Homestory Melanie Swarovski Haus am Waldrand

Die österreichische Künstlerin Melli Ink alias Melanie Swarovski hat in Küsnacht bei Zürich ein einzigartiges zuhause gefunden - mit einem Innenhof voll fleischfressender Pflanzen.
Swarovski
© Wolfgang Stahr

Die Sitzguppe im Esszimmer ist von Eero Saarinen, die bemalten Keramiken auf Tisch und Sideboard sind Entwürfe der Hausherrin.

Beginnen wir diese Geschichte mit einem doch etwas grausamen Garten. Er steht heute ganz selbstverständlich im Entree der modernistischen Fifties-Villa in Küsnacht, also im besten Vorort von Zürich. Melanie Grieder-Swarovski wohnt hier zusammen mit ihrem Mann Damian Grieder. Der gläserne Garten ist voller fleischfressender Pflanzen, die sich über eine ganze Portion Insekten hermachen. Melanie Grieder-Swarovski, die als Künstlerin unter dem Pseudonym «Melli Ink» arbeitet, hatte die Idee, als sie einen fast identisch großen Schaukasten im Botanischen Garten von Zürich entdeckte. «Diese Mischung aus Schönheit und Grausamkeit hat mich ziemlich fasziniert, aber es hat ein Jahr gedauert, bis ich das, was ich gesehen hatte, in Glas umsetzen konnte. Die Arbeit heißt Savage Garden – es ist ja eigentlich auch ein Schlachtfeld, weil die Insekten von den Pflanzen verspeist werden.» In Glas bekommt der quälend langsame Todesakt noch eine ganz neue Note, vor allem wenn Melli Ink die Beleuchtung anschaltet und das Schlachtfeld sich grell illuminiert. Es war sicher kein Nachteil, bei der Produktion des Kunstwerks auf das Kristallglas-Know-how der eigenen Familie zurückgreifen zu können. Eine gewisse familiäre Neigung hin zum Glas darf bei Melli Ink also vorausgesetzt werden. Man sollte sie aber auch nicht darauf festlegen, dafür ist sie zu vielseitig.

Die aus Tirol stammende, aber in Zürich und Salem aufgewachsene Konzeptkünstlerin nimmt in den unterschiedlichsten Materialien eine eigenständige Position ein. Am Zürcher Basteiplatz zum Beispiel kreierte sie 2013 eine zweiteilige Installation aus einer Bank und einem grossformatigen, fast vier Meter hohen Mauerbild. Die Bildwand bestand aus handbemalten Keramikplatten, die Melli Ink mit Zeichnungen bestückte, die formal an die Ikonografie eines Joan Miró oder eines Alexander Calder erinnern. Die Bank vor der farbenfrohen Wand lud die Besucher des Basteiplatzes zum Pausieren und Kontemplieren ein. Oder die Performance Plates von 2004, als Melli Ink hunderte von Tellern zerschlug und diesen flüchtigen Ausbruch mit den Medien der Fotografie und des Videos festhielt. Wie auch schon bei den Fleischfressern ergibt sich ein schönes, fragiles und gleichzeitig zwiespältiges Bild. Eine Monografie über ihre Arbeiten ist im Berliner Distanz Verlag erschienen.

Ursprünglich hatte Melanie Swarovski am Central St. Martins College of Art in London Bühnenbild studiert und danach Opern, Theateraufführungen und Filmproduktionen ausgestattet - zuerst in London und später dann in New York. «Gerade in Manhattan war das eine knallharte Schule. Du musst selber schauen, wo du all dein Zeug herbekommst, du hast dafür fast kein Budget, aber es soll immer einzigartig aussehen.» Sie stattete zum Beispiel Opern im Miller Theatre aus, darunter auch schwere Kost wie eine Aufführung über die Komponisten von Theresienstadt. «Damals habe ich zum Teil drei Bühnenbilder gleichzeitig gemacht. Das geht an die Substanz. Danach habe ich mich selber freigestellt und entschieden: Jetzt will ich nur noch meine eigenen Sachen machen.»

Aber zurück zum Garten, der spielt bei dieser Immobilie gleich in mehrfacher Hinsicht eine Rolle. Als Melanie Swarovski und Damian Grieder das Haus, ein spätes Werk des Schweizer Architekten Theodor Laubi, mit seinem eng an den Küsnachter Lärchentobelwald angrenzenden Grundstück entdeckten, sah die Gesamtsituation auch ein wenig aus wie in einem Savage Garden. Der Wildwuchs war beeindruckend: Auf dem Flachdach entfalteten sich Haselnussbäumchen, und durch das, was einmal der Garten gewesen sein sollte, musste man Schneisen schlagen, um die Sichtachsen zum Zürcher See wiederherstellen zu können. Längst trauten sich schon Wildschweine und Hirsche bis auf die Terrasse vor. Und nach regem Besitzerwechsel und damit einhergehenden An- und Umbauten war das Ensemble auch seines ursprünglichen, modernistischen Charakters beraubt worden. Aber der wilde Garten «war auch unser Glück: Denn das Haus war noch zu haben. Und uns schreckte die vorgefundene Situation nicht ab. Ich hatte bereits in London drei Immobilien, die runtergekommen waren, wieder zum Blühen gebracht und danach mit Profit verkauft. Meine Mutter hatte in Salzburg einen der ersten Concept Stores. Irgendwie scheint mir das im Blut zu liegen.» Und was sie und ihr Mann nicht schafften, erledigten ihre Partner im Geiste, die Architekten Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler. «Sie sprechen beide unsere Sprache und haben auch einen sehr direkten Zugang zur Kunst. Das war uns wichtig», erinnert sich Melanie Swarovski. Also bauten ihre Wunscharchitekten zurück und schälten Elemente der brasilianischen Architektursprache, wie die geschwungene Treppe oder die Betonlamellen, frei. Die verborgenen Qualitäten der Immobilie kamen so zum Vorschein und wurden von Fuhrimann und Hächler noch akzentuiert: Wie in der südamerikanischen Moderne, welche einzelne freie wie runde Formen einem streng gegliederten Grundriss gern gegenüberstellt, wurde auch hier mit Einbauten gezaubert. Zum Beispiel mit einer versteckten Küche, die mit ihrer rasant geschwungenen Essecke wie ein echter Kurvenstar daherkommt. Oder im ersten Stock mit Bücherregalen, die aussehen, als seien sie mit dem Pickel in die Wand eingehauen worden. Auch wurden mehrere Rückzugsorte geschaffen, die zum Kuscheln, Lümmeln oder Vorlesen dienen können. Diese Kontraste erhöhen die Spannungsmomente der ohnehin schon interessanten Architektur.

Anfangs hatte Damian Grieder im Erdgeschoss seine Galerie für zeitgenössische Kunst, was eine zusätzliche Note gab. Der White Cube wurde zum Kunstsalon, der mit so mancher Vernissage auf sich aufmerksam machte. Doch dann wanderte die Galerie in die Stadt, damit sich alle Beteiligten zu jeder Zeit ungestört ausbreiten können. Dennoch werden die Bilder an den Wänden regelmäßig ausgetauscht oder umgehängt. Zum einen, weil Melli Ink gern «Materialientausch» mit anderen Künstlern betreibt, und zum anderen, weil ihr Galeristenmann ab und zu auch etwas zwischenlagern muss oder einem Kunden etwas zeigen will.

Neben den sehr harmonisch arrangierten Vintage-Möbeln fallen vor allem das Porträt von Dieter Meier im Entree und seine Weine in der Küche auf. «Lecker», bestätigt Melanie Swarovski und erzählt, wie ihr Mann die erste Dieter-Meier-Retrospektive nach mehreren Jahrzehnten lancierte. «Er war ja Künstler, bevor er Musik machte.» Die Ausstellung fand jedoch in der Berliner Zweitwohnung der beiden in der Mommsenstraße statt, die auf ihren dreihundert Quadratmetern sowohl Galerie, Salon wie pied-à-terre ist. 

Reportage aus dem Buch «Stilikonen unserer Zeit». Erschienen im Callwey Verlag, München (ISBN: 978-3-7667-2000-9). Text: Ralf Eibel, Fotos: Wolfgang Stahr.

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