A Personal Note From Leon Bridges «Ein Grossteil der Popmusik verglüht schnell wieder»

Lange schlummerte sein Talent unentdeckt in ihm. Jetzt ist Todd, genannt Leon, Bridges einer der Sänger der Stunde. Mit beseelter Musik im Stile der Fünfziger und Sechziger stürmt der 26-jährige Texaner die Charts und Radiowellen. Im Interview spricht er über Songwriting, seinen Glauben und ewigwährende Songs.
A Personal Note From Leon Bridges
© Lukas Maeder

Leon Bridges aufgenommen von Lukas Maeder.

SI Style: Todd, in deinem Hit «Lisa Sawyer» geht es um deine Mutter. Wie hat Sie auf den Song reagiert?
Leon Bridges: Sie war wie paralysiert. Dann ist sie in Tränen ausgebrochen. Es war wohl ein ziemlicher Schock. Sie wusste nämlich nicht, dass ich Songs schreibe.

Echt? Du hast das geheim gehalten?
Ja, irgendwie schon. Sie wusste zwar schon, dass ich Musik mache. Aber nicht, dass ich selber Songs schreibe. Ich glaube, Sie dachte, dass ich Coversongs singe.

Hast Du denn früher an Weihnachten und bei Familienfesten gesungen?
Nein, nie.

Wie hat sich denn das Ganze entwickelt?
Ich habe erst vor etwa vier Jahren angefangen Gitarre zu spielen und Songs zu schreiben. Das war dann aber sofort mehr als ein Hobby. Ich dachte zwar nicht daran berühmt zu werden, aber ich war schon ganz klar darauf fokussiert, mit meinen Songs an die Öffentlichkeit zu gelangen.

Und was geschah dann?
Dann traf ich Austin Jenkins von White Denim, meinen heutigen Produzenten und Gitarristen. Wir lernten uns wegen meiner Jeans kennen.

Wie das denn?
Ich stand in einer Bar und hatte ein Paar Wrangler Jeans an. Seine Freundin kam rüber zu mir und sprach mich darauf an.

Witzig.
Eine Woche später spielte ich in einem kleinen Klub. Und Jenkins stolperte zufällig auch da rein, an einem Dienstagabend. Nach dem Gig hat er mich dann angesprochen und bot an, einige Songs mit mir aufzunehmen. Er erkannte mein Potential. Ja, und jetzt sitzen wir hier, in Zürich.

A Personal Note From Leon Bridges
© Lukas Maeder

«Meinen heutigen Produzenten und Gitarristen lernte ich wegen meiner Jeans kennen.»

Was hast du damals gesungen?
Meine eigenen Songs. All die Songs von meinem Album – mit Ausnahme von «Pull Away» – hatte ich damals schon geschrieben.

Das Album stieg im Juni auf Platz 6 der Billboard Charts ein. Bist Du schon bereit fürs nächste Album?
Mehr als bereit. Ich kann’s kaum erwarten, ehrlich gesagt. Ich will endlich ins Studio.

Wird das ähnlich klingen?
Ja. Wir bleiben bei der gleichen Zusammensetzung. Klar werden wir auch experimentieren, aber die Band ist natürlich gewachsen und ich will sie so zusammenhalten. Viele fragen mich: «Wieso hast du keine richtige Bläsergruppe? Wieso hast du keinen Chor dabei?»  aber ich frage mich: Muss ich das haben, nur weil das fast alle Retrosoul-Sänger haben? Ich möchte, dass jedes Mitglied meiner Band klar hervorsticht. Ich habe einen Saxofonisten und eine Backgroundsängerin – und für mich reicht das. Ich halte es gerne etwas reduziert. Am Ende geht es um die Qualität der Songs, finde ich.

Du hast eine Blitzkarriere hingelegt, vom Tellerwäscher zum internationalen Star. Wie aus dem Drehbuch des klassischen amerikanischen Traums.
Das lag immer völlig jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich hätte mir nie erträumen können, dass ich mal nicht mehr nebenbei arbeiten muss und nur vom Musikmachen leben könnte. Der Wendepunkt war, als wir den Song «Coming Home» auf Soundcloud luden und der Blog «Gorilla vs. Bear» darüber berichtete. Da explodierte dann alles. Aber das war erst im November des letzten Jahres. Es ist alles verrückt schnell gegangen seither.

Was haben deine Eltern für Musik gehört?
Meine Mutter hat ständig eine Kassette von Babyface gehört. Die lief rauf und runter. Ausserdem mochte sie Anita Baker und Sade. Mein Vater hat Stevie Wonder, Curtis Mayfield und Al Green gehört. Und Queen. Bevor er mich in den Pool geschubst hat, hat er immer «We Are The Champions» gesungen! (lacht)

Und was hast du als Teenie gehört?
Usher, Ginuwine, solche Sachen.

Wann kamst du auf die Fifties?
Erst vor etwa zwei Jahren. Der erste Song, den ich in diesem Stil schrieb, war dann gleich «Coming Home».

So ganz locker aus dem Handgelenk?
Nein, abgesehen davon, liefs am Anfang ziemlich harzig. Ich spiele zwar Gitarre, aber nicht sehr gut. Und ich wollte Akkordfolgen finden, die nicht so super cheesy klingen. Deshalb kam das Ganze erst nach einer Weile richtig ins Rollen. Nach vielen verworfenen Songs und nachdem ich «River» geschrieben hatte.

Der besten Song des Albums! Was ist seine Geschichte?
Ich war am Konzert eines Freundes. Sie sangen den Song «Down In The River To Pray». Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, dass das Bild des Flusses schon von vielen Soulsängern benutzt worden ist. Als Metapher für das Bekenntnis zu Gott und das Befreien von den Sünden. Ich beschloss dann: Ich schreibe mein eigenes spirituelles Fluss-Lied. Darüber, wie ich zu Gott gefunden habe.

Zu dem Song fällt einem sofort die Szene in «O Brother Where Are Thou» ein.
Ja, ein toller Film.

Was denkst Du, wieso hat Retrosoul so einen Erfolg?
Ich glaube, es ist ganz einfach: Guter Soul gefällt einfach jedem. Und da die Leute, die damals diese Musik gemacht haben, nicht mehr da sind, erfreut man sich am Nachwuchs. Ausserdem ist ein Grossteil der modernen Popmusik nur für den Moment ausgelegt. Sie verglüht schnell wieder. Diese Art von Musik hingegen ist zeitlos.

Welches ist der wichtigste Ratschlag, den Du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?
Die richtigen Freunde auszusuchen. Ich habe ihn beherzigt: Meine Band ist meine erweiterte Familie.

A Personal Note From Leon Bridges
© Lukas Maeder

«Meine Band ist meine erweiterte Familie.»

Wann hast Du das erste Mal Musik richtig zu schätzen gewusst?
Mit zehn oder elf. Ich hörte eine Weihnachts-CD mit einem Song von Otis Redding.

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Als ich bei der Dinner Party von Anna Wintour und Tory Burch gespielt habe. Jessica Alba war da.

Was hast du gespielt?
«Lisa Sawyer», nur mit der Gitarre. Danach ging’s rund: Jessica Alba machte einen Post auf Instagram.

Der unglamouröseste Moment?
Der Besuch der Toiletten am Glastonbury Festival dieses Jahr.

A Personal Note From Leon Bridges
© Lukas Maeder

Die «Personal Note» von Leon Bridges. Danke!

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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