Kafi Freitag «Es klingt abgedroschen, aber Schönheit kommt von innen»

Guter Rat ist gar nicht teuer. Kafi Freitag beantwortet Fragen fürs Leben gern. Uns stand die 39-jährige Wahlzürcherin an einem Montag Red und Antwort.
Kafi Freitag
© Guadalupe Ruiz

Bloggerin und Coach Kafi Freitag trägt einen Overall von Asos. Die bunten Seidenpapierblumen waren die Deko bei der Hochzeit.

Sie antwortet direkt, klug, entwaffnend ehrlich. Sie ist lustig. Auf dem Blog Frag Frau Freitag darf man Karin Freitag alles fragen, was einen beschäftigt, und sie ist nie um eine Antwort verlegen. Hauptberuflich führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching. Ihrem Zürcher Dialekt hört man nicht mehr an, dass sie ursprünglich aus einem Dorf nahe Solothurn kommt und deutsche Wurzeln hat. Ihr feuerrotes Haar trägt sie offen, während sie uns barfuss durch ihr Reich in Zürich führt: eine moderne Wohnung, vollgepackt mit Erinnerungsstücken, Fotos, Leben. Kafi, wie alle sie nennen, ist eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und englischer Schönheit. Sie hat grosses Selbstvertrauen und ein noch grösseres Herz. Hat sie dieses einmal verschenkt, liebt sie bedingungslos. Etwa ihre beste Freundin Sara, die sie im Gespräch mehrmals erwähnt. Kennengelernt haben sie sich im Geburtsvorbereitungskurs vor gut zehn Jahren. Oder ihren Mann, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet ist.

SI Style: Auf Ihrem Blog Frag Frau Freitag beantworten Sie allerlei Fragen, etwa, ob Frauen Cumshots mögen. Wären Hemmungen Ihrerseits hinderlich? 
Kafi Freitag: Ich habe sehr wohl Hemmungen, das finde ich völlig gesund. Nichts schlimmer, als wenn wir alle enthemmt wären! Tabus anzusprechen, ist leicht. Mehr Courage braucht es, zu seiner Meinung zu stehen. Und das mache ich, auch bei der Frage nach Cumshots (die Antwort war Nein, Anm. der Red.).

Wer sich exponiert, bietet Angriffsfläche. Haben Sie das selber erfahren?
Ich gebe in meinen Antworten sehr viel von mir preis. Wenn jemand meinen Blog gelesen hat, weiss er wahnsinnig viel über mich. Bei diesem Gedanken wird es mir ganz «gschmuuch». Aber ich denke, es wird geschätzt, dass ich authentisch bin. Kritik muss man ertragen können.

Wer stellt Ihnen Fragen?
Es sind mehr Frauen. Rat holen ist offenbar weiblich. Männer machen alles mit sich aus. Wenn sie sich melden, wollen sie wissen, wie Frauen ticken.

Und das Alter Ihrer Leserinnen?
Seit ich auch bei Watson bin, stelle ich eine Zunahme an jüngeren Leserinnen fest, so ab 18. Die älteste war 72. Und eine 70-Jährige schrieb mir auf Facebook zur Antwort bezüglich Cumshots: Weiter so!

Wie kommt man auf die Idee, einen Blog für Lebensberatung zu machen: Helfersyndrom oder Hang zur Selbstinszenierung?
Eher Zweiteres, ein Helfersyndrom habe ich nicht. Ausschlaggebend war die Lust am Schreiben, und ich merkte, dass es mir leichter fällt, wenn ich mit einem Thema konfrontiert werde, als wenn ich mir selber etwas aus den Fingern saugen muss. 

Sie schafften es dank Ihren Sommersprossen schon aufs Cover des «Zeit-Magazins». Was ist Schönheit für Sie?
Es klingt abgedroschen, aber Schönheit kommt von innen. Ich finde Frauen schön, die zufrieden sind mit sich und sich mit ihren Makeln versöhnt haben. Sonst bringt die ganze Attraktivität nichts, das ist wie Perlen vor die Säue werfen. Wenn ich dagegen in der Badi eine Frau mit einem Körper sehe, der nicht gängigen Idealen entspricht, die aber mit ihrem Gang und ihrem Auftreten Zufriedenheit ausstrahlt, finde ich sie unglaublich sexy.

Darum geht es auch in Ihrem neuen Blog Tribute.
Ja, meine Freundin Sara Satir und ich porträtieren spannende Frauen, die im Reinen sind mit sich. Zum Beispiel die 68-jährige Rosa, die in Zürich ein Geschäft für Trachten führt. 

Schauen Sie mehr auf Frauen als auf Männer?
Ich flirte mit allen gern, jung, alt, Mann, Frau. Ich schaue den Menschen auf der Strasse direkt in die Augen, wenn sich unsere Wege kreuzen. 

Ist es in Zürich einfach, Passanten in die Augen zu schauen?
Nein, das macht hier niemand, manche sind irritiert. Das ist etwas, was ich aus der Provinz mitgenommen habe.

Sie sammeln Trachten, Schuhe aus den Fünfzigern, tauchen schon mal in einer Uniformjacke auf. Wie würden Sie Ihren Kleiderstil bezeichnen?
Der ist schwierig zu benennen. Ich mag Folklore. An Trends orientiere ich mich nicht. Ich finde es zwar spannend, wie sich Gruppen über identische Kleider definieren, gleichzeitig schreckt mich dieser einschränkende Einheitsbrei ab. 

 
Garderobe bei Kafi Freitag
© Guadalupe Ruiz

Den Eingangsbereich schmückt ein kunterbuntes Allerlei an Accessoires.

Welche Onlineseiten nutzen Sie am häufigsten?
Abeautifulmess.com von zwei Amerikanerinnen, die über Lifestyle und Mode schreiben. Und girlwithcurves.com. Grossartig, wie diese füllige Frau ihre Kurven in Szene setzt. Für Wohninspiration besuche ich apartmenttherapy.com.

Sie teilen sich das Sorgerecht für Ihren zehnjährigen Sohn mit Ihrem Ex-Mann. Eine Woche ist das Kind bei Ihnen, die andere bei Ihrem Ex. Wie schaffen Sie das ohne Streit?
Es steckt sehr viel Arbeit dahinter, ­unglaublich viel Goodwill von beiden Seiten und ein totales Commitment gegenüber dem Kind. Wir haben uns selber zurückgenommen und sind immer fair miteinander umgegangen. Für ein funktionierendes Patchworkgebilde braucht es ausserdem einen toleranten neuen Partner. Ich habe Glück, mein jetziger Mann nimmt meinen Sohn an, als wäre er sein eigener. Das ist Liebe!

Sie sind zum zweiten Mal verheiratet: Glauben Sie noch an die ewige Liebe?
Ich habe immer an die Liebe geglaubt. Den Anspruch, dass sie ewig ist, habe ich nicht. Verheiratet zu sein, erdet mich und gibt mir ein Gefühl von Heimat.

Sie sind eine unverbesserliche Optimistin.
Nein, nicht von Natur aus. Aber ich kann mich bewusst dafür entscheiden, mit einer positiven Einstellung an die Sache heranzugehen. Das macht das Leben leichter.

Was braucht es für eine funktionierende Beziehung?
Eine gute Gesprächs- und eine Streitkultur. Streiten ist wichtig, aber man muss sich an Regeln halten.

Was ist das Wichtigste, was Sie Ihrem Sohn beibringen möchten?
Selbstwertgefühl.

Als Coach arbeiten Sie auch mit Hypnose, das klingt nach Esoterik.
Ich bin kein esoterischer Mensch. Mit Hypnose arbeite ich nur flankierend, öfter setze ich Wingwave ein, eine Winktechnik, die von Psychiatern zur Traumabewältigung entwickelt wurde. Dabei winke ich den Kunden direkt vor den Augen. Mit dieser Technik kann man Blockaden lösen, die sich dem analytischen Zugang verweigern.

Wer zieht Sie aus dem Loch, wenn Sie in eines fallen?
Meine beste Freundin Sara.

Sie sagen von sich, Sie hätten einen besorgniserregenden Musikgeschmack. Was hören Sie denn so?
Udo Jürgens, seit ich zwölf bin. Er spielte eine wichtige Rolle in meinem Leben, meine Liebe zur Sprache habe ich ihm zu verdanken. Ausserdem Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer und Konstantin Wecker. Ihre Musik ist für mich wie ein Erste-Hilfe-Schrank.

Haben Sie einen Tick?
Wenn es kein Kokosnusswasser mehr im Kühlschrank hat, ticke ich aus.

Sind Sie politisch aktiv?
Als zahlendes Mitglied des Vereins Secondas Plus setze ich mich für Migrantinnen und Migranten in der Schweiz ein. Dann nehme ich an den Podien des Magazins «Die Perspektive» teil. Dort äussere ich mich, wie ich abstimme und warum.

Hat die Mehrheit immer recht?
Nicht, dass ich wüsste. Ich habe eine ambivalente Einstellung zur direkten Demokratie: Grossteils finde ich sie gut, aber die Wahlbeteiligung ist jeweils zu tief. Es ist enorm anspruchsvoll, sich vor einer Abstimmung ausreichend zu informieren. Weil alle mitreden, auch jene, die es nicht betrifft, wird vieles verhindert. Vielleicht wäre das deutsche System besser, wo man Abgeordnete wählt, die das Volk repräsentieren.

Wenn Sie eine Million im Lotto gewinnen würden, was würden Sie sich als Erstes kaufen?
Ich würde eine grosse Reise machen mit meinem Mann und meinem Sohn und generell das Geld in Erlebnisse stecken. 

Spielen Sie Lotto?
Nein.

Welches Geschenk hätten Sie am liebsten gleich zurückgegeben?
Diese Gutscheine, die vom Schenkenden nie eingelöst wurden.

Worauf hätten Sie schon lange gern eine Antwort?
Auf die grösste Frage überhaupt: Wie geht man mit dem Verlust eines nahen Menschen um? Und mich nähme wunder, wie es ist, als Mann geboren zu sein.

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