren.

Kannten Sie die Geschichte von Mischa Ebner, dem Vorbild für die Filmfigur in «Der Läufer»?
Nein. Als ich meinen Eltern davon erzählte, fragten sie: «Aber warum? Warum sollte man diesen Film machen?» Um zu erklären, wie es so weit gekommen war. Was ihn umtrieb.

Also wie jemand zum Mörder wurde. 
Genau. Als er ein kleiner Junge war, wurde er zusammen mit seinem grossen Bruder völlig verwahrlost in einer Wohnung ge­funden. Zur Adoption freigegeben. Als sich seine einzige Bezugsperson – sein Bruder – später umbrachte, brach für ihn alles zusammen. Der Film ist ja fiktiv. Er basiert zwar auf einer wahren Begebenheit, und wir liessen uns von dieser Geschichte inspirieren, hatten so aber noch etwas Spielraum.

Max Hubacher Schauspieler
© Marlen Mueller

Schulterblick: Baumwollblouson und Wollhose, beides Jil Sander.

Wie funktioniert die Annäherung an das Böse?
Ich gebe mir Mühe, nicht über Gut und Böse nachzudenken und lege meine Wertvorstellungen ab. Das ist für mich am wichtigsten. Ich versuche, immer von innen zu arbeiten, will meiner Figur nicht von aussen einen Stempel aufdrücken. Damit möchte ich Klischees umgehen. Es gibt die Momente, in denen ich denke: «Woah, das ist echt heavy. Das hat wirklich jemand gemacht?» Und dann fährt es mir ein. Das andere ist die Recherche und zu definieren, wie sich die Figur bewegt, wie sie denkt. Dazu gehört: Wie lange kann sie Augenkontakt halten, wie sitzt sie da? Selbstsicher, unsicher? Was hat sie für eine Vergangenheit, wie ist die Beziehung zu den Eltern, was hat sie überhaupt für Beziehungen? Was für eine Sexualität … 

Greift diese andere Identität manchmal auf Ihr privates Ich über?
Nein. Darauf stehe ich wirklich gar nicht. Ich habe das bei den Dreharbeiten für «Der Läufer» zugelassen. Habe aufgehört zu rauchen, intensives Lauftraining absolviert, habe die Ernährung umgestellt. Es funktioniert für mich jedoch besser, wenn ich die Rolle nur während des Takes einnehme. Sobald die Kamera aus ist, bin ich wieder Max und komme sofort wieder ganz zu mir. Alles andere ist Psychoscheisse für mich, ehrlich gesagt.

Werden Sie damit Ihre Rollen hinterher schneller wieder los?
Genau, indem ich mich wirklich nur gezielt reinbegebe. Schauspielerei ist ja schliesslich eine Technik. Wenn man die Rolle lebt und beginnt, sie zu verinnerlichen, stellt sich mir die Frage, was daran noch Schauspielerei ist. 

Besteht nicht die Gefahr, durch diese Art Engagements mit der Zeit zu einem Zyniker zu werden?
Da bin ich sehr vorsichtig. Ich habe das Gefühl, ich bin manchmal schon zynisch. Und wir jungen Leute sind teilweise krass zynisch. Und zynisch zu sein, macht einen alt. Weil man das Staunen ablegt – und das ist etwas vom Wichtigsten, so finde ich. Offen zu bleiben, nicht so abgestumpft zu werden, sondern immer Fragen zu stellen, sich zu wundern. Und meine Generation gibt sich oft so abgeklärt. Über Facebook wird man ständig mit Infos gefüttert. Von allem kriegt man ein bisschen was mit, über alles gibt es eine Reportage, eine Dokumentation, die man sich reinziehen kann. Es ist uncool, zuzugeben, etwas nicht zu wissen. Und wenn man sich mal traut, sind alle gleich so: «Was, das kennst du nicht?»

Sie gehören eigentlich zu den Digital Natives. Wir haben vergeblich versucht, Sie auf Social Media zu finden. Wo sind Sie?
(Lacht.) In dieser Beziehung bin ich richtig inkognito unterwegs. Instagram? Hab ich nicht. Twitter hab ich nicht, Snapchat habe ich nicht. Vor allem bei Instagram denke ich mir so oft, dass man doch nicht ständig alles teilen muss. Das reisst einem aus dem Moment, den man einfach mal geniessen sollte.

Ist Ihre Verweigerung kein Nachteil, wenn es um Jobs geht?
Vor allem in meiner Branche brauchen es viele, um für sich zu werben. Teilweise werden Rollen in Abhängigkeit der Anzahl Followers vergeben. Ich bin ein Verfechter davon, dass es auch ohne geht. Solange ich davon nicht abhängig bin und es nicht brauche, muss ich mir diese Abhängigkeit nicht schaffen. Ich habe nur Facebook. Das ist jedoch ein privater Account. 

Max Hubacher Schauspieler
© Marlen Mueller

Am Zug: Pullover, Armor Lux. T-Shirt mit Print, Tatti.

Zu viel Fanpost?
Als ich da noch unter meinem richtigen Namen angemeldet war, kamen viele Anfragen, mehrheitlich von jungen Frauen. Und nach dem Schweizer Film «Mario», in dem ich einen homosexuellen Fuss-baller gespielt habe, von älteren Herren. Alles gut gemeint … Ich brauche diesen einen Ort, an dem ich einfach nur mit meinen Leuten connecten kann.

Und was ist mit Tinder?
Wenn ich auf der Suche wäre, würde ich das nicht über Tinder machen. Klar ist die Dating-App als Hilfsmittel absolut legitim. Auch für kurze Geschichten. Ich mag es dennoch, wenn man sich spontan, ohne diesen visuellen Vorab-Check, kennenlernt. Und wenn ich jemanden treffe, gehe ich lieber direkt auf Angriff.

Wie darf ich mir das vorstellen?
Wie ich meine Freundin eroberte, erzähl ich jetzt nicht.

Können Sie sich Ihre eigenen Filme gut angucken?
Beim ersten Mal versuche ich, mich auf den Film zu konzentrieren. Geht nie. Ich sitze dann, Nägel kauend, davor. Beim zweiten Mal klappts meist. Und danach schaue ich ihn nicht mehr. Zweimal ist genug.

Können Sie auf Kommando weinen?
Ja.

Machen Sie mal.
(Lacht stattdessen.) Nein. Nicht um neun Uhr morgens. Ich kann beschreiben, wie man da vorgeht. Es gibt zwei Methoden: Erstens ist da die rein technische Geschichte. Heisst: Finger ins Auge. Dann brennts. Ich bevorzuge jedoch die zweite Technik, arbeite mit Konzentration. Ich denke dabei an etwas, was mich traurig macht, mich aber nicht zu stark verletzt. Meist ein recht aktuelles Gefühl.

Woran denken Sie zum Beispiel?
Als mein Grossvater starb, empfand ich ein solches Gefühl. Ich wusste, es würde mich nicht zerstören, weil das nun mal der natürliche Lauf der Dinge ist. Tränen zuzulassen, gelingt mir teilweise besser beim Spielen als privat … Da geht das irgendwie schlechter.

Schämen Sie sich derer?
Gar nicht. Ich würde gern öfter weinen können. 

Max Hubacher Schauspieler
© Marlen Mueller

Okay, cool: Der beste Schauspieler 2018.

Benedict Cumberbatch hat vor Kurzem gesagt, er würde nur noch Rollen annehmen, wenn sein weibliches Pendant die gleiche Gage bekommt. Wie fair ist die Situation in der Schweiz oder in Deutschland?
Safe ist es nicht fair verteilt. Dass er sich dafür einsetzt, ist super! Man muss es sich halt leisten können.

Fragen Sie nach fairen Löhnen bei Ihren Produktionen?
Ehrlich gesagt, hat das erst die #metoo-Debatte in mein Bewusstsein gerückt, und seither hat sich eine solche Situation nicht ergeben. Ich werde in Zukunft auf jeden Fall darauf achten. Es fordern.

Sind Sie ein Feminist?
Kategorisierungen finde ich schwierig. Ich setze mich für Gleichheit ein. In jeder Hinsicht. Darum würde ich nicht sagen, ich bin ein Feminist oder ein Anti-Sexist. Oder ein Anti-Rassist. Ich kann hingegen sagen, dass mich Ungerechtigkeit sauer macht. Und dass sie etwas in mir auslöst. Darum mache ich genau die Filme, die ich mache. Darum habe ich auch die Rolle in «Mario» angenommen.

Was möchten Sie verändern?
Das Wichtigste – und das wünsche ich mir auch von der Schweiz und fordere es von mir selbst: «D Schnure ufzmache.» Laut, direkt zu sein – und nicht vorsichtig und still.

Sind Sie zu frech für die Schweiz?
Ich traue mich, etwas zu sagen. Natürlich nur, wenn ich mich gut genug mit der Thematik auskenne. Das ist das Tolle an den Filmen und den meisten Projekten, die ich mache. Sie sprechen gezielt ein Problem in der Gesellschaft an. So war das zum Beispiel bei «Mario». Wenn es um Homosexualität geht, sind wir noch lange nicht da, wo wir sein sollten. Selbst wenn wir alle sehr modern tun und das Gefühl haben, wir sind alle cool damit – offen und ungehemmt darüber sprechen können wir nicht.

Sätze wie ‘In dieser Szene hatten Sie Sex mit einem Mann’ auszusprechen, bereitet vielen Menschen grössere Mühe als solche wie ‘Die Szene, in der er die Alte geknallt hat’.

Kranken daran alle Generationen?
Ja, ich erlebe das bei allen Altersgruppen. Ich bin sehr liberal aufgewachsen, doch selbst ich entdecke bei mir manchmal Homophobie oder Sexismus, obwohl ich das gar nicht will. Immerhin merke ich es und versuche, das zu reflektieren. So spreche ich beispielsweise seit einiger Zeit immer von meinen Mitstudierenden – nicht Mitstudenten. 

Wer geht Ihrer Meinung nach mit gutem Beispiel voran?
Die amerikanische Regisseurin Jenji Kohan, die unter anderem die Netflix-Serie «Orange Is the New Black» produziert hat. Vor lauter Angst, konkret zu werden, spricht man heute oft nur in verschachtelten Nebensätzen – und liefert die Entschuldigung in einem davon gleich mit. Wir leben in einer Zeit, in der alle Schiss haben in Bezug auf das, was sie sagen, wie sie sich zu einer Debatte aussprechen. Kohan dagegen haut einfach raus. Ihre Produktion «Weeds» ist momentan meine Lieblingsserie. Sie geht darin Klischees an, indem sie diese überzeichnet. Sie ist mutig und nicht zu moralisch im Umgang mit der Geschlechterdebatte.

Wen halten Sie für überschätzt?
Schwierig. Es müsste eine Dumpfbacke in einem hohen Amt sein, von der aber niemand weiss, dass es eine Dumpfbacke ist … Aber heute ist das Problem eher, dass die Leute unterschätzt als überschätzt werden, dass man sie nicht ernst genug nimmt.

Wessen Kritik ist Ihnen am wichtigsten?
Die meiner zwei besten Freunde. Wenn sie bei einer Premiere höflich sind und leicht distanziert, weiss ich, irgendetwas stimmt nicht. Sie sind Freunde genug, dass sie mir nicht direkt am Anlass in die Parade fahren. Danach schon.

Beschreiben Sie Ihren Humor: schwarz, versext, ironisch, nicht vorhanden …
Der ist von der Tageszeit abhängig. Am morgen ist er so richtig platt. Dann liefere ich absolut unlustige Sprüche. Über Mittag laufe ich da zu Höchstleistungen auf. Gegen Abend wird er böse und schwarz. Also es ist von allem etwas dabei. Aber vor allem sehr, sehr viele schlechte Witze. Darum habe ich mir dieses Jahr offiziell vorgenommen, so viele wie möglich zu erzählen. So kann ich die mit diesem Ziel begründen – und bin safe.

Erzählen Sie Ihren schlechtesten Witz.
Was heisst «kein Netflix» auf Russisch? «Nietflix».

Max Hubacher Schauspieler
© Marlen Mueller

Auftrieb: Wattierter Mantel aus Seide und Baumwolle, Wollhose, beides Jil Sander. Sneakers, Adidas.

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