A Personal Note From Michèle Roten «Vom Exponieren habe ich für den Moment genug»

Warum Michèle Roten derzeit wenig Interesse am Journalismus hat. Wohin Miss Universum verschwunden ist. Was sie an alten Kleidern reizt. Und welchen Schreibauftrag sie trotzdem gerne hätte. Ein Gespräch mit der 36-jährigen Zürcher Autorin.
A Personal Note From Michèle Roten
© Lukas Maeder

Autorin, Kolumnistin und Store-Betreiberin Michèle Roten, aufgenommen von Lukas Maeder.

SI Style: Michèle, was hast du im Moment für ein Verhältnis zum Schreiben?
Michèle Roten: Ein sehr Funktionales. 

Was bedeutet das?
Ich arbeite auf Auftragsbasis. Ich kriege einen Auftrag, setze mich hin und schreibe.

Ist das Schreiben eine Notwendigkeit für dich?
Nicht mehr so wie auch schon. 

Wieso?
Das hat sicher damit zu tun, dass ich das relativ lange relativ intensiv gemacht habe. Das muss sich irgendwann ein bisschen abnützen. Ich find’s eigentlich ganz schön mal eine Phase zu haben, in der andere Dinge wie mein Laden oder die Familie wichtiger sind.

Du arbeitest schon eine Weile nicht mehr als Redaktorin des Tagi Magi. Auch sonst liest man wenig von dir in den traditionellen Medien. Ist der Journalismus für dich abgehakt?
Auf eine Art schon, ja. Die Reportage ist immer noch mein Lieblingsformat. Wenn ich da eine spannende Anfrage bekomme, mache ich das immer noch saugerne. Aber diese persönlichen, essayistischen Sachen halte ich auf einem Minimum. Vom Exponieren habe ich im Moment genug.

Wie lange warst du eigentlich Miss Universum?
Zehn Jahre. Am Anfang war das richtig geil, klar. Ich war noch sehr jung und habe einfach alles rausgelassen. Ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie das ankommt, ohne gross zu filtern. Dann kam eine Phase, in der das Schreiben einfach Arbeit darstellte. Ich kam ins Büro, machte mein Ding, hinterfragte das nicht gross. Und schliesslich kam dann eine Phase, in der ich voll auf den Psycho Trip gekommen bin. Ich hatte Paranoia, war blockiert. Bei jedem Satz zögerte ich. Ich hatte das Gefühl, immer schon zu wissen, was für Reaktionen kommen würden. Das war dann überhaupt nicht mehr lustig.

Wann war das?
So nach acht Jahren. Also relativ spät. Das hatte sicher damit zu tun, dass ich in einem Alter angefangen habe, in dem man eh auf alles scheisst. Ich bin mit dem Job als Kolumnistin erwachsen geworden. Und irgendwann wusste ich nicht mehr, worüber ich schon geschrieben hatte und worüber nicht.

Kein Wunder bei ein paar Hundert Kolumnen.
Es nahm komische Formen an. Irgendwann, vor einem Jahr oder so, hatte ich einen sehr schrägen Moment: Ich habe irgendwo in einer Zeitschrift etwas über ein Phänomen namens «Fischgeruch-Syndrom» gelesen. Über Menschen, die extrem stinken. Ich fand das interessant und habe gleich angefangen zu recherchieren. Nach ein paar Tagen stolperte ich über einen Text zu dem Thema – von mir. Das war ein ziemlicher Schock. Ich konnte nicht mehr auseinanderhalten, was ich schon verarbeitet hatte und was nicht. Vielleicht leide ich ja auch einer Form von Demenz. 

Du hast ab 25 eine vielbeachtete Kolumne fürs Tagi Magi geschrieben. War das zu früh? 
Nein, das war alles schon gut so. Ich wollte das ja. Wenn ich hätte wählen können, hätte ich in den letzten Jahren einfach sehr viel weniger geschrieben. Das Output Level war mir irgendwann zu hoch.

Aber als Journalistin träumt man doch davon, möglichst viel publizieren zu können, oder nicht? 
Sehr lange war das sehr toll. Aber ich glaube wirklich, ich habe vor allem mit der Kolumne irgendwann nichts mehr zu erzählen gehabt. Und ich wollte auch nicht mehr. Seit ich so viel kürzer trete, habe ich wieder viel mehr Freude daran etwas zu schreiben. Ich mache derzeit vor allem Corporate Publishing. Das ist in meinen Augen heute viel ehrlicher und gradliniger als Journalismus. 

Soll heissen?
Du hast viel mehr Kontrolle über deinen Text, der Auftrag ist klarer, es steckt weniger Eitelkeit darin, das Arbeiten ist angenehmer und man weiss genau, für wen man da arbeitet und welche Intentionen dahinterstecken. Einfach gradliniger. Ausserdem gibt es immer noch gutes Geld zu verdienen. Und man muss keine Ideen haben.

Du hast keine Ideen?
Na ja, ich habe gemerkt, dass die Kolumne in den letzten Jahren schon sehr viel aufgefressen hat. Das Meiste, was ich beobachtet oder erlebt habe, ist dort eingeflossen. Und jetzt, wo ich mich vom Journalismus mehr oder weniger ausgeklinkt habe, denke ich auch nicht mehr so. Das ist ja eine Art zu denken.

Du hast zuletzt ein Stück namens «Wir sind selig oder Oder» für das Konzert Theater Bern geschrieben. Dafür muss man ja auch eine Idee haben.
Ja, aber das ist etwas völlig Anderes. Erstens mal war das ein Auftrag. Zweitens hatte ich sogar eine Themenvorgabe: Glauben. Und ich hatte ein ganzes Jahr Zeit. Das ist auch so etwas, was man als Journalist nicht kennt.

Ist dir das mit den Dialogen nicht schwergefallen?
Nein, das ist das, was ich am Liebsten mache. Das habe ich auch in der Kolumne immer wieder gemacht.

Seit einer Weile führst du mit einer Freundin zusammen in Zürich einen Secondhand-Laden namens The New New. Was lernt man über Menschen, wenn man einen Kleiderladen betreibt?
Total viel! Dass man Menschen mit einem passenden Kleidungsstück eine riesige Freude machen kann zum Beispiel. Oder dass man sehr behutsam vorgehen muss, wenn man beim Ankauf fremde Kleider beurteilt. Man muss einen Weg finden, damit die Kunden nicht total betupft sind, wenn du ihre Sachen nicht kaufen willst. 

A Personal Note From Michèle Roten
© Lukas Maeder

Michèle in ihrem Laden «The New New».

Wie kommt man auf die Idee, mit alten Kleidern zu handeln?
Ich mag Kleider. Und ich bin der Meinung, dass wir in einer brutalen Überflussgesellschaft leben. Alle meine Freundinnen haben irgendwo extrem geile Sachen rumliegen. Die wollte ich irgendwie wieder in den Umlauf bringen.

Ist das Verkaufen so, wie du dir das vorgestellt hast?
Ich glaube, davon hatte ich hatte gar keine grosse Vorstellung. Nur vom Laden selbst. Jetzt finde ich’s vor allem schön wieder unter Menschen zu sein und zu interagieren. Wenn man Tag für Tag acht, neun Stunden in einem Büro sitzt, stumpft man irgendwie ab.

Heisst das für dich nie mehr Büro?
Jedenfalls nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor?
Ich will den Laden behalten, so lange wie möglich. Und schreiben. Einfach nicht ausschliesslich schreiben.

Gibt es einen Auftrag, auf den du wartest?
Ja. Ich würd gern ein Drehbuch für einen Film schreiben. Oder noch mal ein Theaterstück.

Die wichtigste Lektion, die du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?
Gegen oben ist alles offen.

A Personal Note From Michèle Roten
© Lukas Maeder

«Gegen oben ist alles offen.»

Deine Initialzündung in Sachen Schreiben?
Im zweiten Gymi hab ich «Buddenbrooks» von Thomas Mann gelesen. Ich war hin und weg davon, wie schön Sätze sein können. 

Deine erste Erinnerung ans Schreiben?
Schulaufsätze.

Waren die gut?
Erst so mittel, und dann hab ich plötzlich einen Sprung gemacht und bekam nur noch Sechser zurück. Ich glaube, das hatte auch mit «Buddenbrooks» zu tun. 

Der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?
Elefantenpolo in Indien mit Cartier.

Sasst du selber auf einem Elefanten?
Logisch. Mein Team hat gewonnen, Alter!

Gibt es ein Ritual beim Schreiben?
Sehr viel rauchen.

Deine letzte literarische Entdeckung?
Das ist eine Wiederentdeckung: Nabokov. Ich habe letzthin «Pnin» gelesen: grossartig. 

Und die letzte musikalische Entdeckung?
Kendrick Lamar.

A Personal Note From Michèle Roten
© Lukas Maeder

…und Ende. Danke, Michèle!

 

Im Dossier: Alle «A Personal Note From» Interviews.

Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.

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