A Personal Note From Joey Bada$$ «Ich bin mit dem Insel-Gen geboren worden»

In ihm muss eine alte Seele wohnen: Jo-Vaughn Virginie Scott aus Brooklyn, gerade mal 20 Jahre jung, feierte in den letzten Jahren unter dem Künstlernamen Joey Bada$$ einen kometenhaften Aufstieg als Rapper. Sein diesjähriges Debütalbum zeigte, dass all der Lärm um seine Person keineswegs für die Katz war. Ein Gespräch über Herkunft, schwere Herzen und ungeliebte Wörter.
A Personal Note From Joey Bada$$
© Lukas Maeder

Joey Bada$$ aufgenommen von Lukas Maeder.

Joey, hast Du den Blues?
(blickt auf) Hä?

Auf deinem Album findet sich dieser Song namens «O.C.B.» (steht für «Only Child Blues»). Du berichtest darin von deinem Dasein als Einzelkind. Wann kommt dieses Gefühl hoch?
Ach so meinst du das. Das ist immer irgendwie da, mal mehr, mal weniger intensiv. Ich habe zwar ein paar Halbgeschwister, aber ich bin als Einzelkind aufgewachsen. Mein Vater hat uns sitzen lassen. Meine Mutter musste das Geld verdienen. Ich sass oft zu Hause in meinem Zimmer und hab die Decke angestarrt. Jetzt schaue ich, dass es ihr finanziell gut geht.

Du hast den Weg zum finanziellen Erfolg gefunden. «Paper Trail$» heisst eines deiner bekanntesten Stücke. Hilft das auch gegen den Blues?
Schwer zu sagen. Den Weg des Erfolgs zu finden war für mich einfacher als den Blues zu bekämpfen. Ich bin in Brooklyn, New York aufgewachsen. Ich weiss mich durchzusetzen.

Ich wär dankbar um ein paar Tipps!
Klar, kein Problem: Lauf einfach bis zum Ende des Regenbogens! (lacht)

A Personal Note From Joey Bada$$
© Lukas Maeder

Joey Bada$: «Ich weiss mich durchzusetzen.»

 

Du bist zwar in New York aufgewachsen, aber deine Eltern stammen beide aus der Karibik. Im Video zu «My Yout» sieht man dich auf St. Lucia, der Heimatinsel deiner Mutter. Wie oft warst du als Kind dort?
Nie! Wir haben den Videoclip bei meinem ersten Besuch gedreht. Aber dieses karibische Gefühl hat man in sich drin. Ich bin schliesslich mit dem Insel-Gen geboren worden. 

In dem Clip sieht es so aus, als ob du dort zu Hause wärst.
Genau das meine ich. Ich habe eben dieses Insel-Gen. All die Leute auf St. Lucia sind um ein paar Ecken mit mir verwandt – und das haben sie sofort gespürt. Wir sind eine Familie.

Wie stark hat dich dein karibischer Hintergrund musikalisch beeinflusst?
Sehr stark! Reggae ist für mich eine riesige Inspirationsquelle. Ich verehre Künstler wie Beenie Man, Sizzla, Elephant Man, Yellowman, Mr. Vegas, Bob Marley, Vybz Kartel, Chronix, Popcaan, Buju Banton, Barrington Levy. Reggae ist ja eigentlich das Fundament des Hip-Hop.

Wann hast du das erste Mal Musik richtig zu schätzen gewusst?
Als ich als Kind die Videos von Notorious B.I.G. gesehen habe. «Juicy» und «Hypnotize» waren meine Lieblingstracks. Er war der erste Künstler, der bei mir Eindruck gemacht hat. Und er kommt wie ich aus Bed-Stuy.

Wann hast du deine ersten Reime geschrieben?
Ich glaube, das war schon im Kindergarten. Ich sag dir: Rap ist einfach in mir. Ich bin damit geboren worden.

A Personal Note From Joey Bada$$
© Lukas Maeder

«Rap ist einfach in mir. Ich bin damit geboren worden.»

 

Welcher ist dein Lieblingsmoment an einem Joey Bada$$ Konzert?
Wir haben da so einen kurzen Zwischenteil, nach etwa zwanzig Minuten. Ich verlasse dann immer kurz die Bühne, überlasse dem DJ das Feld. Ich mag den Moment, wenn ich dann wieder zurückkomme – sowieso eigentlich alles, was danach kommt. Dann ist das Publikum schon aufgeheizt und weiss, worum es geht.

Hast du ein spezielles Ritual vor einem Auftritt?
Ich hasse das Wort «Ritual»! Das klingt so, als würde ich irgendwas verhexen oder mit einem Fluch belegen. Nein, es gibt kein Ritual. Es gibt nur einen kurzen Ablauf. Meistens meditiere ich kurz oder spreche ein Gebet.

Hast du einen Lieblingshashtag?
#itslit

Wie sucht man die richtigen Beats aus?
Das fühlt man einfach. Zumindest ist es bei mir so. Ich weiss immer sofort, welcher Beat zu mir gehört.

Dein Album «B4.DA.$$» (sprich: Before the money) erschien im Januar. Arbeitest Du schon am nächsten Album?
Ja, ich arbeite schon an den nächsten fünf Projekten. Ich bin eigentlich immer kreativ.

Welches war der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Der Tag, an dem mein Album erschienen ist.

Wieso?
Das war schon richtig gross: Mein erstes richtiges Album, mit gerade mal zwanzig Jahren. Es war dieses Gefühl zu wissen, dass sich all die harte Arbeit gelohnt hat. Und so war es ja dann auch: Mittlerweile habe ich als unabhängiger Künstler über 60'000 Einheiten verkauft. Das ist schon eine Leistung.

Der unglamouröseste Moment?
(Wiederholt laut die Frage, überlegt dann lange, den Blick starr nach vorne gerichtet) Darüber rede ich lieber nicht.

Das modische Highlight deiner bisherigen Karriere?
Ich war immer schon ziemlich stylish unterwegs. Aber richtig mit Mode befasst habe ich mich eigentlich nie. Das ist was Natürliches. Ich weiss, was cool aussieht. Ich weiss, was zu mir passt.

Welche Kleidungsstücke magst du besonders?
Jacken. Aber ich fange langsam an, mich ernsthaft für Jeans zu interessieren.

Deine letzte musikalische Entdeckung?
Ich büffle gerade Musiktheorie. Dur und Moll – das war meine letzte Entdeckung.

Welches Instrument lernst du?
Alle! Aber zuerst jetzt mal Gitarre und Klavier.

Und was hörst Du zurzeit?
Hiatus Kaiyote zum Beispiel. Oder Wizkid aus Afrika. Der hat’s drauf.

Jetzt mal abgesehen von Joey Bada$$: Wer ist in deinen Augen die Zukunft von Rap?
Meine Generation ist extrem stark: Chance The Rapper, Kendrick Lamar, Vince Staples, Hopsin, Earl Sweatshirt, Tyler The Creator, A$AP Rocky – sie alle werden die Zukunft bestimmen. Und die Liste ist noch nicht mal vollständig.

Fühlst Du dich all diesen Leuten verbunden?
Klar, das sind alles meine Kumpel. Hip-Hop ist kerngesund im Moment.

A Personal Note From Joey Bada$$
© Lukas Maeder

Ein krakelig notierter Rapvers, der in etwa sagen will: Die ganze Kohle steht mir zu.

 

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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