Oscars 2017 Der Knaller am Ende einer La La Langen Nacht

Mit Skandal und Schockwellen durfte man am Oscar durchaus rechnen, aber nicht mit diesem: Faye Dunaway und Warren Beatty verlasen um 6:15 Uhr den falschen Sieger in der Kategorie «Bester Film». Die Gewinner hielten schon ihre Dankesreden, als Hektik auf der Bühne ausbrach. Zum ersten Mal in der Oscar-Geschichte wurde ein Umschlag vertauscht, gewonnen hat nicht das zuckersüsse Musical, sondern das schwarze Drama «Moonlight». Oscars mussten eingesammelt, Dankesreden unterbrochen werden, «Verlierer» wurden von der Bühne geschickt, die Gewinner raufgeholt – alles eine grosse Konfusion. Was für ein Knaller am Ende einer langen Nacht!

Wer einen Skandal im Dolby Theatre erwartet hatte an der 89. Oscar-Verleihung, wurde nicht enttäuscht. Mit Brandreden, Zoff und Trump-Beschimpfungen hatte man heuer an der grössten Party der Welt durchaus rechnen dürfen. Aber nicht damit: Ein falscher Umschlag sorgte für einen unvergleichlichen Fauxpas. Schon etwas angeschlagen von der langen Nacht und den doch eher zahmen Dankesreden, wer immer vor dem TV ausgeharrt hatte, war schlagartig wieder hellwach. Und konnte gebannt verfolgen, wie den vermeintlichen Gewinnern ihre Goldmännchen aus den Händen genommen, sie ab der Bühne komplementiert wurden, und selbst der bislang souveräne Jimmy Kimmel sprach- und ratlos war. Als er sich wieder gefasst hatte, meinte er cool: «Ich wusste, dass ich die Show vermasseln würde.» Aber woran lags? Offensichtlich geriet der Umschlag, mit dem Emma Stone für ihre Rolle in «La La Land» zur besten Darstellerin gekürt wurde, ein zweites Mal in den Umlauf und wurde mit seinem Pendant zum besten Film vertauscht. Ein Lob gleich den fairen Verlierern: Sie gratulierten sofort dem wahren Sieger: «Moonlight» – und machten sich von der Bühne.

Mir rast nun 20 Minuten nach dem Eklat noch immer der Puls. Das dürfte den Millionen von Zuschauern vor den Fernsehblidschirmen ähnlich gehen. Der bereits verfasste Bericht dieser Nacht landet jetzt im Papierkorb...

What a night! 

Angefangen hatte die weltgrössten Party wie erwartet: mit einer hübschen Singnummer. Justin Timberlake trällert seinen (nominierten) Song «Can’t stop the Feeling» aus «Trolls». Dann ein echt cooler Jimmy Kimmel, der alle begrüsst und mit witzigen, wenn auch eher harmlosen Sprüchen die Show eröffnete.
Eine erste Überraschung war dann auch der erste Oscar. Der ging an Mahershala Ali, den Nebendarsteller des Dramas «Moonlight». Mit «Love and blessisngs» verliess der glückliche Gewinner die Bühne. Im Laufe der Stunden gingen dann noch etliche Oscars (zum Zählen fehlen mir gerade noch die Nerven …) an schwarze und eingewanderte Nominierte. Der Schimpfname der letztjährigen Veranstaltung «Oscars so white» wurde im Laufe der Nacht nicht gleich pulverisiert, aber doch echt entkräftet und auf den Müll der Geschichte geworfen. Viola Davis holte ein Goldmännchen als beste Nebendarstellerin in «Fences» und hielt eine Rede, die nun wirklich alle zu Tränen rührte. Spätestens, als sie ihrem Co-Star Denzel Washington mit der legendären Anrede «O Captain, my Captain» dankte. Der Redner des Italo-Trios, das in der Kategorie Make up & Hair gewonnen hatte, betonte, ein 
«Immmigrrant» zu sein. Der Regisseur des besten fremdsprachigen Films, ein Iraner, war aus Protest zu der Einreisebeschränkung nicht erschienen, sondern liess eine scharfe Note gegen die US-Regierung verlesen. 
Weiteren Siege für die Vielgestaltigkeit Hollywoods gabs bei den Dok-Filmen: Als Langfilm holte die Geschichte «O.J. (Simpson): Made in Amerika» den Sieg, bei den Kurzdoks ein Film über Weisshelme in Syrien. Auch bei den Drehbüchern kamen die ernsten Filme zum Handkuss: wiederum «Moonlight» (adaptiertes Drehbuch) und «Manchester by the Sea» (Original-Drehbuch). Viele der Goldmännchen gingen an Filmkunstwerke, die das Anderssein, die Toleranz und die Hoffnung feierten. Wie erfreulich. Und wie Anti-Trump!

Und ja, auch unser Covergirl Emma Stone hat gewonnen: Beste Hauptdarstellerin. Und der zerzauste Casey Affleck für seine eindringliche Leistung in «Manchester by the Sea». Ein Film über die Verlierer in den USA.

Einziger Wermutstropfen: Unser Courgette hat kein Brüderchen namens Oscar bekommen. 

Ein Bashing noch zum Schluss an die drei am roten Teppich von Pro 7: Banaler und langweiliger geht’s nicht. Nächste Jahr schenke ich mir das Blabla und stelle den Wecker auf halb drei, wenn die Show losgeht. So spannend wie heute dürfte es allerdings nicht mehr werden …

Bester Film

«Arrival» | «Fences» | «Hacksaw Ridge» | «Hell or High Water» | «Hidden Figures» | «La La Land» | «Lion» | «Manchester by the Sea» | «Moonlight»

Hauptdarsteller

Casey Affleck («Manchester by the Sea») | Andrew Garfield («Hacksaw Ridge») | Ryan Gosling («La La Land») | Viggo Mortensen («Captain Fantastic») | Denzel Washington («Fences»)

Nebendarsteller

Mahershala Ali («Moonlight») | Jeff Bridges («Hell or High Water») | Lucas Hedges («Manchester by the Sea») | Dev Patel («Lion») | Michael Shannon («Nocturnal Animals»)

Hauptdarstellerin

Isabelle Huppert («Elle») | Ruth Negga («Loving») | Natalie Portman («Jackie») | Emma Stone («La La Land») | Meryl Streep («Florence Foster Jenkins»)

Nebendarstellerin

Viola Davis («Fences») | Naomie Harris («Moonlight») | Nicole Kidman («Lion») | Octavia Spencer («Hidden Figures») | Michelle Williams («Manchester by the Sea»)

Bester Animationsfilm

«Kubo and the Two Strings» | «Moana» | «My Life as a Zucchini» | «The Red Turtle» | «Zootopia»

Kamera

«Arrival» | «La La Land» | «Lion» | « Moonlight» | «Silence»

Kostüm

«Allied» | «Fantastic Beasts and Where To Find Them» | «Florence Foster Jenkins» | «Jackie» | «La La Land»

Regie

«Arrival» | «Hacksaw Ridge» | «La La Land» | «Manchester by the Sea» | «Moonlight»

Schnitt

«Arrival» | «Hacksaw Ridge» | «Hell or High Water» | «La La Land» | «Moonlight»

Fremdsprachiger Film

«Land of Mine» | «A Man Called Ove» | «The Salesman» | «Tanna» | «Toni Erdmann»

Haar und Make-up

«A Man Called Ove» | «Star Trek Beyond» | «Suicide Squad»

Musik

«Jackie» | « La La Land» | «Lion» | «Moonlight» | «Passengers»

Ausstattung

«Arrival» | «Fantastic Beasts and Where to Find Them» | «Hail, Caesar!» | «La La Land» | «Passengers»

Visuelle Effekte

«Deepwater Horizon» | «Doctor Strange» | «The Jungle Book» | «Kubo and the Two Strings» | «Rogue One: A Star Wars Story»

Adaptiertes Drehbuch

«Arrival» | «Fences» | «Hidden Figures» | «Lion» | «Moonlight»

Originaldrehbuch

«Hell or High Water» | «La La Land« | «The Lobster» | «Manchester by the Sea» | «20th Century Women»

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