Zu Hause bei Annakin «Ich bin erst zufrieden, wenn die Texte noch etwas Schwarzes haben»

Mit «Stand your Ground» bringt die Sängerin ihr viertes Album heraus. sie steht mit beiden beinen im Leben, schwebt aber manchmal in anderen sphären.
Annakin
© Flurina Rothenberger

Die Sängerin Annakin in ihrer Zürcher Altbauwohnung. 

Sie ist unglaublich feingliedrig und zart. Gleichzeitig lässt ihr Ausdruck im Gesicht mit den markanten Wangen­knochen keinerlei Zweifel aufkommen, dass diese Frau weiss, was sie will. Ann Kathrin Lüthi ist seit zwanzig Jahren erfolgreich im Musikgeschäft und geht unbeirrt ihren Weg. War sie zu Beginn ihrer Laufbahn Frontsängerin der Trip-Hop-Band Swandive, ist sie seit 2007 solo als ­Annakin unter­wegs – zumindest bezüglich Musik. Ihr Mann, Fotograf und Regisseur, ist seit dreizehn Jahren an ihrer Seite. Nicht nur ihre Auftritte und Videoclips sind von einer berührenden ­Ästhetik, auch die Song­texte der 39-Jährigen, die englische Sprachwissenschaften studierte, sind voller Poesie. Ihre Musik ist ein Engels­werk, mit ein paar teuflischen Noten.

SI Style: Sind Sie glücklich?
Annakin: Ja! (Lacht herzhaft.)

Das kam schnell und freut mich. Denn Sie sagen von sich selber, dass Sie eine düstere Person seien. 
Die Schwermütigkeit inspiriert mich zu meiner Musik und ist enorm wichtig für meine kreative Seite. Vor allem aber bin ich eine humorvolle Person. Wenn ich mit Freunden ausgehe, reden wir natürlich auch über tiefgründige Themen, lachen aber sehr viel und haben es lustig. 

Laut dem französischen Schriftsteller Victor Hugo ist Melancholie das Vergnügen, traurig zu sein.
Sehr schön, das passt. Wenn ich versuche, fröhliche Lieder zu schreiben, habe ich immer das Gefühl, sie seien oberflächlich. Ich bin erst zufrieden, wenn die Texte noch etwas Schwarzes haben.

Der Teufel ist spannender als der ­Engel, finden Sie. Wer flüstert Ihnen von der Schulter aus lauter ins Ohr? 
Das kommt auf den Zusammenhang an. Auch in meiner Musik finden sich beide Seiten. Bei Live-Auftritten geht es in der Garderobe manchmal so witzig zu, dass ich auf der Bühne Mühe habe, wieder in diese melancholische Stimmung zu kommen und traurige Songs zum Besten zu geben. Nach dem Auftritt feiern wir sowieso sehr ausgelassen.

«Stand Your Ground» heisst Ihr viertes, neues Album. Wie behalten Sie Boden­haftung?
Durch mein Umfeld. Meinen Lieben ist es nicht so wichtig, was ich mache, ­sondern, wer ich bin. Und kochen hilft! Nach dem ersten Konzert mit dem neuen Album im «Kaufleuten» in Zürich habe ich einen ganzen Tag lang Gulasch und Knöpfli selber gemacht, das gab richtig viel zu tun. 

Ihre Videos sind zauberhaft. Flüchten Sie in eine Märchenwelt?
Ich würde es nicht als Flucht bezeichnen. Sie vermitteln eine spannungsgeladene Stimmung, und ich mache gern Vergleiche mit Tieren: Vögel symbolisieren die Musik, der Stier steht für die Wut, die ich oft verspüre. Das wird vielleicht als Märchenwelt empfunden, es sind aber zentrale Themen aus meinem Leben, die meine Naturverbundenheit aufzeigen.

Ihnen passierte einiges unverhofft: Ihren ersten Produzenten Jono Buchanan lernten Sie in den Fe­rien am Pool kennen, Manu Delago, den Schlagzeuger, sprachen Sie nach einem Björk-Konzert an, ­woraus sich eine Zusammenarbeit ergab. Zufall oder Schicksal?
Es ist sicher Schicksal, aber auch viel Glück. Sowie eine gehörige Portion Beharrlichkeit: Man muss die Leute erst einfangen, sie überzeugen und an ihnen dranbleiben. Manu Delago lud mich an ein weiteres Konzert ein, wo ich hinging. Das eine ergab das andere, weil wir beide offen waren für Neues. Zu Begegnungen kommt es oft auch dank einem guten Netzwerk.

Ihre Texte könnten für sich stehen, sie sind wie Poesie. Wie gehen Sie vor, um die richtigen Worte zu finden?
Ich versuche tatsächlich, ein Gedicht zu schreiben. Manchmal steht zuerst eine Zeile, ein Wortspiel, das mich berührt, oder nur ein Thema, das ich irgendwo aufschnappe und mich beschäftigt. Danach kommt die Melodie hinzu, und am Ende schreibe ich den Text nochmals um, damit es zusammenpasst.

Haben Sie ein Lieblingswort?
«Precious» (auf Deutsch: kostbar) gefällt mir sehr gut, sowohl vom Klang als auch von der Bedeutung her, und es hat Kraft.

Sie setzen seit vier Jahren voll auf die Musik. Drei Jahre lang erschien kein Album. Wovon leben Sie?
Es war in der Tat nicht ganz einfach. Ich habe mit allem sehr zurückgesteckt und extrem sparsam gelebt. Daneben habe ich Englischschüler unterrichtet. Rein finanziell gesehen wäre es besser ­gewesen, das Werk ein Jahr früher zu vollenden. Ich denke aber nicht primär ans Geld, sondern ich bin dann bereit, wenn die Qualität stimmt.

Sie sind eine Perfektionistin. Für Ihre Mitmenschen muss das anstrengend sein.
Das glaube ich nicht. Ich weiss genau, was ich will, und mein enges Umfeld kennt mich gut. Gleichzeitig bin ich stets offen für Inputs, mein Produzent hat viele Freiheiten. Mit Mittelmass gebe ich mich nicht zufrieden, weil das nicht reicht. 

Stillleben mit Federn
© Flurina Rothenberger

Annakin schmückt sich gern mit fremden Federn, im Clip zum Song «Monsters» auch mal mit Hörnern. Die getrocknete Erbenschote wird zur Rassel umfunktioniert.

Ihr Mann hat schon drei Ihrer Videoclips gedreht. Können Sie Kritik von ihm annehmen, oder streiten Sie?
Unsere Zusammenarbeit wird immer besser. Beim ersten Mal war es nicht einfach, jetzt kennen wir uns jedoch so gut, dass es wunderbar funktioniert.

Glauben Sie an die ewige Liebe?
Ja, mit ihm schon. Wir haben zahlreiche Ebenen, die stimmen, grosse Ähnlich­keiten, und doch geben wir uns den Freiraum, den wir brauchen. Ich finde sehr spannend, was er macht, und er unterstützt mich. Durch unsere Jobs sind wir häufig getrennt unterwegs. Dazu muss man vielleicht der Typ sein.

Haben Sie ein gemeinsames Lied?
Ja, «The Blower’s Daughter» von Da­mien Rice. Ich habe den Text umformuliert und ihn an unserer Hochzeit vor­gesun­gen. Alle haben geweint, inklusive mir selber. 

Sind eigene Kinder ein Thema?
Das ist im Moment etwas schwierig, weil die Zeit dafür fehlt. Wir sind beide der Meinung, dass man nicht Kinder in die Welt setzen soll, um sie dann allein zu lassen. Ich glaube, dass es ein glückliches Leben ohne Kinder geben kann.

Sie reisten vergangenes Jahr nach ­Südostasien. Wie hat diese Reise Ihre CD beeinflusst?
Das Stück «Quicksand» beschreibt die Stimmung, wenn sich ein Mob bildet, wie das in Burma oder jetzt in Bangkok ­geschieht. «Something of the Night» ist inspiriert von der Art der Bestattung, wie sie laotische Völker am Mekong prak­tizieren. Sie achten beim Beisetzen der Toten darauf, dass diese mit den Füssen voran in Stromrichtung liegen. So kann das Böse wegfliessen. Dieses Ritual berührte mich.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? 
Mhm, Rituale sind wichtig. Ich glaube, dass mit dem Geist des Menschen nach dem Tod etwas passiert. Ich hatte schon Erlebnisse, bei denen mir Personen erschienen, nachdem ich von ihnen Abschied genommen hatte. In Irland spürte ich in einem Hotel einmal die Anwesenheit von Geistern. Als ich nachfragte, was früher an diesem Ort los war, erfuhr ich, dass es ein ehemaliges Spital für ­Tuberkulosepatienten war. Ich habe ein Gespür für Übersinnliches. Das kann hinderlich sein, ich aber bin dankbar ­dafür, denn es zeigt mir eine ­Dimension auf, die nicht sichtbar ist.

Wovor haben Sie Angst?
Ich kenne Verlustängste und die Angst, zu versagen. Dazu kommen Existenzängste, ich befürchtete zum Beispiel vor dem vierten Album-Release, dass sich niemand mehr für meine Musik inte­ressiert. Gleichzeitig habe ich ein riesi-ges Grundvertrauen, dass es schon gut kommt, gerade vor Konzerten.

Jetzt ist Ihr neues «Baby» da, die Fans auch, Sie gehen auf Tour – können Sie den Moment geniessen, oder ­denken Sie schon ans nächste Projekt?
Im Augenblick bin ich etwas angespannt und hoffe, dass alles klappt. ­Natürlich habe ich schon die Fühler ausgestreckt, was ich weiterverfolgen könnte. Das Kon­zert mit dem Zürcher Kammerorchester zum Bei­spiel, das war ein intensives Erleb­nis. Im Moment lasse ich alles auf mich zukommen. Was daraus entsteht, wird sich in ein paar Monaten herauskristallisieren.

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