Miles Aldridge Fotografie mit Fragezeichen

Die Frauen auf seinen Bildern wirken oft etwas entrückt, plastisch, manchmal fast wie gemalt. Miles Aldridge hat sich als Modefotograf einen Namen gemacht und wird heute in Galerien ausgestellt, aktuell in der Galerie Christophe Guye im Zürcher Seefeld. SI Style traf den Briten zum Gespräch.
Fotografie Miles Aldridge
© Miles Aldridge

«Like a Painting», Miles Aldridge.

 

SI Style: Sie sind gut angezogen, klassisch in weissem Hemd und dunkelblauen Hosen.
Miles Aldrigde: Bin ich das? Oh gut!

Welche Rolle spielt Mode in Ihrem persönlichen Leben?
Ich ziehe es vor, lieber adrett als ungepflegt daherzukommen. Ich mag die Philosophie von Alfred Hitchcock, der jeden Tag das gleiche Shirt und den gleichen Anzug trug. Er hatte immer mehrere Stücke davon. Jene Leute, die mich gut kennen, wissen allerdings, dass ich oft genug auch ungepflegt aussehe.

Welchen Designer mögen Sie?
Comme des Garçons. Sie haben klassische Schnitte, die sie immer mit etwas Unerwartetem kombinieren. Und ich mag ihre Referenzen zur alten Schneiderskunst. 

Brauchen Sie Anti-Aging-Produkte?
Nein. Ich benutze die Feuchtigkeitscreme meiner Freundin, ich weiss nicht mal, wie die heisst.

Gibt es hier in der Galerie Christophe Guye ein Bild, das Sie besonders mögen?
Ich mag das ganz grosse, neue Bild namens «Labyrinth». Ich habe es zuvor noch nicht gedruckt gesehen, vor allem nicht in dieser Grösse. Ich wollte es lebensgross machen. Ich mag die Kombination der Farben. Es sieht aus wie ein etwas schmuddliger Korridor eines New Yorker Hotels, aber tatsächlich ist es ein Studioset, das extra für unser Shooting in London aufgebaut wurde. Es fühlte sich ein bisschen an wie auf einem Filmset.

Sie sind immer sehr präzis in den Details und sagen von sich selbst, dass Sie ein Kontroll-Freak sind. Ist für Sie nur Perfektion gut genug?
Ja, absolut! Das hat damit zu tun, dass ich mit Film fotografiere und nicht digital, das mache ich seit 20 Jahren. Beim Film habe ich keine Garantie, ob das Bild wirklich im Kasten ist, deshalb arbeite ich einfach immer weiter. Bei diesem Bild, auf dem die Frau durch den Korridor läuft, wiederholten wir das immer und immer wieder. Es muss alles stimmen, nicht nur die Füsse, auch das Gesicht. Mit einer Kamera kann man sehr zufällig, aber auch sehr präzis arbeiten. Ich möchte, dass meine Fotografien einen Moment einfrieren. Wie bei da Vincis Mona Lisa: Als Betrachter denkt man gar nicht daran, dass sie nicht hier sein könnte.

Ihre Bilder sind narrativ. Denken Sie sich stets eine ganze Geschichte dahinter aus?
Ich brauche eine Art Geschichte. Als ich anfing mit Modefotografie, machte ich die Bilder in einem grossen Studio ohne Konzept und hörte laute Musik dazu. Entsprechend wurden diese Bilder eher flach. Irgendwann begann ich mich zu fragen, welche Art von Bildern ich genau machen möchte. Und ich kam zum Schluss, dass sie etwas Dunkles, Mysteriöses haben. Denn die Kamera enthüllt alles. Deshalb muss man ein Fragezeichen ins Bild setzen. Warum läuft diese Frau diesen Korridor entlang? Was ist ihre Absicht? Das ist die Aufgabe der Kunst: Fragen zu stellen, und das unterscheidet die Mode- von der Kunstfotografie. 

Neben dem Mysteriösen ist auch Humor ein wichtiger Teil in Ihrer Arbeit.
Ja, ich denke, das ist eine britische Sache. Es kommt immer besser mit Humor. Ein Hauch Geschmacklosigkeit schadet nicht.

Ihre Bilder haben auch immer etwas Künstliches, Sie spielen mit Täuschung. Was mögen Sie daran?
Die ganze Welt ist künstlich. Ich wuchs in London auf inmitten einer Konsumgesellschaft. In den Sechzigern nahm die Pop-Art diese wenigstens aufs Korn. Aber heute ist das wütige Konsumieren völlig ausser Kontrolle geraten. Wir fühlen uns nicht wirklich frei, wir tragen nur ein Parfum, das «Befreiung» heisst.

Es gibt diese Anekdote, wie Sie zur Modefotografie gekommen sind: Ihre damalige Freundin sandte für einen Model-Job Bilder ein, die Sie von ihr gemacht hatten, und die British Vogue war daraufhin an Ihnen interessiert. Denken Sie, das war Zufall oder Schicksal?
Es war sicher ein sehr glücklicher Moment und ich glaube nicht, dass das bald nochmals irgendeinem Dahergelaufenen passieren wird. Ich sage immer den Jungen: Wenn ihr Fotograf werden wollt, müsst ihr jeden Tag eure Freundin fotografieren. So machte ich das. Die simple Zusammensetzung von einem Mann, einer Kamera und einem Mädchen, brachte in der Geschichte schon viele gute Bilder hervor. Jocelyne und ich waren verliebt, und diese Ausstrahlung kam im Bild durch. Und wenn man später mit Models arbeitet, in die man nicht verliebt ist, kann man diese Gefühle mit der Erinnerung zurückrufen.  

A propos Liebe und Models: Sie arbeiten mit Models, Ihre Ex-Freundin, Ihre Ex-Frau, Ihre Schwester und Halbschwestern sind Models. Könnten Sie sich je in eine Frau verlieben, die kein Model ist?
(Lacht.) Definitiv, ich bin gerade in eine Frau verliebt, die kein Model ist, obwohl ich sie schon für die italienische Vogue fotografiert habe. Wichtiger als Schönheit ist aber Stil. Eine weniger hübsche Frau mit Stil kann sehr anziehend sein, aber Schönheit ohne Stil ist unverzeilich.

Wenn Sie zurückschauen, gibt es etwas, das Sie anders machen würden?
Ich wollte immer Filme machen. Mit zwanzig war ich noch überzeugt, dass ich Regisseur würde. Mittlerweile bin ich 49, das sind nun also knapp dreissig Jahre, dass ich darüber nachdenke. Ich bereue meinen Weg nicht, bei Bildern wie «Labyrinth» zum Beispiel arbeite ich ähnlich wie bei einem Film. Manchmal, wenn ich einen super Film sehe, juckt es mich ein wenig, dass ich nie einen gemacht habe. Aber seien wir ehrlich, der Grossteil ist Schrott.

Wären Sie lieber in einer anderen Zeit geboren?
Ich weiss nicht, ob es einen grossen Unterschied machen würde, wäre ich hundert Jahre früher geboren. Dann wäre ich vielleicht Maler geworden. Jeder Fotograf, jeder Künstler, ist ein einsamer Charakter. Auch wenn wir immer in grossen Teams arbeiten, die Idee entsteht, wenn ich allein bin und nachdenke. Gut, in den Sechzigern gab es tolle Musik und grossartige Plattencovers, das ging etwas verloren. Auch bezüglich Filmen, alle meine Lieblingsfilme stammen aus den Sechzigern. Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht besonders verbunden mit meiner Zeit. Meine Brille scheint von den Achtzigern entlehnt zu sein, meine Frisur etwa von den Vierzigern.

Wer ist Ihr Held?
Das ändert übers Leben immer mal wieder. Aber wenn ich einen nennen müsste, ausser Batman, natürlich, würde ich sagen, Fellini.

Welcher Gegenstand ist am längsten in Ihrem Besitz?
Leica schenkte mir am vergangenen Wochenende in Amsterdam eine handgemachte Kamera mit meinem eingravierten Namen. Dabei realisierte ich, dass ich vor vielen Jahren eine gebrauchte Leica M6 kaufte, als ich das erste Mal Kristen (McMenamy, seine Ex-Frau, Anm. d. Red.) in Wien traf. Mit dieser Kamera habe ich sie immerzu fotografiert, meine beiden Kinder, wie sie aufgewachsen sind, und jetzt meine neue Freundin. Die Kamera hat kein Gewissen. Sie ist ja auch deutsch (lacht). Sie erinnert mich an den Weg, den ich gemacht habe, von einem Niemand, bis zum heutigen Punkt, an dem ich eine personalisierte Kamera beschenkt bekomme. Heute mache ich leider viel weniger private Fotos mit der Leica, weil es mit dem iPhone so schnell geht, es ist eine Schande. Früher war es so schön, wenn man vergessen hatte, was man alles fotografiert hatte und nie wusste, was man genau bekam. 

Für Sie war es ein Trauma, als Ihr Vater Ihre Mutter verliess, als Sie 10 Jahre alt waren. Nun haben Sie zwei Söhne im Alter von 11 und 8 und sind geschieden. Erleben Sie das Trauma von Neuem?
Lustig, nicht, wir wiederholen die Fehler der Eltern. Aber eine Ehe ist eine sehr schwierige Einrichtung. Die Fakten sprechen für sich, die meisten Paare überstehen nicht einmal 10 Jahre. Wir haben immerhin 16 Jahre geschafft. Aber für die Kinder ist es zweifellos eine ganz Zeit.

Wie oft können Sie sie sehen? 
Ich sehe sie oft, so oft ich möchte, eigentlich.

Wovor haben Sie Angst?
Wenn man berühmt und erfolgreich wird – das wird auch Schriftstellern so gehen – kommt irgendwann die Angst, keine Ideen mehr zu haben. Ausserdem ist Modefotografie etwas für junge Leute. Kunstfotografie weniger, das kann man länger machen.

Und Sie können immer noch Filme machen.
Ja, ich kann immer noch Filme machen.

Die Ausstellung «The Age of Pleasure» dauert bis 24. Mai 2014.

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